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Professor wütet: Die Mehrheit der Studenten hat an der Universität nichts verloren

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Professor wütet: Die Mehrheit der Studenten hat an der Uni nichts verloren | kasto80 via Getty Images
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  • Die Zahl der Studenten an deutschen Hochschulen steigt von Jahr zu Jahr
  • Dabei sind längst nicht alle für die Uni geeignet, kritisiert ein Professor aus Bayreuth
  • Zwei Drittel hätten rein gar nichts an der Uni verloren, sagt er

Von der Schule direkt an die Uni, Studieren um jeden Preis: Immer mehr junge Menschen schreiben sich an Hochschulen ein - oft auf Druck ihrer Eltern.

Experten sehen die steigende Zahl von Studierenden jedoch schon seit Jahren skeptisch. Nicht alle, die sich für ein Studium entscheiden, sind auch dafür geeignet, kritisieren sie.

Gerhard Wolf, Professor an der Bayreuther Universität, geht sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt: Die Mehrheit der Studenten hat an der Uni absolut nichts verloren.

Wolf ist einer der führenden Kritiker, wenn es um das Niveau an deutschen Universitäten geht. "Nur knapp ein Drittel ist an der Uni richtig", sagte er dem “Nordbayerischen Kurier”.

Studenten haben Probleme mit Rechtschreibung und einfachster Mathematik

Diese betrübliche Erkenntnis zieht der Professor für Ältere Deutsche Philologie aus einer aktuellen Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung, an der er selbst mitgearbeitet hat.

Seit 2006 lasse die “Studierfähigkeit” konstant nach, sagte Wolf der Zeitung. Das sei nicht nur ihm aufgefallen. Auch viele seiner Kollegen klagten über mangelndes Niveau in ihren Hochschulveranstaltungen.

Bei den Versammlungen des Philosophischen Fakultätentags, der hochschulpolitischen Vertretung von 135 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten, sei das schon vielfach zur Sprache gekommen.

Schon damals hätten Hochschullehrer deswegen eine Umfrage zu dem Thema in Auftrag gegeben. “Die Ergebnisse waren so katastrophal, dass wir in der Plenarversammlung im Wintersemester 2011/12 beschlossen haben, sie nicht zu veröffentlichen", so Wolf gegenüber dem “Nordbayerischen Kurier”.

Doch was bemängeln die Professoren an den Studenten genau?

Laut Wolf sind die Defizite fächerübergreifend zu beobachten. Zwei Drittel der Studenten hätten Probleme mit Rechtschreibung und Grammatik, außerdem mangle es an grundlegenden mathematischen Kenntnissen.

Viele kommen mit "völlig oberflächlichem Wissen" an die Uni

Außerdem beschreibt er das Fehlen an historischen Kenntnissen als “frappierend”. Viele junge Menschen, die frisch vom Gymnasium an die Uni kämen, hätten ein “völlig oberflächliches Wissen”.

Das allein würde den Professor nach eigener Aussage nicht so beunruhigen, wenn er nicht zusätzlich dazu das Gefühl hätte, dass die Studenten nichts gegen ihr fehlendes Wissen unternehmen wollten.

“Man kann immer alles nachschauen”, sagte er der Zeitung. “Aber man muss es auch machen. Und man muss darüber nachdenken können.” Er beobachte zudem, dass die Bereitschaft der Studierenden gesunken sei, sich gegenseitig zu helfen.

Für diese Entwicklung macht der Hochschullehrer vor allem eine Tatsache verantwortlich: “Jugendliche lesen immer weniger”, so Wolf. Deswegen fehle ihnen das Gefühl für die Sprache.

“Stilistische Eigentümlichkeiten wie Ironie können die gar nicht mehr aus Texten herausfiltern. Weil sie beim Schreiben in den sozialen Netzwerken Emoticons verwenden”, kritisiert er. Schuld seien außerdem die Eltern, die ihren Kindern viel zu wenig vorläsen.

Mehr zum Thema: Das passiert mit Kindern, denen jeden Tag vorgelesen wird

Er glaubt auch den Hauptgrund zu kennen, warum die Hochschulen so wenig gegen das sinkende Niveau unternehmen: Eine wachsende Zahl an Studenten bedeute für die Unis eine steigende finanzielle Ausstattung.

Viele kommen mit "völlig oberflächlichem Wissen" an die Uni

Ruft man sich die Studentenproteste der vergangenen Jahre in Erinnerung, kommen zumindest Zweifel über diese Theorie auf - dass immer mehr jungen Menschen an die Uni strömen, aber stimmt.

In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Studenten an deutschen Hochschulen um fast ein Drittel gestiegen - von 1,9 Millionen Immatrikulierten im Wintersemester 2002/2003 auf 2,7 Millionen 2015/2016.

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Das Problem beginne bereits in den Schulen, meint Wolf. "Die Schule muss ihre Aufgaben wieder ernst nehmen”, sagte er dem “Nordbayerischen Kurier”. “Es braucht auch eine gewisse soziale Selektion. Wenn wir 98 Prozent Schulerfolg haben, kann was nicht stimmen."

Die Schuld gibt er nicht den Lehrern, sondern der Politik. "Die Lehrer sagen, dass sie unter den Bedingungen nicht leisten können, was die Uni von ihnen fordert”, so Wolf.

Lehrer sehen G8 als Hauproblem an

Gymnasiallehrer begründen das mangelnde Wissen der Schüler häufig mit der Einführung des G8. Als in den Jahren von 2003 bis 2007 die Schulzeit um ein Jahr verkürzt wurde, hatte das vor allem den Hintergrund, dass deutsche Hochschulabsolventen mit durchschnittlich mehr als 28 Jahren im internationalen Vergleich zu alt seien.

Bis heute aber sind Lehrer der Ansicht, dass den Jugendlichen dadurch ein Jahr fehle, um sich adäquat auf die Universität vorzubereiten.

"Wo bleibt die Zeit, die Grundlagen zu trainieren. Kopfrechnen, Prozentrechnen? Wo wird denn noch am Stück geschrieben?”, kritisierte Elisabeth Götz, die Direktorin des Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasiums in Bayreuth dem “Nordbayerischen Kurier”.

Universitäten müssen Schüler besser informieren

"Ich frage oft, was sie an der Uni von den Schülern erwarten”, so Götz. “Ich kriege da wenige Antworten." Der Übergang zwischen Grundschule und Gymnasium sei weit besser abgestimmt als der zur Universität. Viele Schüler seien auch schlicht überfordert und wüssten nicht, was sie an der Hochschule erwarte.

Ihrer Ansicht nach müssen die Universitäten besser informieren - nicht nur über die Angebote der Studienfächer, sondern auch über die konkreten Voraussetzungen, die die jungen Menschen für die Fächer beherrschen müssen.

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(lp)