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Rechtsextreme attackieren Demonstranten bei AfD-Wahlparty in München

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AFD MNCHEN ANTIFA
"Chris Ares" holt zum Schlag gegen Antifa-Demonstranten aus | "Florian Bengel"
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Kurz bevor am Sonntag die Wahlergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern verkündet wurden, kam es bei einer Wahlparty der AfD in München zum Eklat. Gegendemonstranten sollen mit Schimpfworten, Fußtritten und Fäusten traktiert worden sein. Mit dabei: Polizeibekannte aus der rechten Szene.

Der Vorfall zeigt nach den Erfolgen der Rechtspopulisten in Mecklenburg-Vorpommern: Die AfD scheint auf lokaler Ebene doch engere Kontakte zu den extremen Rechten und der neurechten "Identitären Bewegung" zu haben, als die Parteigranden auf Bundesebene wahrhaben oder zugeben wollen.

Die Personen, die das Geschehen vor Ort verfolgten und zum Teil dabei verletzt wurden, möchten anonym bleiben. Der Huffington Post schildern sie, was am Sonntag geschehen ist (die beschuldigten Täter waren bis zum Erscheinen dieses Artikels nicht für eine Stellungnahme zu erreichen). Der polizeiliche Staatsschutz Bayern hat die Ermittlungen aufgenommen.

"Chris Ares", der deutsche Badboy

Kurz vor 18 Uhr machten sich rund 30 Personen – darunter vermummte Demonstranten der Antifaschistischen Bewegung München (Antifa), Journalisten und Fotografen – in Richtung eines Lokals in der Nähe des Münchner Ostbahnhofs auf.

Dort feierten die AfD-Kreisverbände aus München das Ergebnis der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Die Rechtspopulisten stiegen dort aus dem Stand zur zweitstärksten Partei auf. Noch bevor das Wahlergebnis feststand und gefeiert werden konnte, kam es zum Eklat.

Der Münchner Rapper mit dem Pseudonym "Chris Ares" griff die Demonstranten und Fotografen an, wie Aufnahmen zeigen. Schon aus einhundert Metern sei er auf die Gruppe losgerannt und habe "Ich ficke eure Mütter!" und "Verpisst euch, ihr Schwuchteln!" gerufen, berichtet eine Augenzeugin ("Chris Ares" hat bisher nicht auf eine Anfrage der HuffPost reagiert).

Mit dem gestreckten Bein habe er auf Fotografen eingetreten, sie bespuckt und einem ins Gesicht geschlagen, sagt der Pressefotograf Michael T. im Gespräch. Michael T. zog sich dabei eine Verletung am Kopf zu, ein weiterer Fotograf, "Florian Bengel" (Pseudonym), eine Rippenprellung.

In Münchens rechter Szene ist "Ares" hinlänglich bekannt. Der 23-Jährige rappt nationalistische Texte, zeigt sich in der Öffentlichkeit meist mit dem Bundesadler auf dem Hoodie und hat Verbindungen zu mehreren rechten Vereinigungen, unter anderen dem "Bündnis Deutscher Patrioten" (BDP).

Die "BDP" bezeichnet sich als "weder links noch rechts". Doch auf Facebook hetzt sie gegen Flüchtlinge, postet rechtsnationale Statements. Das Bündnis weist zudem Verbindungen zur neurechten "Identitären Bewegung" auf, erklärt der Fotograf und Blogger "Florian Bengel", der über die Münchner rechtsnationale Szene schreibt.

Trotz der Angriffe gegen die Fotografen, setzten die Antifa-Demonstranten ihren Zug fort und verteilten Zettel mit Aufschriften wie "Rassimus tötet" oder "Sexismus ist keine Alternative".

"Ares" zog sich daraufhin sein Hemd aus und ging auf die Demonstranten los – in Begleitung von Rick Wegner und Lukas Bals. Die beiden sind ebenfalls bekannt in der rechten Szene.

Verbindungen zur "Identitären Bewegung"

Wegner ist wie "Ares" Mitglied des BDP, Lukas Bals steht wiederum der "Identitären Bewegung" nahe und gilt als militanter Neonazi, wie eine Beobachter der rechten Szene berichtet. Bals stand zudem der Neonazi-Partei "Die Rechte" nahe. Im Mai 2014 nahm er am sogenannten "Rathaussturm" nach der Kommunalwahl in Dortmund teil, nachdem "Die Rechte" zum ersten Mal einen Sitz im Stadtrat errungen hatte.

Mehr zu den "Identitären": Das lächelnde Gesicht der Neuen Rechten

Eine Gruppe von etwa 20 Neonazis, darunter Bals, wollte damals das Rathaus stürmen. Dabei schlug Bals eine Piraten-Politikerin mit der Faust. Er wurde daraufhin wegen Körperverletzung bestraft. Es war damals bereits seine zwölfte Verurteilung.

Bayerischer AfD-Chef streitet alles ab

Inzwischen lebt Bals in München. Wie seine alte ideologische Heimat, wird auch seine neue, die "Identitäre Bewegung", vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet. Die rechten Aktivisten machten zuletzt auf sich aufmerksam, als sie das Brandenburger Tor in Berlin besetzten und "sichere Grenzen" forderten.

Michael T. schildert, Wegner habe ihn als "Motherfucker" beleidigt und sei mit Bals auf die Demonstranten losgegangen.

Obwohl "Ares", Bals und Wegner bei der Wahlparty in München waren, streitet der bayerische AfD-Chef Petr Bystron ab, dass die AfD Kontakt zu den Rechtsextremisten habe.

Bystron, der selbst bei der Wahlparty nicht anwesend war, sagte der Huffington Post, man habe keinen Kontakt zu "Ares", Bals und Wegner.

Wie es sein kann, dass drei Personen, zu denen die AfD München keinen Kontakt pflegt, bei der Wahlparty auftauchten, konnte Bystron nicht erklären. Die Schilderungen der Antifa München seien "schlichtweg gelogen".

"Ares", Bals, Wegner und der Landesverband der AfD in Bayern waren bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht für eine Stellungnahme zu erreichen (der Landesverband der AfD bezog inzwischen Stellung, wie oben nachzulesen). "Ares" behauptete allerdings in einem Facebook-Post, er sei zuerst von den Antifa-Demonstranten angegriffen worden und hätte sich nur gewehrt (eine Stellungnahme auf Youtube folgte, s.o.). Sein Facebook-Profil ist seit Montagabend nicht mehr verfügbar.

Bystron, Bals und Wegner treffen sich auf ein Bier

Fest steht jedoch, dass Bystron Bals und Wegner kennt. Im Juni wurden sie zusammen vor dem Eine-Welt-Haus in München gesehen. Dort fand ein Vortrag des Rechtsextremismus-Experten Robert Andreasch zur bayerischen AfD statt. Bystron, Bals und Wegner wurden nicht hereingelassen. Danach gingen sie weiter in einen nahegelegenen Biergarten.

Ein zufälliges Treffen? Bystron stritt einen näheren Kontakt im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) ab.

"Wir finden dich und deine Familie und bringen euch um"

Für den Blogger "Florian Bengel" war es allerdings nicht der erste Angriff von "Ares" gegen ihn. Bei einer Pegida-Kundgebung in München im Oktober 2015 kam es laut ihm bereits zu eine Verbal-Attacke.

Der Rapper, der regelmäßig bei Pegida anzutreffen sei, habe ihm, der als Journalist vor Ort war, gedroht, man finde ihn und seine Familie und bringe sie um.

Pegida München stört sich an solchem Publikum anscheinend nicht. Im Gegenteil: Bei den Patrioten ist "Ares" gern gesehen. Im Januar wurde sein Musikvideo "Deutscher Patriot" bei einer Kundgebung gespielt.

200 Euro für einen Auftritt bei AfD-Kundgebung

Darin posiert "Ares" mit Deutschlandflagge und Bundesadler-Hoodie vor dem Münchner Friedensengel. Der Clip ist gespickt mit Ausschnitten von Pegida- und "Identitären"-Demos. Die Patrioten marschieren mit Transparenten.

Darauf zu lesen: "Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land". Sein Counterpart "Silas Ares" rappt dazu, Meinungsfreiheit werde in Deutschland "bespuckt", Schuld sei das "System". Zum Schluss der Schriftzug "Bündnis Deutscher Patrioten".

Nicht nur bei Pegida, sondern auch bei der AfD kommen diese Zeilen und Bilder offenbar an. Im oberbayerischen Geretsried trat "Ares" mit zwei Songs bei einer AfD-Kundgebung auf. "Ares" habe 200 Euro für den Auftritt kassiert, berichtet "Florian Bengel". Fotos im Netz zeigen, wie mindestens 100 Euro an ihn übergeben werden.

Abwehrkampf gegen die "Islamisierung"

Und er kam nicht allein. Im Schlepptau hatte er Rick Wegner, andere "BDP"-Anhänger und "Identitäre". Sie schwenkten zum Beat gelb-schwarze Fahnen mit dem Lambda-Symbol, das Logo der "Identitären".

Das Logo ist der Comicverfilmung von "300" entnommen. Dort ziert das Symbol die Schutzschilde einer kleinen Schar tapferer Spartaner im Abwehrkampf gegen eine als barbarisch dargestellte Perser-Streitmacht.

Als solch eine Streitmacht verstehen sich auch die "Identitären", das "BDP" und Pegida. Ihr Abwehrkampf gilt allerdings nicht vermeintlich barbarischen Persern, sondern der "Islamisierung", die sie als größte Bedrohung ansehen. Auch hier kreuzen sich die Wege mit der AfD.

Bisher streitet die AfD-Bayern noch jeden Kontakt zu den rechten Gruppen ab - doch die Indizien häufen sich, dass die AfD viel stärker mit dem rechten Milieu verstrickt ist, als sie zugeben will.

Update: "Chris Ares" hat am Mittwoch eine Stellungnahme auf der Videoplattform Youtube hochgeladen. Darin behauptet er, er hätte die Medien, die darüber berichtet haben – dabei nennt er explizit die Huffington Post – telefonisch kontaktiert und ein Interview angeboten.

"Chris Ares" hat sich bislang nicht bei der Huffington Post gemeldet. Auf eine Anfrage der Huffington Post vom Montagabend über Facebook hatte "Chris Ares" ebenfalls nicht reagiert.

Weiter behauptet "Chris Ares", der Autor bezeichne ihn im Artikel als "gewaltbereiten Neonazi". Diese Behauptung ist falsch: "Ares" wird im Artikel als Rapper und Mitglied des "Bündnis Deutscher Patrioten“ bezeichnet.

Der Vorsitzende des AfD Kreisverbands München Ost und Organisator der Wahlparty, Wilfried Biedermann, gab in einer Pressemitteilung vom Dienstagabend bekannt, "dass die AfD mit dem Vorfall nichts zu tun habe". Die drei genannten Personen – "Chris Ares", Rick Wegner und Lukas Bals – seien nicht zur Wahlparty eingeladen gewesen. Für künftige AfD-Veranstaltungen in München hätten sie ein Hausverbot bekommen.

Die "Identitäre Bewegung" schreibt in einer Stellungnahme, Lukas Bals sei weder Mitglied noch für die Bewegung aktiv.

Bals wurde bereits mehrmals im Kreise der "Identitären Bewegung" gesehen, wie ein Beobachter der rechten Szene in München der Huffington Post mitteilte. Zudem verteilte er im August Flugblätter für die neurechte Bewegung in der Münchner Fußgängerzone, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Auf seinem Twitter-Profil teilt Bals regelmäßig Inhalte der "Identitären".

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