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Immer mehr Menschen ziehen von der Stadt zurück aufs Land - das sind die Folgen

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Morgan David de lossy via Getty Images
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  • Neue Auswertungen zeigen: Immer mehr Menschen ziehen wieder aufs Land
  • Selbst Stadtmenschen haben gute Gründe dafür
  • Die Folgen der Stadtflucht betreffen die ganze Gesellschaft

Die Städte werden immer überfüllter, die Wohnungsnot dort immer größer - und doch will niemand auf dem Land wohnen. Das zumindest dachte man bisher.

Bevölkerungswissenschaftler des Wiener "Institute of Demography" hatten erst vor einem Jahr festgestellt, dass die Landflucht ein in Deutschland immer stärker auftretendes Phänomen sei.

Auf dem Land zu leben galt für viele Stadtmenschen lange als nicht erstrebenswert, als hinterwäldlerisch und langweilig. Doch nun zeichnet sich ein anderes Bild ab.

Ein neuer Marktbericht des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt, dass gerade wieder mehr Menschen aus der Stadt ins Umland ziehen. Laut dem Bericht hätten die Forscher bereits im Jahr 2014 ein leichtes Bevölkerungswachstum auf dem Land gemessen. Seitdem halte dieses an und verstärke sich sogar, berichtete die "Welt".

Warum wollen die Leute wieder aufs Land?

Der BBSR erklärt den Wandel vor allem dadurch, dass die Mieten auf dem Land in den meisten Fällen noch deutlich günstiger als die in der Stadt seien. Das treibe vor allem Familien wieder zurück in ländliche Regionen.

Doch die Wanderstatistiken, die der BBSR untersucht hat, zeigen noch etwas anderes: Auch die Umzüge in teure ländliche Regionen sind angestiegen.

"Das Münchner Umland ist im Gegensatz zu anderen ländlichen Regionen viel teurer. Aber die Statistiken ergeben, dass viele Menschen aus der Umgebung trotzdem dorthin ziehen", sagte Christian Schlag vom BBSR der Huffington Post.

Das zeigt also, dass günstige Mieten nicht der einzige Grund sein können, warum es Menschen zurück aufs Land zieht.

Im Falle Münchens spielt wohl auch eine Rolle, dass die Mieten in der bayrischen Hauptstadt noch einmal deutlich höher sind, als im Umland. Viele Menschen, die in München arbeiten, ziehen daher in die ländliche Umgebung.

Die Menschen sehnen sich nach Überschaubarkeit

Doch das ist nicht der einzige Grund für den Trend. Die Forscher des BBSR vermuten, dass Familien vor allem einen sicheren Ort für ihre Kinder suchen. Denn gerade die zwischen 30- und 50-Jährigen würde es laut der Statistiken wieder aufs Land ziehen.

Der Geographie-Professor Dr. Werner Bätzig glaubt, dass der Wunsch nach dem Landleben mit einer ganz bestimmten Sehnsucht der Menschen zusammenhängt - der Sehnsucht nach Überschaubarkeit.

"Je unüberschaubarer die Welt wird, je mehr die Welt global vernetzt wird und die Leute nicht mehr durchblicken - was hängt mit was zusammen -, desto mehr steigt praktisch die Idylle des Landlebens, das Land, wo man auf eine überschaubare Weise leben kann, wo jeder jeden kennt, wo im Prinzip die Welt verstehbar ist.

Das kriegt eine neue Attraktivität gegenüber dieser unverstehbaren, globalisierten, vollkommen zerrissenen und fragmentierten Welt", sagte der Professor in einem Interview mit dem Online-Portal "Planet Wissen".

Was sind die Folgen der Stadtflucht?

Doch das Leben auf dem Land kommt mit Problemen, wissen auch die Wissenschaftler.

Dr. Tim Leibert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Länderkunde, glaubt, dass die Menschen, die allein wegen geringerer Mieten ins Umland ziehen, einen Denkfehler machen.

"Oft bedenken die Leute nicht, dass es sogar teurer auf dem Land für sie werden könnte", sagte er der Huffington Post. "Sehr wahrscheinlich müssten sie dann sehr viel mehr Auto fahren, entweder zu ihrem Arbeitsplatz, in die Stadt oder um die Kinder wegzubringen. Das schadet auch der Umwelt. Aber unsere Infrastruktur ist leider nicht so gut, dass sich in diesem Fall eine andere Möglichkeit ergeben würde."

Leibert sieht aber gleichzeitig etwas Positives in dieser Problematik. Würden immer mehr Menschen aufs Land ziehen, könnte das die Politik vielleicht endlich dazu bewegen, die Infrastruktur auszubauen, glaubt der Wissenschaftler.

"Die Politik muss endlich einsehen, dass sie in den öffentlichen Verkehr investieren muss, auch außerhalb der Stadt", meint Leibert. "Unser aktueller Verkehrsminister hat offensichtlich wenig für die öffentlichen Verkehrsmittel übrig. Das ist nicht sehr nachhaltig gedacht."

Es könnte die Lösung für viele Probleme sein

Das Umland könnte von einem Zuwachs also auch deutlich profitieren. Wenn die Politik sich dafür einsetze, könnte das Umland endlich besser in die Städte eingebunden werden. Davon würden letztlich alle profitieren, glaubt Leibert.

Angst, dass die Städte nicht weiter wachsen, müsse ohnehin niemand haben. "Durch die internationale Zuwanderung bekommen die Städte mehr als genug Zuwachs", sagt Leibert.

Viele ländliche Regionen haben mit Problemen zu kämpfen, seitdem es immer mehr Menschen in die Städte zieht. Dorf-Bewohner beklagen schon lange einen Ärztemangel. Landärzte bekommen sogar schon Zuschüsse, da zu wenige Medizinstudenten Interesse daran haben, später auf dem Land zu arbeiten.

Wenn das Landleben aber allgemein wieder an Attraktivität gewinnt, würden sich auch wieder mehr junge Leute dafür interessieren, glauben die Forscher des BBSR. Für Schulen, Krankenhäuser und für den Einzelhandel hätte ein Bevölkerungswachstum auf dem Land ebenfalls Vorteile.

Die Wanderstatistiken, die dem BBSR vorliegen, lassen vermuten: Der Trend, ins Umland zu ziehen, wird sich weiter fortsetzen.

Leibert ist der Meinung: "Wenn die Politik mitspielt, dann könnte das durchaus positiv sein."

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(lp)