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"Es droht die soziale Spaltung": Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen

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PRIVATSCHULE
Das Bild zeigt das private Gymnasium Neubeuern. Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen. | dpa/Getty/HuffPost
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Wer vor einigen Jahren in manchen deutschen staatlichen Schulen einen Blick auf einen Globus oder in einen Atlas warf, fühlte sich mitunter wie ein Zeitreisender.

Auf zahlreichen Landkarten erfreuten sich längst untergegangene Staaten wie die DDR oder die Sowjetunion noch immer größter Vitalität. Nicht jede Bildungseinrichtung hat schließlich Geld, alle paar Jahre neue Atlanten oder Globen zu kaufen.

Anders das private Gymnasium Neubeuern - idyllisch gelegen in einem Schloss, Alpen und Chiemsee beinahe in Sichtweite: Hier lernen die Kinder - das monatlich vierstellige Schulgeld vorausgesetzt - unter Top-Bedingungen.

Bereits seit über einem halben Jahrzehnt wird dort nicht mehr mit Tafel, Füller und Bleistift, sondern ausschließlich am Lehrer-überwachten Desktop ihrer Tablet-Computer unterrichtet.

Zahl der Privatschulen in nur 10 Jahren um 75 Prozent gestiegen

So manch teure Privatschule ist ihrer Zeit voraus, während die Kinder weniger betuchter Eltern sich mit Gammel-Klos und Unterrichtsausfällen herumschlagen müssen.

Kein Wunder also, dass sich seit Beginn der 1990er Jahre immer mehr Eltern aus dem alten System verabschiedet haben - und ihre Kinder auf Privatschulen schicken.

Im Schuljahr 2012/13 gab es in Deutschland laut Bundesamt für Statistik bereits 5651 Privatschulen. Das waren 74,8 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor.

Während im Schuljahr 1998/99 etwa 530.000 Schüler eine private allgemeinbildende Schule in Deutschland besuchten, waren es 2007/08 bereits rund 675.000 Schüler, im Schuljahr 2014/15 sogar schon 736.854 Schüler. Ein Plus von 39 Prozent in eineinhalb Jahrzehnten.

Rechnet man noch die berufsbildenden privaten Schulen hinzu, kommt man auf fast eine Million Menschen. Damit besuchte dem Verband Deutscher Privatschulverbände zufolge von den rund 10,9 Millionen Schülern in Deutschland jeder Elfte eine Privatschule.

Eine Ursache für den Boom der mitunter elitären Einrichtungen ist aus Sicht von Bildungsexperten, dass der Staat zu wenig Geld in das Schulsystem steckt. Gemessen an seiner Wirtschaftsleistung investierte die Bundesrepublik weniger Finanzmittel in die schulische Bildung als die meisten anderen OECD-Länder.

Kaum ein Industrieland gibt so wenig Geld für seine Schüler aus

So gab beispielsweise Großbritannien im Jahr 2012 gut 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukt für ihre Schüler aus. In Frankreich waren es 3,8 Prozent in Dänemark 4,7 und in Neuseeland sogar 5 Prozent. In Deutschland lag die Quote dagegen nur bei 3,1 Prozent. Ein Skandal in einem Land, dessen Wirtschaft auf hochqualifizierte Arbeitskräfte angewiesen ist.

Lediglich eine Hand voll Staaten wie die Türkei oder Ungarn investierten pro Kopf weniger in die Ausbildung ihrer Schulkinder. Neuere Vergleichszahlen gibt es zwar nicht, doch das Land von Schiller und Goethe dürfte weiterhin zu den Schlusslichtern bei den Investitionen in die Bildungspolitik gehören.

Eine Chance für Geschäftsleute. llka Hoffmann, die bei der Bildungsgewerkschaft GEW den Vorstandsbereichs Schule leitet, sagt der Huffington Post: "Ein großer Teil der Privatschulen wird gegründet, weil öffentliche Schulen demografiebedingt geschlossen werden."

Beispiel Nordrhein-Westfalen: An Rhein und Ruhr besuchen derzeit mehr als 200.000 Kinder und Jugendliche Schulen in freier Trägerschaft. In nur einem Jahrzehnt sank die Zahl der öffentlichen Schulen in dem bevölkerungsreichsten Bundesland um rund ein Fünftel von 6343 auf 5301.

Die Zahl der privat geführten Schulen stieg im gleichen Zeitraum dagegen um fast 31 Prozent von 421 auf 550. Das geht aus Zahlen des nordrhein-westfälischen Schulministerium hervor, die der Huffington Post vorliegen.

"Private Ersatzschulen sind selbstverständlicher Bestandteil unseres Schulsystems", sagt ein Ministeriumssprecher. Diese könnten "Impulsgeber für die Schulentwicklung" sein.

Auch Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverband, der einen großen Teil der Gymnasiallehrer vertritt, sagt: "Privatschulen können eine Bereicherung für die Bildungslandschaft sein."

Gleichzeitig droht der Trend indes, die Gesellschaft zu spalten. Viele Eltern wissen um die Schwächen des staatlichen Schulsystems: Laut einer Forsa-Umfrage wollte im vergangenen Jahr jede vierte Familie ihre Kinder lieber auf eine Privatschule schicken.

Doch viele haben schlicht nicht die mehreren hundert oder tausend Euro Schulgeld im Monat. Schließlich verdient etwa ein Verkäufer oft gerade einmal nur etwas mehr als 2000 Euro brutto im Monat - und in Städten wie München oder Stuttgart geht bei vielen Menschen schon einmal die Hälfte des Gehalts für die Miete drauf.

Vier von zehn Deutschen haben laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) keinen Cent übrig für die Altersvorsorge. Wovon sollen diese Menschen auch noch eine Privatschule bezahlen?

In Berlin Privatschulen längst besser als die staatlichen Bildungseinrichtungen

Vor allem Menschen aus besser verdienenden Kreisen setzen auf private Schulen. Für einzelne Bundesländer wie Berlin oder Hamburg bestätigt Meidinger den Trend, dass "bildungsaffine Eltern ihre Kinder oft lieber in Privatschulen schicken".

In Hamburg stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Privatschule besuchen, in diesem Schuljahr im Vergleich zu den vergangenen zwölf Monaten etwas an, auf 20.500.

Und in der Bundeshauptstadt fehle es vielen Schulen schlicht an den nötigen finanziellen Mitteln, klagt Meidinger im Gespräch mit der HuffPost. Er verweist auf Vergleichstests von Berliner Zeitungen, bei denen eine Reihe von Privatschulen an der Spree zuletzt mitunter sogar deutlich besser abschnitt als staatliche Institute.

Doch viele Eltern aus der Mittel- und insbesondere aus der Unterschicht müssen mit den mitunter miserabel ausgestatteten öffentlichen Schulen Vorlieb nehmen.

Bereits heute machen beispielsweise die Sprösslinge gut verdienender Beamter ein Vielfaches häufiger Abitur als ein Arbeiterkind. Nicht einmal jedes fünfte Arbeiterkind machte zuletzt den höchsten deutschen Schulabschluss - unter allen Bevölkerungsgruppen war es dagegen gut jeder zweite.

Aber das Problem zunehmend ungleicher Bildungschancen betrifft längst nicht nur die Stadtstaaten. "Auch in manchen anderen Bundesländern fehlt in staatlichen Bildungseinrichtungen das Geld für Personal und die Lernmittel. Insbesondere bei der digitalen Ausstattung gibt es Defizite", sagt der Verbandschef.

Ein großes Problem aus Philologensicht: Die Bausubstanz ist in zahlreichen deutschen Schulen marode. Der Sanierungsbedarf der öffentlichen Schulen belief sich bundesweit im vergangenen Jahr Schätzungen des Deutschen Institut für Urbanistik zufolge auf fast 32 Milliarden Euro.

Alles in allem leisteten die staatlichen Schulen jedoch "noch immer gute Arbeit", findet zumindest Meidinger. In etlichen Bundesländern wie etwa Bayern sei das Bildungsniveau an staatlichen Schulen in der Regel noch immer vergleichbar und mitunter auch besser als an Privatschulen.

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Doch selbst in Ländern, die wie der wohlhabende Freistaat, der besonders viel Geld in die Bildung stecken, vertraut ein Teil der Bevölkerung dem staatlichen Schulsystem ganz offensichtlich nicht.

Die Anzahl der privaten Schulen ist auch in Bayern in den vergangenen Jahren gewachsen, von 1221 im Jahr 2010 auf 1329 im Jahr 2015.

Immerhin: Anders als im Bundestrend ist die Schülerzahl hat der Boom der Privatschüler in Bayern möglicherweise seinen Zenith überschritten. 146.074 Kinder und Jugendliche besuchten im südlichsten Bundesland im Schuljahr 2015/16 eine Privatschule, wie das bayerische Kultusministerium auf Anfrage mitteilt. Im Schuljahr 2012/2013 waren es sogar noch 6000 mehr.

Manche Schulen privater Träger ermöglichen es auch der breiten Mittelschicht oder Kinder aus einfacheren Elternhäusern in den Genuss ihrer zum Teil bessern Ausbildung zu kommen.

Ein großer Teil der Schulen hierzulande wird von den beiden christlichen Kirchen betrieben. Diese verlangen normalerweise weit weniger Geld als komplett private Träger. Auch kann eine katholische Schule in Berlin sozial schwachen Familien die Gebühr komplett erlassen.

Die katholischen Einrichtungen sind besonders beliebt. In Essen etwa musste eine Sekundarschule sogar jeden zweite Anmeldewunsch ablehnen. 7500 Schüler besuchen in der Großstadt derzeit die 14 kirchlichen Schulen. "Die Anmeldezahlen sind seit Jahren höher als die Zahl der verfügbaren Plätze", so Bernd Ottersbach, Leiter des Dezernats Schule/Hochschule beim Bistum Essen, gegenüber der “WAZ”.

Unter den Schülern an den katholischen Einrichtungen sind sogar viele Muslime. Manche Migranten, die in die Mittelschicht aufgestiegen sind, wollen ihre Kinder schlicht nicht in die staatliche Schule im eigenen Viertel schicken, andere hoffen auf eine strenge Wertevermittlung.

Auch Philologen-Chef Meidinger lobt, die Persönlichkeitserziehung würde in kirchlichen Einrichtungen "oft einen größeren Stellenwert einnehmen als in staatlichen Schulen". Dort fehle hierfür oftmals die Zeit.

GEW: Privatschulen verschärfen die ohnehin schon höchst ungleiche Verteilung von Bildungschancen“


Die dem DGB angehörende Bildungsgewerkschaft sieht die Zunahme von Privatschulen derweil "kritisch". GEW-Frau Hoffmann sagt: "Immer mehr Privatschulen verschärfen die ohnehin schon höchst ungleiche Verteilung von Bildungschancen."

Es gebe sicherlich auch Eltern, "die durch die Wahl einer Privatschule ihre Kinder von den sozialen Problemen in der Gesellschaft oder auch nur von Kindern aus anderen familiären Verhältnissen als den eigenen fernhalten wollen".

Die GEW lehnt Privatschulen jedoch nicht per se ab. Die Gewerkschaft halte es jedoch "für notwendig, die Entwicklung genau zu beobachten und auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen".

Hoffmann betont: "Schule hat einen gesellschaftlichen Integrationsauftrag." Der sozialen Spaltung müsse "Einhalt geboten werden".

Das öffentliche Schulwesen habe "einen hohen Wert in einer demokratischen Gesellschaft", so die Gewerkschafterin. Die GEW fordert staatliche Ganztagsschulen und mehr Personal.

Klar ist: Passiert nichts, kann dies Folgen für die gesamte Demokratie haben. Das Versprechen, dass es jeder mit einem gewissen Fleiß nach oben schaffen kann - oder sich zumindest ein ordentliches Auskommen sichern kann, ist der Kitt der eine soziale Marktwirtschaft zusammenhält. Doch er droht zunehmend, zu einer Floskel zu verkommen.

Marcel Fratzscher, Chef des renommierten Deutschen Instituts für Wirtschaft, resümiert: "Es gibt kaum ein Land in der industrialisierten Welt, das eine so geringe Chancengleichheit hat, wie Deutschland", sagt der Top-Ökonom. Die soziale Mobilität sei "gering".

Gefahr für die Demokratie

Immer Deutsche fühlen sich abgehängt. Was passieren kann, wenn sich nichts ändert, haben die vergangenen Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt: Mehr als jeder Fünfte wählte dort AfD. Die Republik driftet auseinander.

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Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Eine ebenso simple wie geniale Idee steckt hinter dem Projekt World Bicycle Relief. Diese nämlich lautet: "Fahrrad = Mobilität = Bildung". So einfach kann Hilfe tatsächlich sein.

World Bicycle Relief stellt Menschen in Entwicklungsländern Fahrräder zur Verfügung, damit sie ihr Leben aus eigener Kraft verändern können. Denn in ländlichen Regionen Afrikas bedeutet ein Fahrrad ein großes Maß an Lebensqualität: Es verkürzt die Transportwege und erleichtert seinem Besitzer den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Mit über 200.000 Fahrrädern, die in Afrika montiert werden, und 1000 ausgebildeten Mechanikern hilft WorldBicycleRelief vor Ort dabei, Armut zu bekämpfen und fördert Bildung und die wirtschaftliche Entwicklung in Gegenden, die sonst von der Infrastruktur abgeschnitten wären.

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(lk)