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Holz statt Himbeere: Die große Kunden-Verarsche mit den natürlichen Inhaltsstoffen

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SUPERMARKET CHIPS
A supermarket shelf at a Kings Food Market in Midland Park, New Jersey filled mostly with Frito-Lay brands of chips. (Photo by James Leynse/Corbis via Getty Images) | James Leynse via Getty Images
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Chips, Müsliriegel, Fertigsuppen – obwohl viele Produkte industriell gefertigt werden, werben sie plakativ mit “natürlichen Zutaten”.

Beim Verbraucher springt das Kopfkino an. “Natürlich”, das muss doch bedeuten: keine Geschmacksverstärker oder künstliche Aromen. Kurz: keine Chemie.

Das Verbrauchermagazin “Markt” des WDR untersuchte mit der Verbraucherzentrale Hamburg 35 Produkte von Discountern, Supermärkten und Bioläden darauf, ob sie falsche Versprechungen machen.

Gesetzliche Lücke wird ausgenutzt

Das Resultat: Bei der Hälfte der Produkte würden Erwartungen auf natürliche Zutaten geweckt, obwohl sie Aromen, Extrakte oder Konzentrate enthalten.

Das Problem: Rechtlich ist das werben mit “natürlich” oder “natürlichen Zutaten” auch bei diesen Produkten meist in Ordnung, da die Begriffe nicht gesetzlich definiert sind.

Text geht unter dem Video weiter:

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Leidtragender ist der Verbraucher: Man führe ihn damit in die irre, meint Stephanie Wetzel von der Verbraucherzentrale. Von Chips die etwa “Naturals” heißen und auf denen “mit Meersalz und Pfeffer” stehe, würden man erwarten, sie seien nur mit diesen Zutaten gewürzt.

“Tatsächlich stecken aber Aromen in dem Produkt”, hält die Ernährungswissenschaftlerin fest.

Zedernholz im Himbeer-Joghurt

Brisant: Rechtlich ist das vollkommen in Ordnung. Aromen dürfen als “natürlich” benannt werden, solange der Ausgangsstoff, aus dem sie gewonnen wurden, in der Natur vorkommt.

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Ein Beispiel: Himbeer-Aroma, etwa in Joghurts, wird oftmals aus ausgekochtem Zedernholz gewonnen. Für den Hersteller ist das wesentlich günstiger, als die Geschmacksstoffe aus echten Himbeeren zu extrahieren.

"Ersatz von Glutamat durch Glutamat"

Als ewiges Schreckgespenst unter den Geschmacksverstärkern gilt Glutamat. In Studien wurde nachgewiesen, dass Glutamat den Appetit anregt, dadurch Heißhungerattacken fördert und zu Übergewicht führen kann.

Deshalb taucht statt Glutamat immer häufiger Hefeextrakt auf der Liste der Inhaltsstoffe von Produkten auf. Dabei handle es sich aber lediglich um “einen Ersatz von Glutamat durch Glutamat”, kritisiert der Hamburger Biologe Christian Niemeyer in “Markt”.

Denn Glutamat ist ein Bestandteil von Hefeextrakt.

Dennoch darf es als Zutat statt als Zusatzstoff gekennzeichnet werden. Ganz natürlich.

Ebenso irreführend: Rosmarinextrakt. Dabei handelt es sich nicht um einen Würzstoff, sondern um einen industriell extrahierten und verarbeiteten Stoff, Carnosolsäure, der das Produkt länger haltbar macht. Rosmarinextrakt ist nach Einschätzung des europäischen Gremiums für Lebensmittelzusatzstoffe allerdings gesundheitlich unbedenklich.

Keine Besserung in Sicht

Und damit wird Carnosolsäure auch weiterhin vor allem in Konserven zum Einsatz kommen. Für den Verbraucher wird sich zudem an den undurchsichtigen Kennzeichnungen so bald nichts ändern. Denn Verbraucherschützer haben das Gremium für die Verabschiedung einer neuen ISO-Norm, die Begriffe wie “natürlich” definieren sollte, bereits verlassen.

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“Diese ISO-Norm ist aus unserer Sich gar nicht geeignet, diese Lücke zu schließen, da sie die Verbrauchererwartungen gar nicht berücksichtigt”, konstatiert Jutta Jaksche von der Verbraucherzentrale Bundesverband gegenüber dem WDR.

Lobbyisten liegen sich in den Haaren

Die Norm habe weitere Veränderungen bis hin zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln zugelassen. “Das können wir nicht verantworten”, so Jaksche.

Der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft widerspricht dem Vorwurf der Verbraucher-Täuschung.

Der Zank zwischen den Verbänden rückt eine Lösung in weite Ferne. Vor allem aber Europa müsste reagieren. Mega-Konzerne wie Nestlé oder Unilever veranstalten in ihren Brüsseler Büros für Abgeordnete Seminare gegen mehr Transparenz und Ehrlichkeit bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln. Das berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

"Statt Bürgernähe herrscht in Europa die Lobbymacht der Industrie“, schimpfte Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer der Organisation Foodwatch in der Zeitung.

Solange sich die Lobbyorganisationen der Lebensmittelindustrie und Verbraucherschützer so in der Haaren liegen, scheint die Aussicht auf Verbesserung für den Verbraucher eine Illusion.

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(lp)