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Hohe Kinderarmut: Im Westen leben immer mehr Familien von Hartz IV

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KINDERARMUT DEUTSCHLAND
Die Kinderarmut in Deutschland steigt | ASSOCIATED PRESS
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  • Die Kinderarmut in Deutschland steigt
  • Gerade im Westen sind immer mehr Familien auf Hartz IV angewiesen
  • Vor allem Alleinerziehende und kinderreiche Familien sind betroffen

Das Ausmaß der Kinderarmut in Deutschland nimmt immer besorgniserregendere Formen an. Fast zwei Millionen Kinder sind auf Hartz IV angewiesen. Sozialleistungen zu bekommen, ist für die meisten inzwischen ein Dauerzustand. Das zeigt eine alarmierende neue Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Allerdings ist die regionale Verteilung des Problems sehr unterschiedlich: Den Berechnungen zufolge stieg die Quote der unter 18-Jährigen in Hartz-IV-Haushalten in den westlichen Ländern von 12,4 Prozent im Jahr 2011 auf 13,2 Prozent im Jahr 2015.

Im Osten sank der Anteil armer Kinder im selben Zeitraum um 2,4 Prozentpunkte; er blieb aber mit 21,6 Prozent vergleichsweise hoch. Damit wuchsen vergangenes Jahr in Deutschland insgesamt mehr als 1,9 Millionen Kinder in Armut auf – das sind 52.000 mehr als noch im Vorjahr.

Vor allem Alleinerziehende und kinderreiche Familien sind betroffen

Das höchste Armutsrisiko haben den Daten zufolge die Kinder von Alleinerziehenden oder aus kinderreichen Familien. Mit fast einer Million wächst mehr als die Hälfte aller Kinder im Hartz-IV-Bezug bei nur einem Elternteil auf, meist der Mutter. 36 Prozent leben mit zwei oder mehr Geschwistern.

Für den renommierten Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge ist die Ursache für die hohen Zahlen bei den Alleinerziehenden klar: "Besonders Frauen zählen zu den Hauptleidtragenden der Hartz-Gesetze - insbesondere dann, wenn es sich um alleinerziehende Mütter handelt", schrieb er kürzlich in einem Gastbeitrag für die Huffington Post.

Vor allem alleinerziehende Eltern müssten ihre Kinder wegen der herrschenden Gesetzeslage vernachlässigen: So werden sie von Fördermaßnahmen ausgeschlossen, Männern gegenüber benachteiligt. Außerdem müssten sie häufig Jobs annehmen, die weit vom Wohnort entfernt sind. Falls keine Betreuung für die Kinder organisiert werden kann, müssten die Mütter ihren Nachwuchs vernachlässigen - oder auf die Stelle verzichten.

Das führt laut Forschern dazu, dass eine Mehrheit der betroffenen Kinder über längere Zeit in Armut feststeckt: Im Schnitt sind 57,2 Prozent der betroffenen Eltern von Kindern zwischen 7 und 15 Jahren mehr als drei Jahre lang auf Grundsicherungsleistungen angewiesen.

Mehr zum Thema: Die Regierung gefährdet die Existenz alleinerziehender Mütter - dagegen müssen wir kämpfen

"Je länger Kinder in Armut leben, desto gravierender sind die Folgen", sagte Anette Stein, Familienpolitik-Expertin der Bertelsmann-Stiftung. Studien der vergangenen Jahrzehnte zum Thema zeigten, dass arme Kinder sozial isolierter aufwachsen. Außerdem sollen sie gesundheitliche Nachteile haben und häufiger Probleme auf ihrem Bildungsweg haben als Altersgenossen, deren Eltern keine finanziellen Sorgen haben.

In Bremerhaven ist die Kinderarmut am höchsten

Kinderarmut ist dabei ein Problem, das in Städten erheblich stärker ausgeprägt ist als in ländlicheren Regionen, wie die Experten hervorheben. Es gebe Städte, in denen mehr als jedes dritte Kind in einer Familie aufwächst, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen ist. Darin spiegelt sich auch die wirtschaftliche Lage. Es gäbe ein generelles Nord-Süd-Gefälle und strukturelle Probleme innerhalb der Länder.

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(Quote der Kinderarmut in Deutschland. In Bayern sind statistisch am wenigsten Kinder von Armut betroffen, in Ostdeutschland und NRW am meisten. Quelle: Bertelsmann-Stiftung)

In Bremerhaven ist die Quote der Kinderarmut mit 40,5 Prozent am höchsten. Es folgen Gelsenkirchen (38,5 Prozent), Offenbach (34,5 Prozent), Halle (33,4 Prozent), Essen (32,6 Prozent) und Berlin (32,2 Prozent). Bayern und Baden-Württemberg haben mit 6,8 Prozent bzw. 8,0 Prozent die niedrigsten Anteile in ganz Deutschland. Zum Vergleich: In Berlin ist fast jedes dritte Kind von Sozialleistungen abhängig.


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