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Türkischer Journalist Dündar: "Deutschland verhält sich gegenüber der Türkei wie 1915"

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CAN DUENDAR
Türkischer Journalist: Deutschland verhält sich gegenüber der Türkei, wie während des Völkermords 1915 | MAURIZIO GAMBARINI via Getty Images
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  • Der türkische Journalist Can Dündar kritisiert den deutschen Umgang mit der Türkei
  • Dieser erinnere ihn an die deutsche Unterstützung des Völkermords an den Armeniern 1915
  • Auch damals habe man aus pragmatischen Gründen Missstände ignoriert

Der türkische Journalist Can Dündar polarisiert. Wegen seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Erdogan-kritischen Zeitung "Cumhuriyet“ wurde er in der Türkei verurteilt.

Auch mit der deutschen Bundesregierung geht Dündar immer wieder hart ins Gericht. Nun veröffentlichte er in der "Zeit“ einen Kommentar, in dem er den deutschen Umgang mit der Türkei als historischen Fehler bezeichnet – und Parallelen zur deutschen Haltung während des türkischen Völkermords an den Armeniern vor über 100 Jahren herstellt.

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"Die jüngsten Spannungen zwischen Ankara und Berlin wegen des Militärstützpunktes in Incirlik erinnern an diese Geschichte“, schreibt Dündar.

Deutsches Reich unterstützte den Völkermord an den Armeniern

Der Hintergrund: Im Jahre 1915 hatte die damalige osmanische Führung damit begonnen, systematisch gegen die armenische Bevölkerung des Reiches vorzugehen.

Bei Deportationen in Wüstengebiete und Massakern in Städten und Dörfern kamen insgesamt wohl mehr als eine Millionen Menschen armenischer Herkunft ums Leben. Historiker haben erwiesen: Die deutsche Führung wusste von den Gräueltaten ihres osmanischen Verbündeten – unterstützte gar die Planung von Deportationen.

Der Grund war ein pragmatischer. "Wir brauchen die Türken“, schrieb Reichskanzler Bethmann Hollweg, nachdem Botschafter Hans von Wangenheim ihm auf die Massaker aufmerksam gemacht hatte. "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“

Auch heute "braucht" Deutschland die Türken

"Wir brauchen die Türken“: Auch heute sei dies das oberste Mantra der Bundesregierung, glaubt Dündar. Er schreibt: "Kanzlerin Merkel steckte in der Zwickmühle: auf der einen Seite die Öffentlichkeit im eigenen Land, auf der anderen das "Zweckbündnis zwischen Deutschland und der Türkei".“

Merkel habe sich für die zweite Variante entschieden, als sie sich durch ihren Regierungssprecher Steffen Seibert von der Armenien-Resolution des Bundestages distanziert hatte.

Der hatte im Juni beschlossen, Deutschland müsse den Völkermord von 1915 als solchen anerkennen, woraufhin der türkische Präsident Erdogan deutschen Politikern den Besuch des Bundeswehr-Stützpunkt in Incirlik verbot.

Deutschland habe nun die Position der Türkei eingenommen: Was als Völkermord zu bezeichnen ist, müssten Gerichte entscheiden.

So habe man die Krise gelöst. Im Oktober soll der erste deutsche Besuch in Incirlik seit dem Eklat stattfinden.

Doch es gehe Deutschland um mehr als De-Eskalation. Dündar glaubt: "Deutschland strebt danach, im Nahen Osten mitzureden." Deshalb unterstütze die Bundesregierung auch Ausbildungsprogramme in der Türkei, treibe die Modernisierung der Armee voran.

Der Journalist resümiert: "Ich kann mir vorstellen, was der deutsche Botschafter in der von Ausnahmezustand und Syrien-Einsatz erschütterten Türkei ans Auswärtige Amt schreibt, ebenso die Antwort aus Berlin: Wir brauchen die Türken.“

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