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Weil Michel Friedman das fragte, beschlagnahmte die Türkei das Minister-Interview

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DEUTSCHE WELLE
Weil Michel Friedman das fragte, beschlagnahmte die Türkei das Minister-Interview | Screenshot DW
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  • Türkische Behörden haben das Interview des Journalisten Michel Friedman mit einem Minister konfisziert
  • Friedman sprach mit dem türkischen Minister über politisch brisante Themen
  • Die Behörden weisen den Vorwurf zurück, das Material beschlagnahmt zu haben

Ein neuer Medienskandal trübt das türkisch-deutsche Verhältnis. Offenbar haben türkische Behörden ein Interview konfisziert, das der deutsche Journalist Michel Friedman mit dem türkischen Jugend- und Sportminister Akif Cagatay Kilic für die Deutsche Welle geführt hat.

Aber warum? Was hat der streitbare Friedman in seinem Interview gefragt?

Im Deutschlandfunk erklärt er nun, was er gefragt hat und wie die türkischen Behörden anschließend das Material sicherstellten.

In der Sendung, für die Friedman das Interview führte, sollte es um das Thema "Conflict Zone“ gehen. Und dementsprechend wären auch die Fragen gewesen.

Er habe den türkischen Minister nach dem Putsch und dem gegenwärtigen Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland gefragt. Dabei habe Friedman die Themen Bundeswehr in Incirlik, Visafreiheit und die Situation der Kurden angesprochen.

Soweit so unspektakulär.

Auch über Pressefreiheit und die Säuberungswelle in Justiz, Schulen und Universitäten habe er mit Kilic gesprochen, sagte er im Deutschlandfunk.

Endgültig zu viel wurde es dem Minister aber erst, als Friedman nach dem Selbstbild des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gefragt habe.

Konkret stellte er die Frage, ob sich Erdogan eher als westlicher Herrscher oder als Imam sehe, der auch religiöse Vorgaben - etwa zu den Rechten von Frauen oder Verhütung - macht:

"Wir haben dazu Zitate von Präsident Erdogan formuliert, wo es um die Frage der Verständigkeit der Frau, wenn sie keine Kinder hat oder wenn sie Kinder hat, ging.

Wir haben über Verhütung gesprochen, dass das Sünde sei und nicht Gottes Wille, und da gab es zum Beispiel von mir eine Frage, ob der Präsident eigentlich ein Politiker ist oder ein Imam, denn es sei doch relativ unüblich, in einer politischen Diskussion sich auf Gott und auf Religionsbücher zu beziehen", erinnert sich Friedman.

Pressesprecher forderte Kamerateam auf, ihm das Videomaterial zu übergeben

Friedman ärgerte sich, dass der türkische Minister wohl davon ausgegangen wäre, "dass gefragt werden soll, wie er will“.

Dennoch: Als sich Friedman und sein Interviewpartner nach dem Gespräch verabschiedeten, schien zunächst alles in Ordnung.

Dann wurde das Kamerateam allerdings vom Pressesprecher des Ministeriums aufgehalten, der sie aufforderte, das Interview nicht zu senden. Das Team der Deutschen Welle stieg darauf nicht ein.

"Das Gespräch brachte nichts und nachdem die Kollegen gemerkt haben, dass die bei uns und bei mir - ich war ja mit meinem Team da der Deutschen Welle von "Conflict Zone" - keine Kompromisse finden, wandte sich dann der Presseoffizier an unser türkisches Technikteam und sprach dann in türkischer Sprache.

Wir sahen, dass dann der Kollege der türkischen Kameraleute aus der Kamera den Chip herausnahm, und meine Kollegin von der Produktion sagte dann sehr laut und deutlich: "This is not allowed, don't take our material!"

Und auch zu dem Presseberater: "We don’t allow that!" Das half nichts. Er nahm das Material dann mit und ging dann wieder in das Gebäude des Ministeriums", sagte Friedman.

Der türkische Minister bestreitet, dass die Türkei das Material beschlagnahmt habe. Man habe nur gebeten, das Interview nicht zu senden.

Ein Sprecher der Deutschen Welle wiederum weist diese Behauptung zurück: "Wenn das Videomaterial nicht unrechtmäßig konfisziert worden wäre, hätte die Deutsche Welle das Material noch und könnte die Sendung wie geplant ausstrahlen“.

Auch deutsche Regierung schaltet sich ein

Die Deutsche Welle gab der türkischen Regierung bis Dienstagmittag Zeit, die Aufnahme zurückzugeben. Doch die Behörden gaben nicht nach – deshalb machte die Deutsche Welle die Geschichte öffentlich.

Peter Limbourg, der Intendant des Senders, spricht von einem "neuen eklatanten Verstoß gegen die Pressefreiheit in der Türkei“.

Man könne ein Interview doch nicht postwendend beschlagnahmen, weil einem "die Interviewfragen nicht gepasst haben“.

Nun schaltete sich auch die deutsche Bundesregierung in den Skandal ein und fordert die Freigabe des konfiszierten Materials. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: "Die Pressefreiheit ist für uns ein hohes, nicht zu verhandelndes Gut."

Der Deutsche Botschafter Martin Erdmann soll am Mittwoch dazu bereits ein "konstruktives" Telefonat mit dem türkischen Ministerium geführt haben.

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