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Mehr Freizeit für alle: Mit diesem Arbeitsmodell führt ein Chef seine Firma zum Erfolg

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Ein Unternehmen für Stand-up-Paddle-Boards versucht eine Revolution der täglichen Arbeitsweise. (Symbolbild) | Jacob Ammentorp Lund via Getty Images
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  • Ein US-amerikanischer Unternehmer hat für seine Mitarbeiter den Fünf-Stunden-Tag eingeführt
  • Die Angestellten haben so deutlich mehr Freizeit - und verdienen dabei genau so viel wie vorher
  • Für den doppelten Stundenlohn müssen die Mitarbeiter allerdings auch doppelt so produktiv sein

Weniger ist manchmal mehr. Mit dieser Überzeugung hat es ein amerikanischer Unternehmer geschafft, seine Angestellten zu neuen Höchstleistungen zu bringen.

Stephan Aarstol ist der Gründer einer Firma, die sogenannte Stand-up-Paddle-Boards verkauft. Das sind Surfbretter, auf denen sich der Surfer ganz ohne Wellen stehend durchs Wasser paddeln kann.

Die innovativste Idee der Firma steckt allerdings weniger im Produkt, als in der überraschenden Arbeitsweise der Angestellten. Stephan Aarstol schickt seine Mitarbeiter nämlich jeden Tag schon nach fünf Stunden Arbeit nach Hause.

Mehr Freizeit und mehr Geld pro Stunde

Seine zehn Angestellten arbeiten also täglich nur noch von 8 bis 13 Uhr. Danach gibt es dann genügend Platz fürs eigene Leben. Ganz passend zu dem Lebensstil, den seine Firma mit ihren Stand-up-Paddle-Boards verkauft, findet Aarstol.

Ums Geld müssen sich die Mitarbeiter dabei keine Sorgen machen. Ihr Stundenlohn hat sich mit der Einführen des fünf-Stunden-Arbeitstages nämlich fast verdoppelt. Zusätzlich hat ihnen Stephan Aarstol eine fünfprozentige Beteiligung am Gewinn des Unternehmens zugesprochen.

"Ich wollte meinen Angestellten, ihr Leben zurückgeben", sagt Aarstol selbst.

„Menschen sind keine Maschinen“

Die Idee hinter dem fünf-Stunden-Tag: Mit mehr Freizeit kann man die wenigen Stunden am Schreibtisch deutlich produktiver sein. "Menschen sind keine Maschinen“, schreibt Aarstol in einem Beitrag für das Business-Magazin "Fast Company“. Und weiter: „Die Produktivität sinkt, je länger man sich abarbeitet. Auf der anderen Seite aber hat man herausgefunden, dass glückliche Mitarbeiter produktiver sind.“

Auch in Schweden ist diese Idee bereits angekommen. Im vergangenen Jahr startete in Göteborg ein Experiment, bei dem eine Gruppe Angestellter im öffentlichen Sektor, statt acht Stunden nur noch sechs Stunden pro Tag arbeiten.

Mit gemischtem Erfolg: Zwar seien die Mitarbeiter zufriedener, sogar die Produktivität sei im Pflegebetrieb gestiegen. Aber: 7 neue Pflegekräfte musste das Heim einstellen, um die Stundenreduzierung aufzufangen.

Debatte wird zum Massenphänomen

Auch in Deutschland hat die Debatte um die 25-Stunden-Woche längst begonnen. Erste Unternehmen experimentieren mit kürzeren Arbeitszeiten und flexibleren Beschäftigungsmodellen.

Viele Wissenschaftler betonen die Vorteile kürzerer Arbeitszeiten. Hartmut Seifert, ehemaliger Leiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, sagte der "Wirtschaftswoche“: "Mehrere Studien haben belegt, dass das Risiko, durch lange Arbeitszeiten kognitive Fähigkeiten einzubüßen, im Alter stark steigt."

Der britische Soziologe Richard Sennett will mit der Verkürzung der Wochenarbeitszeit gar eines der größten gesellschaftspolitischen Probleme unserer Zeit bekämpfen. Er ist überzeugt: Würde man die Arbeit in Europa so umverteilen, dass alle etwas weniger arbeiten, müsste niemand mehr arbeitslos sein.

Er plädiert für die 30-Stunden-Woche, die etwa Amazon in den USA mit einem Pilotprojekt testet.

Der Chef drohte mit der Kündigung

Auch der amerikanische Gründer Aarstol tastete sich an den Fünf-Stunden-Tag zunächst mit einer dreimonatigen Testphase heran. Ganz so paradiesisch, wie es klingt, mag die Idee für seine Mitarbeiter aber zunächst nicht gewesen sein.

Der Chef verlangte von seinen Angestellten in der verkürzten Arbeitszeit nämlich auch die doppelte Produktivität. Wer das nicht liefern konnte, dem drohte der Boss mit der Kündigung.

Mehr Freizeit und mehr Druck

Die Mischung aus mehr Freizeit und mehr Druck hatte aber Erfolg. Wie Stephan Aarstol in seinem Artikel für "Fast Company" berichtet, ist sein Unternehmen nun auf der Liste der 5.000 am schnellsten wachsenden Firmen der USA.

Die Bilanzen sollen sich seit dem Übergang in den fünf-Stunden-Tag allesamt verbessert haben. Mittlerweile folgt die Firma dieser Methode deshalb nun schon seit über einem Jahr.

Stephan Aarstol sieht ein, dass dieses Arbeitsmodell nicht für jeden Angestellten und jedes Unternehmen geeignet ist. In vielen Jobs ist eine kürzere Arbeitszeit und eine damit einhergehende Produktionssteigerung gar nicht möglich. Wenn man etwa die Arbeitszeit eines Postboten um die Hälfte reduziere, werde er pro Stunde wohl kaum doppelt so viele Briefe zustellen können.

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Dennoch ist der Unternehmer überzeugt, mit seinem innovativen Modell einen wichtigen Schritt zu gehen. Er hofft, andere Unternehmer dazu zu inspirieren, Neues zu wagen.

Denn das alte "Nine to Five"-Modell sei mittlerweile so stark mit unserem alltäglichen Verständnis von Arbeit verbunden, dass neue Ideen oft gar nicht erst eine Chance bekommen.

Eine Chance, die sich zumindest für Aarstols Firma bislang ausgezahlt hat.

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(lp)