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Eine neue Terror-Strategie des Islamischen Staats bereitet Ermittlern große Sorge

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WUERZBURG TRAIN
In diesem Nahverkehrszug bei Würzburg verletzte ein IS-Attentäter mehrer Menschen teils schwer | KARL-JOSEF HILDENBRAND via Getty Images
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Eine neue Terror-Strategie des Islamischen Staates bereitet Ermittlern große Sorge. Statt Attentäter in Syrien auszubilden und nach Europa einzuschleusen, setzt die Miliz zunehmend darauf, Anhänger in den Zielländern aus der Ferne zu Anschlägen zu überreden. Dabei nutzen die Terroristen vor allem Instant Messenger - die Selbstmordattentäter werden regelrecht ferngesteuert.

"Sorge bereitet uns ein neuer Tätertypus, bei dem es sich nur scheinbar um Einzeltäter handelt", sagte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen am Mittwoch.

"Diese Attentäter werden virtuell aus dem Ausland über Instant Messaging ferngesteuert. Ein derartiges Szenario ist eine besondere Herausforderung für die Sicherheitsbehörden - ebenso wie die Aufdeckung von Schläferzellen", so Maaßen.

"Soziale Medien als Werkzeug hybrider Kriegsführung"

Die Islamisten-Szene nutzt das Internet nach Einschätzung des Verfassungsschutzes als zentrale Plattform für die Radikalisierung, Rekrutierung, Kommunikation und Steuerung von Dschihadisten - und zur Planung und Vermarktung von Anschlägen.

Viel Kommunikation laufe über Dienste wie Facebook, Whatsapp und Telegram. In den sozialen Netzwerken existierten Netzwerke, in denen gezielt nach Ausreisewilligen und potenziellen Attentätern gesucht werde. Dort würden Interessenten individuell beraten und bekämen dezidierte Anleitungen und Kontakte vermittelt.

Mehr zum Thema: Würzburg-Täter galt als friedlich - doch eine Nachricht änderte alles

"Islamistische Terroristen setzen auf das Internet und die sozialen Medien als Werkzeug hybrider Kriegsführung", sagte Maaßen. "Die mediale Marketingstrategie des IS inspiriert nicht nur Nachfolgetäter, die '15 minutes of fame' suchen." Neu seien Aufrufe in sozialen Netzwerken zu Anschlägen, bei denen der Attentäter selbst unversehrt bleibe.

Sonderkommission "Juli" hat die Ermittlungen übernommen

Mit dieser neuen Form der Rekrutierung beschäftigt sich nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR seit Monaten die Sonderkommission "Juli" des bayerischen Landeskriminalamts. Die Leitung der Ermittlungen hat der Generalbundesanwalt in Karlsruhe übernommen.

In die weltweit laufenden Ermittlungen der Sonderkommission sind US-Behörden eingebunden. Auch die saudische Regierung kooperiert, weil bei den Anschlägen in Deutschland zwei der Chat-Partner saudische Telefonnummern oder IP-Adressen verwendeten. Auch die IT-Konzerne im Silicon Valley wurden um Mithilfe gebeten.

Auslöser für die Arbeit der Sonderkommission waren die Anschläge von Würzburg und Ansbach im Juli dieses Jahres. Dabei war aufgefallen, dass die Täter bis zuletzt in enger Verbindung mit Leuten vom IS standen, die versuchten, sie über Messenger-Dienste fernzusteuern. In den Fällen Ansbach und Würzburg sollen die Kontakte über Monate bestanden haben.

"Perfekte Symbiose zwischen sozialen Medien und Terror"

In Ansbach wie in Würzburg sollen die Attentäter ihre Anleitungen über einen Handy-Chat bekommen haben. Wie die Anbahnung der Kontakte genau funktionierte, ist noch nicht in allen Details geklärt. Es gebe, sagt ein Ermittler, "eine perfekte Symbiose zwischen dem Siegeszug der sozialen Medien und einer neuen Form des Terrorismus".

Nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" soll der Attentäter, der in einem Nahverkehrszug bei Würzburg mehrere Menschen teils schwer verletzte, noch per Smartphone mit einem Vertreter des Islamischen Staates in Kontakt gestanden haben, als er sich bereits mit seinen Opfern im Zug befand.

Der hatte ihm zuvor geraten, einen Anschlag mit einem Auto zu begehen. Da der Attentäter aber nicht Auto fahren konnte, riet sein Chat-Partner ihm, eine Axt statt eines Messers zu benutzten: "Nicht mit einem Messer. Mach es mit der Axt. Wenn du den Anschlag begehen wirst, so Gott will, wird der Islamische Staat die Verantwortung dafür übernehmen."

"Jetzt erlangst du das Paradies"

Aus dem Zug schrieb der Attentäter: "Fang jetzt an." Sein Chat-Partner ermunterte ihn: "Jetzt erlangst du das Paradies."

Aufgabe der Sonderkommission ist es nicht nur, Chat-Partner der Attentäter zu identifizieren. Zudem soll sie herausfinden, wer für diese Form der Anwerbung besonders anfällig sein könnte und wer beim sogenannten Islamischen Staat für diese bisher unbekannte Variante der Rekrutierung verantwortlich sein könnte.

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt dazu am Mittwoch: "Der Typ ‚gesteuerter Einzeltäter‘ ist in der Tat eine Täterkategorie, die wir im Blick haben müssen." Es sei besonders wichtig, an die verschlüsselten Kommunikationswege solcher Leute "bereits vor Tatausführung ranzukommen".

Mit Material der dpa

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