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Ein Bremer Unternehmen schaffte die Chefs ab - das hat es nun davon

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YOUNG PEOPLE WORKING
Alle Chefs abgeschafft: Bei einem Ferienportal treffen jetzt Mitarbeiter-Teams die wichtigsten Entscheidungen | Jacob Ammentorp Lund via Getty Images
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  • Ein Bremer Unternehmen schafft alle Führungspositionen ab
  • Mehr als 100 Mitarbeiter der Firma arbeiten jetzt ohne Chef
  • Doch anstatt dass die Firma im Chaos versinkt, passiert etwas Erstaunliches

Arbeiten ohne einen Chef, ohne Abteilungsleiter, ohne Teamleiter: Was zunächst wie ein nicht umsetzbares und naives Konzept klingt, hat das Unternehmen "Traum-Ferienwohnungen" in die Realität umgesetzt. Seit einem Jahr gibt es bei dem Ferienportal keine Chefs mehr.

Auf "traum-ferienwohnungen.de" vermieten Wohnungsbesitzer ihre privaten Wohnungen und Häuser. Die Gründer Nicolaj Armbrust und Sebastian Mastalka gründeten das Ferienportal vor 15 Jahren, als sie selbst noch Studenten waren - mit einem Startkapital von nur 3,24 Euro, wie sie dem Onlinemagazin "Gründerszene" erzählten.

100 Angestellte und keine Chefs

Mittlerweile gehört die Firma zur Hälfte dem Axel-Springer-Verlag und beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter. Damit haben sich die Gründer endgültig aus der Start-up-Welt verabschiedet - und vor kurzem auch von all ihren Führungskräften.

Vor einem Jahr beschlossen die Gründer einen radikalen Schritt. Sie schafften nicht nur alle leitenden Positionen ab, sie lösten auch gleich alle Fachabteilungen auf.

"Die Mitarbeiterzahl hat sich innerhalb weniger Jahre vervierfacht. Und gerade deshalb hatten wir das Gefühl, es muss sich etwas verändern", sagte Nicolaj Armbrust, einer der beiden Gründer und Geschäftsführer, der "Süddeutschen Zeitung".

Statt Chefs sollen Teams Entscheidungen treffen

Anstatt einer einzelnen Person sollen nun Teams gemeinsam die wichtigsten Entscheidungen im Unternehmen treffen. Diese Teams sollen aus Kollegen bestehen, die sich bis vor einem Jahr noch gar nicht kannten, wie die Zeitung berichtet - weil sie damals noch in getrennten Fachabteilungen arbeiteten.

Zwar sorgte das nicht überall im Unternehmen für Begeisterung, aber ein plötzliches Chaos, wie man es in dieser Konstellation ohne Chefs vermuten könnte, blieb aus.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet von einer einzelnen unglücklichen Mitarbeiterin, die aufgrund der neuen Firmenstruktur gekündigt habe, vielen anderen soll von der Firma selbst gekündigt worden sein. Die neue Unternehmensstruktur habe "Konflikte sichtbar gemacht", sagte der Wirtschaftspsychologe Achim Hensen der Süddeutschen Zeitung.

Hensen hat das ungewöhnliche Konzept für die Firma mitentwickelt. Laut dem Wirtschaftspsychologen ist es für Mitarbeiter hart, wenn ihre bisherige Arbeit auf einmal wegfällt. Er sagt es zwar nicht explizit, aber deutet es an: Es ist davon auszugehen, dass vor allem diejenigen nicht mit der neuen Struktur zufrieden waren, die vorher eine leitende Funktion inne hatten. Überraschend wäre es nicht.

Einige Unternehmen sind schon lange erfolgreich ohne Chefs

In der Vergangenheit haben bereits einige andere, weniger bekannte Unternehmen einen ähnlich radikalen Schritt wie das Reiseportal gewagt. Die Ergebnisse sind der Beweis dafür, dass das Arbeiten ohne Chefs funktionieren kann.

Das Berliner Beratungsunternehmen "Partake" verzichtet schon seit mehr als drei Jahren auf Hierarchien, wie das Online-Portal "goodimpact" berichtet.

Dort dürfe ein Projekt erst durchgeführt werden, wenn man intern jeden seiner Kollegen davon überzeugt habe. Nach Angaben des Gründers seien seine Mitarbeiter seitdem zufriedener und kreativer.

Der Hamburger Getränke-Produzent "Premium"arbeitet sogar schon seit vierzehn Jahren ohne Vorgesetzte. Entscheidungen werden dort von Mitarbeitern, Partnern und Kunden gemeinsam getroffen. Alle Mitarbeiter erhalten den gleichen Stundenlohn und sollen sehr zufrieden sein.

Chefs widersprechen den Vorstellungen der Generation Y

Die Beispiele zeigen: Es sind meistens junge Unternehmer, die selbst gründen, die wenig von althergebachten Firmenstrukturen halten. Mit diesen flachen Hierarchien wollen die Startup-Gründer auch auf die veränderten Job-Erwartungen der "Generation Y" eingehen.

Studien, wie beispielsweise die des Kienbaum-Institus, ergeben immer wieder, dass für die zwischen 1980 und 1999 Geborenen Sinnsuche im Job und eine Work-Life-Balance besonders wichtig sind.

Moderne Unternehmen reagieren darauf. Für die jüngere Generation soll der Job erfüllend sein und die Kollegen im besten Fall wie gute Freunde - Chefs passen nicht so recht zu dieser Erwartung.

Die Gründer des Reiseportals sind nach einem Jahr immer noch überzeugt von ihrem Konzept, sagten sie der "Süddeutschen Zeitung". Sie glauben, dass die Mitarbeiter ihr Potenzial besser entfalten können, wenn es keine Vorgesetzten gibt.


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(ben)