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Digitale Aussteiger: In der US-Stadt Green Bank leben die Bewohner komplett ohne Handy

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GREEN BANK
CBS/Getty/HuffPost
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Jeder, der mit dem Auto auf die kleine Stadt Green Bank im US-Bundesstaat Virginia zufährt, erlebt etwas Beunruhigendes. Das Radio fängt an zu rauschen und verliert schließlich das Signal völlig. Beim Blick aufs Smartphone stellt man fest, dass auch der Handyempfang weg ist.

Was für viele nach dem Anfang eines mittelmäßigen Horrorfilms klingen dürfte, wird für immer mehr Menschen zum alternativen Lebensmodell. Überall auf der Welt versuchen Menschen, dem Leben zwischen Smartphones, Termindruck und Informationsüberflutung zu entfliehen. Green Bank verkörpert diesen Trend - in aller Konsequenz.

Denn Green Bank ist im wahrsten Sinne des Wortes die ruhigste Stadt Amerikas. Die 143 Bewohner leben komplett ohne elektromagnetische Strahlung. Das bedeutet: kein WLAN, keine Handys und keine anderen kabellosen Geräte. Ein idealer Ort also, um der digitalen Welt zu entfliehen.

Was gerade Green Bank für digitale Aussteiger so attraktiv macht: Wer dort wohnt, kommt gar nicht erst in die Versuchung, mobile Geräte zu benutzen. Denn sie funktionieren dort schlicht und ergreifend nicht.

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Credit: CBS Pittsburgh

Der Grund: Die kleine Stadt in dem Bezirk mit dem malerischen Namen Pocahontas County liegt direkt neben dem National Radio Astronomy Observatory (NRAO). Die Umgebung dieses Observatoriums zur Erforschung des Weltraums ist zur 20.000 Quadratmeter großen National Radio Quiet Zone erklärt worden.

Elektromagnetische Signale können in West Bank die Arbeit der Forscher stören

Elektromagnetische Strahlung ist hier verboten, um die Forschung nicht zu beeinflussen. Sogar das kleinste Signal kann das 147 Meter hohe Teleskop stören und die Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse kosten.

Die Wissenschaftler versuchen, das Geräusch explodierender Galaxien am anderen Ende des Universums zu hören - Signale, die ein Milliardstel eines Milliardstel eines Millionstel eines Watt schwach sind.

Die meisten Bewohner von Green Bank empfinden das nicht als Einschränkung, sondern schätzen gerade diese Abschottung von der digitalen, schnelllebigen Außenwelt. Laut dem US-Onlineportal "Slate" ist knapp ein Viertel von ihnen bewusst in die Stadt gekommen, um der Strahlung zu entgehen, die sie als gesundheitsschädlich ansehen.

“Das Leben ist nicht perfekt hier”, sagte ein Bewohner "Slate". “Es gibt keinen Supermarkt, keine Restaurants und das nächste Krankenhaus ist auch ein Stück weg.” Aber das nehme er in Kauf. “Hier fühle ich mich gesund. Ich kann Dinge unternehmen. Ich liege nicht die ganze Zeit mit Kopfschmerzen im Bett.”

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Credit: CBS Pittsburgh

Dass Handystrahlung gesundheitliche Folgen haben, ist noch nicht erwiesen. Immer mehr Menschen aber stellen fest, dass die durchgehende Nähe zu ihrem Smartphone und die ständige Erreichbarkeit ihnen nicht gut tun. Sie sehnen sich danach abzuschalten, Zeit, ohne ihr Handy zu verbringen.

Green Bank ist längst nicht der einzige Beweis dafür, dass viele das nur schaffen, wenn sie durch äußere Einflüsse dazu gezwungen werden.

Menschen suchen nach Möglichkeiten, offline zu gehen

Auch die Berliner Firma Offline etwa arbeitet an einer App, die dem Smartphone-User dabei helfen soll, sich selbst zu disziplinieren.

Der Nutzer kann verschiedene Stufen der Erreichbarkeit wählen: er kann vorübergehend einzelne Apps und Nachrichtenkanäle sperren oder das Gerät über Stunden oder Tage sogar komplett deaktivieren. Eine Möglichkeit, diese Entscheidung bei der ersten Willensschwäche wieder rückgängig zu machen, gibt die Offline-App nicht.

Seit sie vor einem halben Jahr auf den Markt ging, wurde sie laut einem Bericht von "Zeit Online" bereits eine halbe Million Mal heruntergeladen - und das allein auf Android-Geräten, denn für iPhones ist die App noch nicht verfügbar.

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Credit: Getty Images

Auch auf anderen Wegen versuchen Menschen, sich von ihren mobilen Geräten zu lösen. Hotels, die einen so genannten Offline-Urlaub anbieten, stehen hoch im Kurs. Hier wird dem Gast weder ein Zugang zum Internet ermöglicht, noch ein Fernseher, Radio oder Wecker aufs Zimmer gestellt.

Brauchen wir wirklich jemanden oder etwas, das uns gewaltsam von unserem Smartphone fernhält?

Führt man sich folgende Zahlen vor Augen, deutet sich zumindest ein besorgniserregender Trend an.

Analog leben bedeutet, Rückschritt zu akzeptieren

Laut einem Bericht des “Spiegel” aus dem August sind bereits acht Pro­zent der ju­gend­li­chen Han­dy­nut­zer so eng mit ih­rem Ge­rät ver­bun­den, dass sie als sucht­ge­fähr­det be­zeich­net wer­den müs­sen.

Und in den USA über­steigt laut demselben Bericht die Zahl der Menschen, die im Stra­ßen­ver­kehr aufgrund der Handynutzung am Steuer ge­tö­tet wer­den, mitt­ler­wei­le die Zahl der­je­ni­gen, die durch Al­ko­hol am Steu­er sterben.

Analog leben bedeutet aber auch zwangsläufig, sich dem Rückschritt auszusetzen. Wer Bilder aus der kleinen analogen Enklave sieht, fühlt sich an einen Ort der 50er Jahre zurückversetzt. Es gibt keine Ampeln - laut “Slate” beschränkt sich ihre Zahl im gesamten Pocahontas County ohnehin nur auf drei.

Es gibt eine Schule, ein Postamt, einen Barbershop und einen Laden, der Stoffe verkauft. Im Süden von Green Bank steht eine Kirche.

Besucher der Kleinstadt bekommen einiges zu sehen, das aus anderen Städten schon längst verschwunden ist - eine alte Telefonzelle am Straßenrand zum Beispiel.

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Credit: CBS Pittsburgh

Das Observatorium zieht jedes Jahr 25.000 Touristen an (Stand 2013). Laut Jay Lockman, der als Wissenschaftler am NRAO arbeitet, kommen nicht alle von ihnen mit der Situation vor Ort klar.

“Manche rasten total aus, wenn sie merken, dass sie ihre kleinen Geräte nicht benutzen können”, sagte Lockman dem Nachrichtensender CNN.

Er selbst ist mit seiner Familie vor 20 Jahren nach Green Bank gekommen. Ihm gefalle die Kombination aus High-Tech-Wissenschaft und Landleben, sagte er CNN. Inzwischen fände er das Verhalten der Menschen außerhalb seines Wohnorts unerträglich.

88 Mal am Tag schaltet ein Smartphone-Nutzer sein Gerät im Schnitt an

“Ehrlich gesagt finde ich es ziemlich befremdlich und nervig, Menschen zu sehen, die permanent an ihren Geräten hängen und nicht darauf achten, was um sie herum eigentlich passiert”, sagte er dem Sender.

So wie der Wissenschaftler denken viele Menschen in Green Bank. CNN hat mit mehreren Bewohnern gesprochen und sie alle fragen sich, was nur mit dem Rest der Welt los ist, in dem alle Menschen derart fixiert auf ihr Smartphone sind.

Ohne Handys kann und will in der westlichen Welt in der Tat kaum noch jemand leben, das belegen Zahlen. Seit dem Jahr 2006 gibt es laut "Spiegel" in Deutsch­land mehr Han­dys als Men­schen. 2015 hatten 80 Mil­lio­nen Ein­woh­ner mehr als 110 Mil­lio­nen Mo­bil­funk­ver­trä­gen ab­ge­schlos­sen.

Im Schnitt schal­tet ein Smart­pho­ne­be­sit­zer den Bild­schirm sei­nes Han­dys 88-mal am Tag ein, 35-mal schaut er nur auf die Uhr oder ob eine Nach­richt gekommen ist. 53-mal ent­sperrt er das Han­dy, um Mails zu schrei­ben, Apps zu nut­zen oder im In­ter­net zu sur­fen. Das ergab eine Analyse des Informatikers Alex­an­der Mar­kowetz, aus der der “Spiegel” zitiert.

"Es bricht mir das Herz zu sehen, wie Mütter ihre Kinder wegen ihres Handys ignorieren"

Seine Erkenntnisse zieht Mar­kowetz aus der App Methal, die er zusammen mit Kollegen entwickelt hat. Sie zeichnet das Ver­hal­ten von Smart­pho­nen­ut­zern auf­, mit de­ren Ein­wil­li­gung. Die Nut­zer der App ver­brin­gen der Analyse zufolge zwei­ein­halb Stun­den am Tag mit ih­rem Han­dy, te­le­fo­nie­ren aber nur sie­ben Mi­nu­ten, den Groß­teil der Zeit ver­brin­gen sie bei Face­book und Whats­App oder mit Spie­len.

Die­se Zah­len lie­gen laut der Erhebung deut­lich über de­nen, die von Han­dy­nut­zern selbst ge­schätzt wer­den.

Die Menschen, die sich für ein Leben in Green Bank entschieden haben, können diese Smartphone-Versessenheit nur schwer nachvollziehen.

“Oft sieht man im Restaurant zwei Menschen, die zusammen Abendessen, aber nicht miteinander sprechen, sondern beide in ihr Handy starren”, zitiert CNN eine Frau. “Es bricht mir das Herz zu sehen, wie Mütter ihre Kinder ignorieren und nur aufs Smartphone fixiert sind.”

Observatorium verschafft den Bewohnern von Green Bank die Ruhe

Eine andere Bewohnerin gibt gegenüber dem Sender zu, dass sie früher selbst eine der Smartphone-Abhängigen war, nun aber glücklicher sei.

“Wir leben hier wie in einer Blase der Vergangenheit”, sagt sie. "Das Mandat abzuschalten hilft einem dabei, die Interaktion mit Technologie kritisch zu hinterfragen." Ihr Garten mit Blick auf die Allegheny Mountains sei eine “kleine Oase der Ruhe” für sie.

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Credit: Google Streetview

Diese Ruhe verdanken die Bewohner von Green Bank der Forschungseinrichtung vor ihrer Haustür. Die Arbeit der Forscher am Teleskop bedeutet manchmal aber auch eine Einschränkung für sie.

Laut dem lokalen Fernsehsender “WTHM” sind im Umkreis von einem Kilometer um das Teleskop nur Dieselfahrzeuge erlaubt. Auch Zündkerzen von Benzinautos könnten die Signale aus der Galaxie stören.

Manche der Einschränkungen betreffen den Alltag der Bewohner aber noch viel unmittelbarer - und führen mitunter zu kuriosen Begebenheiten.

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Credit: John B. Carnett via Getty Images

Ein Lehrer, der schon in den 1950er Jahren an der High School Schüler unterrichtete, berichtete CNN, er habe seine Türklingel austauschen müssen, weil deren Elektronik die Signale des Teleskops störte - für den 90-Jährigen ein weit größeres Ärgernis, als die Tatsache, dass er an seinem Wohnort kein Handy benutzen kann.

Bewohner machen sich Sorgen, dass zu viele Menschen nach Green Bank kommen

Er lebte schon in Green Bank, als das Observatorium noch nicht da war. 1956 wurde es gebaut, drei Jahre später ging das gigantische Teleskop - noch heute das größte lenkbare Gerät dieser Art - in Betrieb. Laut CNN wählte die Regierung die Gegend um Green Bank für die Forschungseinrichtung, weil die Bevölkerungsdichte in Pocahontas County sehr niedrig ist und die Berge einen guten Schutzwall bilden.

Es gibt allerdings etwas, das den Bewohnern weit größere Sorgen macht als die wenigen Umstände, die das Observatorium ihnen bereitet. Sie fürchten, dass ihr Geheimnis ans Licht kommt.

Das Geheimnis nämlich, dass es sich aus ihrer Sicht ohne Smartphones und WLAN-Zugang besser leben lässt und dass das in Green Lake ganz einfach geht. Und dass ihre analoge Oase nicht mehr dieselbe sein wird, wenn immer digitale Aussteiger aus den Städten zu ihnen kommen.

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(lp)