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Noam Chomsky: "Die USA erlebt eine tiefe Krise der Demokratie"

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US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump | MANDEL NGAN via Getty Images
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Fest und lange erwidert Noam Chomsky, 87 Jahre alt, den Händedruck.

Verschmitztes Lächeln, freundliche Augen. Sein Zimmer hier im 8. Stock eines Gebäudes am MIT in Cambridge ist wie das Klischee eines Gelehrten: Bücherstapel, alte Plakate, Notizen. Chomsky, einer der wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart, geht hart ins Gericht mit den USA.

Er wird nicht ein Mal stocken oder "Äh" sagen, wenn er im Interview Ursachen einer gesellschaftlichen Malaise herleitet. Ein einziger, langer Fluss der Gedanken.

Was hat Donald Trump möglich gemacht? Was sagt der Erfolg dieses Kandidaten aus über den Zustand der Vereinigten Staaten?

Noam Chomsky: Dieses sehr eigenartige Phänomen hat einen gewissen Hintergrund, eine Art Tradition, über die nicht allzu viel berichtet wird. Nehmen wir die Vorwahlen der letzten Jahre. Populäre Kandidaten der republikanischen Basis waren so gefährlich und so verrückt, dass das Establishment der Partei einschritt und sie eliminierte: Michelle Bachmann, Rick Santorum, Herman Cain.

Alle außerhalb des normalen Spektrums, Denunzianten mit viel Geld. Dieses Mal hat es das Establishment einfach nicht geschafft.

Woran liegt das?

Sie konnten einfach nichts tun. Trump ist singulär. Es hat so etwas wie ihn in westlichen Industriestaaten noch nie gegeben.

Die USA haben einige gravierende Probleme. Ungleichheit, Rassismus, gesellschaftliche Brüche, Identitätsfragen - warum denken so viele, dass Trump die richtige Antwort auf Fragen wie diese ist?

Wir wissen recht genau, welche Haltungen und Sorgen die Trump-Unterstützer haben. Zunächst: Es sind nicht die Armen. Die meisten sind aus der weißen Arbeiterklasse, in der Periode des Neoliberalismus wurden sie beiseite geworfen. Genau genommen begann es mit Ronald Reagan.

Und die Demokraten?

Antwort: Die Demokraten haben diese Gruppe schon in den 70er Jahren verlassen, behaupten aber bis heute das Gegenteil. Sie dürfen ja in den USA schon lange nicht mehr von einer Arbeiterklasse sprechen. Sie müssen "Mittelklasse" sagen, das soll dann "Arbeiterklasse" meinen.

Wie auch immer - genau diese Klasse wurde ganz einfach sitzengelassen. Sehen Sie sich nur die Löhne an. Was heute niemand mehr wissen will: In den Zeiten unseres größten Wachstums folgten die Löhne dem Bruttosozialprodukt und der Produktivität.

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(Verlassene Häuser in der Industriestadt Detroit. Quelle: Reuters)

Das endete Mitte der 70er Jahre. Ein ganzes Segment der Gesellschaft wurde vom politischen System stehengelassen und abgekoppelt. Jetzt sind diese Menschen verbittert und nachtragend.

Sehen Sie weitere Gründe?

Antwort: Ein zweites Element, das Sie ja auch aus Europa ganz gut kennen, ist die Entwicklung des Populismus und Ultranationalismus. Es gibt eine unmittelbare Korrelation zwischen der Unterstützung autoritärer Populisten und den Trump-Begeisterten.

Viele von ihnen fühlen sich bedroht, zum Beispiel vom Feminismus und anderem, von Entwicklungen, die die Ordnung gefährden, die diesen Menschen gegeben scheint. Entstanden ist ein äußerst gefährlicher Mix.

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(Trumpunterstützer auf einer Wahlveranstaltung. Quelle: Getty)

Für wie bedrohlich halten Sie diesen Mix?

Es handelt sich um eine tiefe Veränderung des politischen Systems. Die USA sind eigentlich ein Einparteienstaat mit zwei politischen Fraktionen, Republikanern und Demokraten. Aber: Genau genommen stimmt das so nicht mehr. Wir sind noch immer ein Einparteienstaat, der Partei des Business.

Aber es gibt nur noch eine Fraktion, von der es ziemlich egal ist, wie wir sie nennen. Beide Parteien sind nach rechts gedriftet. Hillary Clinton wäre vor ein paar Jahrzehnten bei moderaten Republikanern gut zuhause gewesen.

Wohin haben sich die Republikaner entwickelt?

Leider sind sie aus dem normalen Spektrum herausgedriftet. Sie sind im eigentlichen Sinn keine parlamentarische Partei mehr.

Wenn Sie von einer größeren Veränderung des politischen Systems sprechen - ist dann auch eine neue Partei denkbar, wenn wir zum Beispiel an die Millionen denken, die Bernie Sanders unterstützt haben? Die sind ja jetzt nicht verschwunden.

Absolut. Wenn wir eine aktive, streitbare Arbeiterbewegung in der Art hätten, wie es sie in den USA in den 30er Jahren gab, würde das wahrscheinlich Sanders-Unterstützer mit denen Trumps kurzschließen. Sie sind auf viele Weisen unterschiedlich, teilen aber im Kern dieselbe Wut über den Angriff auf die weiße Arbeiterklasse und auf die Armen. Das könnte der Anfang von etwas ganz Neuem sein.

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(Chomsky in seinem Büro am MIT. Quelle: Getty)

Sogenannte dritte Parteien haben es in den USA schwer.

Ja, Folge unseres britischen Erbes. Keine proportionale politische Repräsentation, sondern Mehrheitswahlrecht. Das macht es so schwierig.

Sie haben gesagt, Trump sei das Ergebnis einer implodierten, kollabierten Gesellschaft. Würden Sie soweit gehen, dass auch das politische System selbst zusammengebrochen ist?

Schauen Sie - man muss schon sagen, dass es in Europa eigentlich schlimmer ist. Die Demokratie hat in Europa einen entsetzlich schweren Schlag dadurch erlitten, dass die politische Entscheidungsgewalt auf die Brüsseler Bürokratie übertragen wurde. Eine schockierende Entwicklung.

Die USA haben sich wegentwickelt von einer Demokratie, hin zu einer Plutokratie mit demokratischen Anhängseln. Ja, es gibt hier sehr viel Freiheit, eine sehr offene Gesellschaft, viele positive Dinge. Aber in unserem System ist die breite Mehrheit der Gesellschaft schlicht unterrepräsentiert.

Von was für einer Größenordnung sprechen Sie?

Antwort: Von drei Vierteln der Gesellschaft. Ihre Repräsentanten interessieren sich überhaupt nicht für sie, vor allem für die unteren Gehaltsgruppen. Je mehr wir uns die Gehaltsskala hinaufbewegen, desto mehr Einfluss sehen wir. Bis wir dann ganz oben sind, bei dem Bruchteil des einen Prozent, das praktisch alles kontrolliert.

In der Konsequenz führt das zu Kandidaten, die historisch schlechte Umfragewerte haben.

Antwort: Vorsicht, das ist irreführend. Das Gleiche gilt doch für alle Institutionen! Schauen Sie sich die Werte an für den Kongress, für Banken, für Unternehmen, für buchstäblich alles außer dem Militär, Zustimmungswerte oft im einstelligen Bereich. Die Werte für die Kandidaten sind kein Ausreißer. Sie stehen für eine große gesellschaftliche Malaise. Sie bedroht die Demokratie.

Worauf können wir hoffen?

Es gibt Auswege. Nehmen Sie das Sanders-Phänomen. Diese Leute kamen wie aus dem Nichts. Keine Unterstützung aus dem Business oder dem politischen System. Menschen, die um ökonomische und soziale Grundlagen fürchten. Eine Reaktion auf ihren Abstieg. Getragen von einer völlig unerwarteten, riesigen Sympathie und auch von der Hoffnung, dass irgendjemand neue Jobs schafft für die USA.

Vergleichen Sie das mit der Zeit nach dem Krieg - solche eine Bewegung, die auf eine reformfreudige, aufgeschlossene Regierung stieß. Aus so einem Amalgam kann etwas ganz Neues entstehen. Und es kann nicht nur, es muss!

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