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Todesstrafe: "Ich habe zwei Menschen getötet - das habe ich daraus gelernt"

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LETHAL INJECTION
Semon Frank Thompson tötete zwei Menschen in seiner Funktion als Gefängnisdirektor in Oregon. | David J Sams via Getty Images
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"Ich habe die Todesstrafe immer unterstützt. Jetzt tue ich das nicht mehr", sagt Semon Frank Thompson.

Vier Jahre war er Leiter des Staatsgefängnisses von Oregon. Und dort erlebte er Dinge, die für die meisten Menschen unvorstellbar sind.

Thompson hat zwei Menschen getötet - weil er die Todesstrafe ausführen musste.

Was das mit ihm gemacht hat, beschreibt er nun in einem lesenswerten Beitrag für die "New York Times".

Der Titel seines Textes: "Was ich lernte, als ich zwei Menschen tötete".

"Die Planung einer Exekution ist surreal"

"Während dem Vorstellungsgespräch wurde ich gefragt, ob ich bereit sei, eine Exekution durchzuführen. Ich sagte 'Ja'. Oregon hatte zu dem Zeitpunkt seit Jahrzehnten niemanden mehr getötet, aber die Todesstrafe gehörte trotzdem zum Rechtssystem. Also musste ich auf alles vorbereitet sein", erklärt Thompson.

Er bekam den Job. Und nur kurz darauf musste er zwei Menschen exekutieren - die Zimmergenossen Douglas Franklin Wright und Harry Charles Moore.

Wright tötete drei Obdachlose. Später gab er zu, auch einem zehnjährigen Jungen das Leben genommen zu haben. Moore wurde des Mordes an seiner Schwester und ihrem Mann überführt.

"Da ich nun persönlich in ihre Hinrichtungen involviert war, musste ich mich auch mit meinen Gefühlen in Bezug auf die Todesstrafe auseinandersetzen", schreibt Thompson.

Und: "Die Planung einer Exekution ist einfach surreal. Während ihrer letzten Tage werden die Verurteilten rund um die Uhr überwacht. Um sicher zu gehen, dass sie sich nicht selbst verletzen oder sich umbringen. (...) Ich kann die Logik dahinter verstehen, aber das macht diese Erfahrung nicht weniger seltsam."

Nach jeder Hinrichtung gab es Gefängnis-Mitarbeiter, die sich in Zukunft nicht mehr an der Ausführung der Todesstrafe beteiligen wollten. Andere hätten Schlafprobleme bekommen. Es sei schwer, seine Empathie und Menschlichkeit nicht zu verlieren, wenn man dabei hilft, einen anderen Menschen zu töten, erklärt der ehemalige Gefängnis-Direktor.

Die Folgen für die Menschen, die diesen Job machen, können schwerwiegend sein: Drogen- oder Alkoholsucht, Depressionen und sogar Suizid, schreibt er.

"Ich kann es nicht in Worte fassen, wie viel Angst ich vor einer stümperhaften Ausführung der Todesstrafe hatte. Ich war mir nicht sicher, wie gut meine Mitarbeiter das alles verkraften würden", gibt Thompson zu. "Ich fing an, die Tragweite des Unternehmens zu spüren, während ich für die Hinrichtungen trainierte."

"Der Durchschnittsbürger wird nie einem Todeskandidaten in die Augen schauen"

"Normale Bürger werden nie einem Todeskandidaten in die Augen schauen und ihm dabei die Todesspritze verabreichen müssen. Aber wir alle tragen die Last einer Politik, die unsere Gesellschaft nicht sicherer gemacht hat."

Seit er aus dem Dienst ausgeschieden ist, hat der Mann eine Mission: Er will anderen klarmachen, dass die Todesstrafe nicht mehr ist als gescheiterte Politik.

Am 22. November 2011 kündigte der Gouverneur des US-Bundesstaats Oregon an, bis auf Weiteres keine Exekutionen mehr zu genehmigen.

Dieser 27-Jährige bekam die Todesspritze verabreicht - war er unschuldig?

Menschenrechtler warnen schon seit Jahrzehnten, dass immer wieder auch Unschuldige zum Tode verurteilt und hingerichtet werden. Wie Carlos DeLuna etwa. Der 27-Jährige wurde 1989 hingerichtet, weil er einer Frau vor ihrem Geschäft aufgelauert und sie dann erstochen haben soll.

Jahre später schrieben renommierte Forscher einen brisanten Bericht: DeLuna war offenbar unschuldig. Doch das half ihm nicht mehr. Ihm wurde die Todesspritze verabreicht.

Der Tod durch die Nadel ist die bevorzugte Exekutionsart in den Vereinigten Staaten. Dem Todeskandidaten werden dabei nacheinander drei todbringende Chemikalien verabreicht: Die erste führt zur Bewusstlosigkeit, die zweite lähmt den Atmungsapparat und das dritte Mittel führt letztendlich zum Tod durch Herzstillstand.

Oft sterben die Verurteilten unter Qualen

Auch die Durchführung einer Exekution läuft oftmals nicht reibungslos ab, und die Verurteilten erleben ein langes- und auch schmerzhaftes - Lebensende. Das britische Fachmagazin "Lancet" veröffentlichte eine Studie, die sich auf die Obduktionsergebnisse von Hingerichteten stützt.

Und zeigt: In vielen Fällen ist die Dosierung zu gering - die Patienten werden oftmals nicht bewusstlos. Zudem werden viele Verantwortliche nicht richtig geschult und würden sich nicht mit den Betäubungsmitteln auskennen, die sie den Todeskandidaten verabreichen.

Auch geistig Zurückgebliebene werden hingerichtet

Zwischen 1977 und 2001 wurden mindestens 44 Gefangene hingerichtet, die als geistig zurückgeblieben angesehen wurden. Das geht aus einem Bericht von Amnesty International hervor.

Die Menschenrechtsorganisation setzt sich seit Jahrzehnten gegen die Todesstrafe ein.

Trotz allem: Im Januar 2016 saßen immer noch 2943 Menschen in amerikanischen Todeszellen.

"Es wird schwer werden, der Todesstrafe ein Ende zu setzen. Aber ohne sie werden wir eine gesündere Gesellschaft sein", schließt Thompson seinen Erfahrungsbericht ab.

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