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"Dir nehm' ich dein Land, deinen Arbeitsplatz, deinen Mann und dein Haus weg" - 6 junge Deutsche rechnen nach der Wahl mit der AfD ab

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MIGRANTEN ABRECHNUNG
Junge Migranten rechnen nach der Berlin-Wahl mit Deutschland ab | HuffPost
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Es ist ein Ergebnis, das vor wenigen Monaten noch keiner für möglich gehalten hat: über 14 Prozent hat die AfD bei den Wahl in Berlin geholt. Aus dem Stand ein zweistelliges Ergebnis in einer Stadt, die sich gerne weltoffen und tolerant gibt.

In sieben weiteren Bundesländern ist die AfD schon vorher in den Landtag eingezogen. Und so stellt sich nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland die Frage: Wie erleben junge Migranten den Aufstieg der Rechtspopulisten und den Diskurs, der seither geführt wird?

Wir haben sechs von ihnen gefragt. Sie sind Kulturschaffende, arbeiten in Unternehmen oder sind Studenten - und leisten allesamt auf ihrem Gebiet großartiges. Es sind jene Migranten, die auch die AfD immer wieder umwirbt - gut integriert, erfolgreich und einflussreich. Hier sind ihre Antworten. Sie sind eine Abrechnung mit Deutschland nach der Berlinwahl.

leiter einer integrationsschule

Hammed Khamis, Deutsch-Libanese, Autor, Leiter einer Integrationsschule

"Neulich habe ich ein Formular ausgefüllt. Man sollte seine Religion dort auch angeben. Da habe ich keine Angaben gemacht. Das tat ich, weil ich mir gedacht habe, dass die Person, die über mein Anliegen entscheidet, vielleicht auch AfD-Wähler ist und mich aufgrund meiner Religion diskriminieren kann. Wir Muslime sind doch auch gegen Extremismus.

In Sachsen steige ich nicht mehr aus dem Auto, weil ich dort an einer Raststätte gesehen habe, wie willkürlich und rassistisch selbst Polizeibeamte mit einer Kopftuch tragenden Frau umgegangen sind. Es kann nicht sein, dass der Hass einer kompletten Religionsgemeinschaft salonfähig gemacht werden soll. Muslimen wird der Terrorflor nun aufgenäht. Das ist nicht fair. Es sind auch nicht alle Sachsen böse."

merve guel

Merve Gül, Jura-Studentin, Übersetzerin

"Die AfD als Partei hat einen verfassungsfeindlichen Kern. Das ist nach so vielen Fehltritten ihrer Funktionäre nicht zu leugnen. Eine Petry, die vor laufender Kamera in Talkshows verfassungsfeindliche Sprüche klopft und anschließend behauptet, sie habe so etwas nicht gesagt, kann auch kein seriöser Diskussionspartner mehr sein.

Seriöse Diskussionspartner sind für mich aber Wähler der AfD. Wenn sie sich allesamt mit dem verfassungsfeindlichen Kern ihrer Partei nicht identifizieren, dann fordere ich sie dazu auf sich von diesem zu distanzieren. In der Wählerschaft sehe ich neben Nazis überwiegend Menschen, die die Globalisierung fürchten. Diese Ängste sind zunächst berechtigt. Diese Ängste sind auch der Nährboden für Populismus. Dem Populismus können wir entgegenwirken, wenn wir klare Worte für die Ängste finden.

Die Schleife der falschen Fragen und Themenschwerpunkte ist endlos lang. Ich persönlich sehe mich in der Pflicht die richtigen Themen und Probleme präzise genug zu formulieren und sie in die Öffentlichkeit und in Parteien zu tragen.

So nehmen wir der AfD den Wind aus den Segeln. Wer mit dem erhobenen Zeigefinger auf den Bürger einredet, der verkennt jegliche Augenhöhe und Mitspracherecht. Ich mache da nicht mit. Und an die Nazischweine hab ich nur eine Botschaft: dir nehm' ich dein Land, deinen Arbeitsplatz, deinen Mann und dein Haus weg."

ahmed agdas

Ahmed Agdas, Jung-Politiker CDU und Student der Sozioökonomie

"Die AfD kann einem schon fast leid tun. Die AfD Wählerschaft ebenso. Aber der Reihe nach: Eine vor drei Jahren gegründete Partei, die schneller Erfolge erzielt als sie wachsen kann, wird bald wie ein Kartenhaus in sich einstürzen. Eine nachhaltige Partei braucht Infrastruktur, zuverlässiges und politisch intelligentes Personal sowie ein Konzept über die gegenwärtige Krise von der sie profitiert, im Fall der AfD ist das die Flüchtlingskrise, hinaus.

Ich beobachte die Erfolge der AfD mit großer Sorge, aber dass die Wählerschaft diese Zusammenhänge mit den Machtverhältnissen im Bundesrat und Bundestag sowie der Äußerung AfD Politiker, sie wollen nur in der Opposition sitzen, das ist ebenfalls mit Sorge zu betrachten. Denn offenkundig haben viele nicht verstanden, wie Demokratie funktioniert. Aber sie werden sich demaskieren und die Enttäuschung der AfD Wähler wird groß sein. Sobald das Kartenhaus zusammen gebrochen ist."

thomas glaser
Foto: Thomas Glaser

Emre Yavuz, Medizinstudent, ehemaliger Präsident des International Business Club e.V.

"Erst kürzlich hat mir ein befreundeter Unternehmer mit Migrationshintergrund erzählt, dass er während seiner ersten Selbstständigkeit Sorgen und Ängste hatte, ein Ladenlokal in Deutschland anzumieten. Damals gab es immer wieder Anschläge auf Läden von Migranten.

Erst viel später sollte sich herausstellen, dass es sich bei einigen davon um Taten des NSU handelte. Viele weitere sind immer noch nicht aufgeklärt. Auch wenn Politik und Behörden bei vielen dieser Anschläge immer wieder behaupteten, dass es keine Hinweise auf rechtsradikale Motive gäbe, blieb dieses unwohle Gefühl, das seinen Beobachtungen zufolge viele Unternehmer aus der migrantischen Community daran gehindert hat, mehr in dieses Land zu investieren.

Heute sind offen rechtsradikale Angriffe auf Moscheen und Flüchtlingsunterkünfte fast alltäglich. Ich finde es schon erschreckend, wie wir gelernt haben, diesen Hass quasi zu ignorieren. Wir sollten einen ehrlichen und offenen Diskurs über die Ursachen führen und unbedingt Lösungswege finden. Stattdessen wird die AfD immer salonfähiger, indem sie sich schützend vor diese sogenannten „besorgten Bürger“ stellt, und auch andere führende Politiker fordern lediglich mehr Loyalität von Migranten.

Ich habe das Gefühl, dass viele Politiker erstmal noch das kleine Einmaleins der Diversitätskompetenz und Internationalität lernen müssen: So funktioniert Pluralität nicht, so fördern wir unsere Kompetenzen auf dem globalen Markt nicht! Wenn es hier so weitergeht, wird unser Land irgendwann den Anschluss verlieren und sich immer mehr abschotten.

Aber es reicht natürlich nicht, nur von der Politik zu fordern. Wir Bürgerinnen und Bürger haben auch eine Verantwortung gegenüber Deutschland.

Mein Freund, der Unternehmer mit Migrationshintergrund, hat sich nicht entmutigen lassen. Er und seine Frau haben heute nicht nur mit ihrer Firma Erfolg, sondern engagieren sich auch ehrenamtlich in der Lokalpolitik und in gemeinnützigen Vereinen.

Was die Rechtspopulisten in diesem Land versuchen kaputt zu machen, das müssen wir halt wieder aufbauen. Manchmal denke ich zurück an die letzten paar Jahre und an die vielen Migranten, die ich kennenlernen durfte, die so viel für dieses Land leisten – trotz diesem ständigen Gefühl, dass man nie so ganz dazugehören wird. Und dann fallen mir wieder diese Forderungen nach Loyalität ein und ich denke mir:

Was wollt Ihr eigentlich noch!?"

akil

Akilnathan Logeswaran, Kurator der World Economic Forum Global Shapers Munich

"Als mich die Wahlergebnisse aus Berlin erreichen, bin ich gerade zu Besuch beim internationalen Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Athen. Ich kann mit aller Bestimmtheit sagen, dass es also wirklich wichtigere Probleme gibt, als über das Abschneiden der AfD zu diskutieren. Natürlich ist es traurig, dass eine Partei u.a. von Geringverdienern gewählt wird, obwohl sie den Sozialstaat quasi abschaffen will, von ihren Umwelt- & Migrationsplänen ganz zu schweigen.

Gleichzeitig es gibt auch positive Signale bei dieser Wahl. Nach der fünfjähriger Abstinenz schafft es die liberale Partei wieder in das Parlament. Man kann von ihr halten was mal will, aber eine liberale Vertretung im Parlament ist definitiv nötig. Vor allem in Zeiten, in denen sie der rechten Szene Paroli bietet!

Zum zweiten Mal in Folge ist die Wahlbeteiligung gestiegen. Von wegen Wahlverdrossenheit und Desinteresse. Vielleicht ist es jetzt endlich an der Zeit, dass Politiker sich wieder mehr umhören und sich nicht an der Angst orientieren, die eine kleine Minderheit am Rand macht. Sondern mit positiven Zeichen Visionen erarbeitet, wo die Stadt und die Gesellschaft hin will. Denn wenn wir in unseren turbulenten Zeiten eines brauchen, dann ist es doch ein Ziel und eine Vision wo wir hinwollen, und nicht wie es wieder zurückgeht, in die alten Zeiten."

caglar

Çağlar S. Efe, Redakteur bigSES, Student Journalismus und Unternehmeskommunikation aus Köln

"Anstatt sich allem Fremden und Unbekannten demagogisch entgegenzustellen, sollte die AfD sich doch mal mit dem Grundgesetz befassen. Natürlich sind Wahlergebnisse alarmierend, aber davon lasse ich mich und dürfen wir, als muslimische Community in Deutschland, uns nicht einschüchtern lassen. Das wäre Wasser auf die Mühlen solcher Hetzparteien wie der AfD.

Den Islam und mit ihm alle Muslime in Deutschland zu dämonisieren und unter Generalverdacht zu stellen, bringt der AfD vielleicht mehr Stimmen, zeigt aber auch, wie realitätsfern, unwissend und populistisch sie ist. Es besteht ein ganz klarer Unterschied zwischen Islam und Islamismus.

Selbst reines Pauschalisieren, unter dem Deckmantel der Demokratie Muslime zu diskriminieren und das, unterstützt durch mediale Hasstiraden, noch propagandistisch als rechtmäßig zu deklarieren, ändert nichts daran. Was man dagegen tun kann? Ganz klar: Zusammenhalten! Gemeinsam sind wir stark und nur gemeinsam können wir erneut beweisen, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime friedlich und gesetzestreu sind."

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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