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Das zerrissene Land: Experten streiten, ob Deutschland immer ungerechter wird

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ARME DEUTSCHE
Die oberen zehn Prozent der Haushalte in Deutschland verfügten im Jahr 2013 über 51,9 Prozent des Nettovermögens. | Getty
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  • Ein arbeitgebernahes Institut hält die steigende soziale Ungleichheit in Deutschland für einen Mythos
  • Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften sind entsetzt
  • Tatsächlich gehen viele Ökonomen von einer steigenden Ungleichheit hierzulande aus

Die einen müssen schuften, um überhaupt über die Runden zu kommen. Die anderen wissen nicht, wohin mit ihrem Geld. In der Wahrnehmung vieler Menschen wird die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland immer größer.

Die Ankunft von Millionen Flüchtlingen hat die Sorge vor einer sozialen Schieflage bei etlichen noch weiter verschärft. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat untersucht, ob die soziale Ungleichheit in Deutschland tatsächlich zunimmt.

Das Ergebnis der Ökonomen: Die weitläufige Wahrnehmung habe angeblich wenig mit der Realität zu tun.

Deutschland im Mittelfeld?

Die Forscher wollten etwa klären, ob die Einkommensunterschiede in Deutschland besonders groß seien. Ein Vollzeitbeschäftigter an der Schwelle zum einkommensstärksten Zehntel verdient dem IW zufolge 3,4 Mal so viel wie ein Vollzeitbeschäftigter an der Schwelle zum ärmsten Zehntel. Damit liege Deutschland im Mittelfeld der Industrieländer, auf einem Niveau mit Österreich.

Werden jedoch andere Einkommensarten wie Kapitaleinkünfte oder Mieteinnahmen dazugerechnet, ist die Ungleichheit größer. Deutschland fällt dann unter den EU-Schnitt.

Rechnet man die rund 20 Millionen Rentenempfänger hinzu, liegt die Ungleichheit laut dem Institut immerhin leicht unter dem EU-Durchschnitt. Einschließlich der gesetzlichen Renten liege Deutschland dann auf Platz 13.

Das IW sieht vor allem durch die zuletzt gestiegenen Löhne eine verbesserte Situation bei der sozialen Ungleichheit. Seit 2007 seien die tariflichen Stundenlöhne laut den IW-Angaben preisbereinigt um 8 Prozent gestiegen, die Bruttostundenlöhne real um knapp 12 Prozent.

Die Studie hat einen entscheidenden Schwachpunkt

Nach einer Auswertung der Forscher profitierten davon vor allem Geringverdiener. Während die Bruttoerwerbseinkommen der unteren zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten zwischen 2009 und 2013 um 6,6 Prozent wuchsen, legten die Einkommen der reichsten zehn Prozent im selben Zeitraum um 2,8 Prozent zu. Damit liege der Lohnabstand beider Gruppen heute wieder auf dem Stand von 2006.

Ein Schwachpunkt der Studie: Immer mehr Menschen arbeiten nicht in tariflich organisierten Betrieben. Und viele sind formal sogar Selbständige. Sie profitieren häufig nicht von den tariflichen Erhöhungen. Viele verdienen schlecht. Sie werden nicht einbezogen.

Rechnet man dann noch die Vermögen wie Immobilien, Aktien und Unternehmen ein, ergibt sich ohnehin ein ganz anderes Bild. Dann ist selbst laut IW die soziale Ungleichheit gestiegen, allerdings nur geringfügig.

Die Forscher zitieren Zahlen der Bundesbank: Demnach besitzen die vermögensreichsten zehn Prozent der Haushalte in Deutschland derzeit 59,8 Prozent des gesamten Vermögens. Das entspricht einem Anstieg vom 0,6 Prozentpunkten seit 2010.

"Die Schere geht weiter auf"

Kritik an der IW-Studie kommt von Gewerkschaften, aber auch Wohlfahrtsverbänden. "Die Berechnungen des Arbeitgeberinstituts IW stehen in einem auffälligen Widerspruch zu den Erkenntnissen namhafter Wirtschaftsforschungsinstitute", sagt ein Verdi-Sprecher der Huffington Post.

Nach deren Forschungen habe "sich die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland nicht geschlossen, sondern geht immer weiter auf". Daran habe weder die Konjunktur noch die zuletzt dank der niedrigen Inflation etwas gestiegenen Reallöhne etwas geändert. "Die Spaltung der Gesellschaft geht immer weiter", heißt es bei der Dienstleistungsgewerkschaft.

Auch von der arbeitnehmernahen Hans-Böckler-Stiftung kommt Widerspruch. Dort verweist man auf den jährlichen Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI). Ende 2015 machte das WSI eine klaren Trend aus: "Die Wirkungen des wirtschaftlichen Aufschwungs seit der Finanzmarktkrise sind ungleich verteilt und haben die wirtschaftliche Polarisierung der 2000er Jahre längst noch nicht ausgeglichen", heißt es in dem Bericht.

Dies sei "besonders problematisch, weil die Aufstiegschancen ärmerer Haushalte über die vergangenen drei Jahrzehnte gesunken sind, für die Mittelschicht ist das Risiko gewachsen, finanziell abzusteigen".

Die Mittelschicht schrumpft

Selbst bei der Entwicklung der Einkommen kamen die Forscher zu einem anderen Ergebnis als das IW. "Zentrale Kennzahlen zeigen, dass die Spreizung der Einkommen hat nach den neuesten vorliegenden Daten nach einem leichten Rückgang während der Finanzmarktkrise sogar wieder zugenommen und liegt nahe beim bisher gemessenen Höchstwert", konstatieren die Forscher.

Auch das Bundessozialministerium gab im Januar Zahlen heraus. Demnach sind die Vermögen in Deutschland zunehmend ungleich verteilt. Die oberen zehn Prozent der Haushalte in Deutschland verfügten im Jahr 2013 über 51,9 Prozent des Nettovermögens. Im Jahr 1998 waren es noch 45,1 Prozent gewesen. Grundlage der Zahlen ist die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, die alle fünf Jahre durchgeführt wird.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kam im Mai dieses Jahres zu einem alarmierenden Ergebnis: Den DIW-Zahlen zufolge ist der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten auf zuletzt 54 Prozent geschrumpft. Rund 20 Jahre zuvor habe er noch bei 60 Prozent gelegen. Vergleicht man die Entwicklung von 1991 bis 2013, schrumpfte die Mittelschicht in Deutschland genauso stark wie in den USA.

"Viele Menschen werden abgehängt"

Zur Mittelschicht zählen die Forscher alle Erwachsenen, deren gesamtes Haushaltseinkommen vor Steuern und Sozialabgaben zwischen 67 und 200 Prozent des Medians beträgt. Der Median trennt die einkommensstärkere von der einkommensschwächeren Bevölkerungshälfte.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher sagte zuletzt, Deutschland sei in den vergangenen Jahren zu "einem der ungleichsten Länder der industrialisierten Welt" entwickelt habe. "Wenn Ungleichheit zu groß wird und wenn Ungleichheit genau diese fehlende Chancengleichheit widerspiegelt, dann werden viele Menschen im Land abgehängt."

Sie hätten gar nicht die Möglichkeit, sich einzubringen. "Und dadurch entsteht ein Schaden - nicht nur für die Betroffenen, sondern für alle", so Fratscher. Dadurch wachse die deutsche Wirtschaft auch langsamer.

Doch vor allem bleiben Menschen arm. So mancher von ihnen dürfte sich von radikaleren Parteien angezogen fühlen.

Risikofaktoren der Armut

2014 waren in Deutschland rund 12,5 Millionen Menschen oder 15,4 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Diese Grenze ist erreicht, wenn jemand weniger als 60 Prozent des mittleren Haushalteinkommens zur Verfügung hat. Bei einem Paar mit einem Kind unter sechs Jahren wären das 1651 Euro, bei einer Alleinerziehenden 1192 Euro.

Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, mahnt angesichts dessen einen sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel an: "Man ist in diesem reichen Deutschland nicht erst dann arm, wenn man unter Brücken schlafen oder Pfandflaschen sammeln muss."

Laut Paritätischen Wohlfahrtsverband waren 2014 hierzulande 41,9 Prozent aller Menschen, die ihr Kind allein erziehen, zumindest von Armut bedroht. Söhne und Töchter von Alleinerziehenden sind einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge fünfmal häufiger auf Hartz IV angewiesen als Kinder, die mit beiden Eltern zusammenleben.

1,6 Millionen Elternteile, die die Erziehung alleine managen, leben der Diakonie Deutschland zufolge von Hartz IV. 1,2 Millionen sind laut Paritätischem Wohlfahrtsverband sogar auf staatliche Stütze angewiesen, obwohl sie arbeiten. "In den letzten zehn Jahren kann man nicht von irgendeiner signifikanten Verbesserung der Situation sprechen“, sagt Schneider der Huffington Post.

Mitunter jedes dritte Kind arm

Die Armut hat Folgen: "Für die Kinder bedeutet dies vor allem materieller Verzicht: Kino, Zoo, Urlaub können sich Alleinerziehende mit geringem Einkommen oder als Hartz IV-Empfänger kaum leisten", berichtet auch Maria Loheide, Vorstand für Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, gegenüber der HuffPost.

In einzelnen Städten wie Berlin oder Bremen muss gutes jedes dritte Kind von Hartz IV leben. Und selbst im reichen Bayern sollen 122.000 Kinder auf Hartz IV oder Grundsicherung angewiesen sein. "Wir sehen bei Kindern und Familien keine Verbesserungen", sagt Thomas Beyer, Vorsitzender Arbeiterwohlfahrt in Bayern, der HuffPost.

Arbeitslose würden nicht vom Aufschwung profitieren. Der Regelsatz und in manchen Regionen auch der Mindestlohn müssten dringend steigen.

Aus Sicht der Wohlfahrtsverbände ist die IW-Studie zum Teil schlicht Wunschdenken. DIW-Boss Fratzscher brachte zuletzt die in Deutschland allzu oft geltenden Automatismus auf den Punkt:Wer in Deutschland arm geboren wird, bleibt auch arm. Und daran wird sich so schnell wohl auch nichts ändern.

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(tos)