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In der Schweiz bekommen Frauen bald höhere Renten - das ist der Grund

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WORKING WOMEN
Ein neuer Rentenentwurf in der Schweiz erhöht die Renten der Frauen um acht Prozent | Klaus Vedfelt via Getty Images
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  • Die Schweiz will die Renten von Frauen erhöhen
  • Die Erhöhung soll die Ungleichheit der Löhne von Männern und Frauen ausgleichen
  • Auch in Deutschland gibt es entsprechende Forderungen

Noch immer werden Frauen in Deutschland bei den Gehältern benachteiligt. So lag ihr durchschnittlicher Stundenlohn laut Statistischem Bundesamt 22 Prozent im vergangenen Jahr unter dem der Männer.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnete 2015 sogar, dass Frauen in ihrem Leben nur halb so viel verdienen. Der Grund: „Frauen ergreifen häufiger als Männer Berufe, die schlechter bezahlt werden“, sagte DIW-Forscher Stefan Bach damals. Außerdem müssten Frauen wegen Schwangerschaft und Kindererziehung im Berufsleben häufig pausieren.

Fakt ist: Frauen verdienen sogar bei gleicher Tätigkeit weniger als Männer. Auch die Renten fallen als Konsequenz entsprechend niedriger aus.

Bei den Eidgenossen verdienen Frauen knapp ein Fünftel weniger als Männer, berichtete die Neue Zürcher Zeitung (NZZ).

Die Schweizer Regierung will nun offenbar gegen diese nicht rational begründbare Ungleichheit vorgehen. In unserem südlichen Nachbarland sollen Frauen in Zukunft künftig mit einer vom Staat höher festgelegten Rente für die unverschuldete Lohnlücke zumindest teilweise entschädigt werden. Das sieht jedenfalls ein Gesetzes-Entwurf der Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit des Schweizerischen Nationalrates vor.

Der Schweizer Ökonom Salvi hält nichts von dem Entwurf

Bisher fiel die Rente von Frauen in der Schweiz im Durchschnitt um 37 Prozent niedriger aus als die der Männer. Das ergab eine Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen.

Die Kommission will in ihrem Entwurf die statistisch unerklärte, geschlechterspezifische Lohndifferenz den Rentenbeiträgen der Frauen anrechnen. Um diese Differenz zu kompensieren, werden künftig die Beiträge der Frauen automatisch um einen Korrekturfaktor von etwa acht Prozent erhöht, der aus Steuereinnahmen finanziert werden muss.

Die Kosten von jährlich gut 240 Millionen Euro Millionen Franken wollen die Eidgenossen durch Steuern finanzieren. Die Entscheidung für den Beschluss war sehr knapp. "Sie könnte in der Schlussabstimmung im Parlament noch gestrichen werden", sagte der Schweizer Ökonom Marvo Salvi der Huffington Post. Bisher aber sieht es nicht danach aus.

Der Ökonom zeigt sich wenig begeistert von der Renten-Reform. Er kritisiert, dass sich die Ursachen der Geschlechter-Diskriminierung anhand unterschiedlicher Löhne nicht so einfach nachweisen ließen.

Statistiken würden laut dem Ökonomen versuchen, Lohnunterschiede auf Faktoren zurückzuführen, die nur wenig messbar seien, wie das Alter oder die Ausbildung. Außerdem würden andere Angaben, wie die zur Berufserfahrung, der Anzahl und Dauer von Erwerbsunterbrüchen und zur Familiensituation oft in den Berechnungen fehlen.

Gleichstellungsbeauftragte ist überzeugt, Politiker kritisch

Brigitte Kowas, Gleichstellungsbeauftragte der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauen- und Gleichstellungsbeauftragter aus Berlin, findet: "Wenn Frauen hier in Deutschland acht Prozent als Ausgleich zur Durchschnittsrente eines Mannes bekämen, wäre das ein durchschlagender Erfolg! Der Weg ist auf jeden Fall richtig."

Deutsche Politiker hingegen äußern Zweifel an dem Entwurf der Schweizer. "In Deutschland wird ein solcher Ansatz aus guten Gründen nicht verfolgt", sagte ein Sprecher des Bundessozialministeriums der Huffington Post.

Die Schweiz versuche gerade, Fehlentwicklungen im Nachhinein zu "reparieren", anstatt die Ursachen zu bekämpfen, glaubt Westhoff. "Solche Reparaturen würden neue Probleme mit sich bringen. Über die Rentenversicherung würde nur ein Teil der Frauen einen Ausgleich erhalten, was zu Ungleichbehandlungen führen würde. Davon abgesehen mag man sicher diskutieren, ob es sinnvoll ist, den Staat oder die Beitragszahler für den Ausgleich der Niedriglöhne von Frauen zahlen zu lassen", glaubt Westhoff.

Die Linkspartei begrüßt den Entwurf

Es gibt aber auch andere Stimmen. Zumindest Teile der Linkspartei begrüßen den Schritt der Schweizer. Die Partei will aber vor allem, dass Frauen wenn sie dieselbe Arbeit wie Männer machen, auch das gleiche verdienen – als Folge würden sie auch bei den Renten nicht mehr benachteiligt.

Uschi Maxim, Chefin der Linken in Bayern, sagt: „Zeiten niedriger Löhne, der Erwerbslosigkeit, Kindererziehung und Pflege, von den aktuell vor allem Frauen betroffen sind, müssen deutlich besser abgesichert werden, damit sie nicht zu Armutsrenten führen.“ Die Linke fordere deshalb das, „was eigentlich selbstverständlich ist: Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“.

Es gibt Hoffnung auf einen neuen Gesetzentwurf

Aus dem Bundesozialmisterium heißt es derweil, dass im Ministerium derzeit ein Gesetzes-Entwurf in der Abstimmung sei, der die Unterschiede weiter bekämpfen solle.

Dieser werde dem Schweizer Entwurf jedoch nicht ähneln. Stattdessen wolle man sich um ein Rückkehrrecht für Frauen nach der Geburt in einen Vollzeit-Job, eine Frauenquote und um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bemühen.

Der Ökonom Marco Salvi würde sich diese Änderungen auch in der Schweiz wünschen. "Lohngleichheit kann und muss man erreichen, indem man die Vereinbarkeit von Familie und Karriere verbessert", sagt der Ökonom. Den Schweizer Entwurf nennt er gar "seltsam".

Doch klar ist: Die Schweiz unternimmt wenigstens ganz konkret etwas, um die Lohnungleichheit zu verhindern.

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