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"Wie 1913": Top-Ökonomen prognostizieren Ende der Globalisierung – doch das muss nicht schlecht sein

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GLOBALISIERUNG
Naht das Ende der Globalisierung? Top-Ökonomen meinen ja. | Getty/HuffPost
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  • Ökonomen warnen vor dem Ende der Globalisierung
  • Grund dafür seien politische Spannungen und ein "neuer Protektionismus"
  • Auf dem G20-Gipfel und der Degrowth-Konferenz in Budapest wird dieser Tage über verschiedene Lösungen beraten

Führende Ökonomen haben eine düstere Prognose für die Zukunft der Globalisierung aufgestellt. Das immer wahrscheinlicher werdende Scheitern des Freihandeslabkommen TTIP sehen sie als deutliches Anzeichen dafür.

"TTIP musste scheitern", sagte der renommierte US-Ökonom Jagdish Bhagwati der Zeitung "Welt am Sonntag". Der Grund: mangelnde Transparenz.

Verhandlungen zu heiklen Themen hinter verschlossener Tür durch "zweitklassige Unterhändler, die sich ihre Forderungen von Lobbyisten in den Block hatten diktieren lassen“ seien symptomatisch für die Entwicklung, so Bhagwati.

Abschottung als Gloablisierungsbremse

Ähnlich sieht es auch Simon Evenett, Professor an der Universität St. Gallen. "Die Globalisierung, die in den 2000ern blühte, wird seit einigen Jahren abgebremst“, sagte der britische Wirtschaftswissenschaftler der Zeitung. Offener Handel sei – außer bei skandinavischen Staaten – demnach nur noch eine Farce.

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Verantwortlich für die zunehmende Abschottungstaktik vieler Staaten seien komplizierte politische Verhältnisse und die absolute Bevorzugung der heimischen Wirtschaft. Das halte auch hochqualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland fern, die teils bitter benötigt werden. Stichwort: Fachkräftemangel.

Dieser "neue Protektionismus", wie Evenett die Abschottungstaktik nennt, schlage sich auch in den Gesetzbüchern nieder. Denn seit der Finanzkrise sei kaum ein Tag vergangen, ohne dass ein Land eine Maßnahme erließ, um heimische Unternehmen zu schützen und ausländischen die Geschäfte zu erschweren, sagte Wissenschaftler der Zeitung.

Parallelen zu 1913?

Evenett und andere Ökonomen ziehen deshalb wirtschaftliche Parallelen zum Jahr 1913. Damals schotteten sich Staaten ebenfalls zunehmend ab, der Nationalismus keimte auf, es folgte ein Jahr darauf der Beginn des Ersten Weltkriegs. "Und etwas Ähnliches erleben wir derzeit wieder", sagte Gabriel Felbermayr, Leiter des Münchner Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft.

Die Warnungen der Ökonomen sollte man ernst nehmen. Denn 1913 war es bereits "fünf vor zwölf" – eine stabile Ordnung ging danach unwiederbringlich verloren. 1914 schlitterte die Welt in den Ersten Weltkrieg. Es begangenen Jahrzehnte eines blutigen Zeitalters des Nationalismus.

Oswald Spengler arbeitete damals bereits an seinem Buch "Untergang des Abendlandes".

Solche Vergleiche heizen die Untergangsstimmung und die diffusen Ängste der Gesellschaften an. Zudem trifft sich an diesem Sonntag die "Gruppe der 20" führenden Industrie- und Schwellenländer und der Europäische Union in China, um gegen die Konjunkturflaute zu beraten.

Degrowth – Alternative zum eindimensionalen Wirtschaftswachstum?

Über 8.000 Kilometer westlich, in Budapest, findet zeitgleich ebenfalls eine Konferenz statt: die Degrowth-Konferenz. Hier treffen sich Wachstumskritiker. Die Akademiker und Aktivisten diskutieren über Lösungsansätze und Möglichkeiten für einen sozio-ökologischen Wandel der Wirtschaft.

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Ihnen geht es darum, Wohlstand und Fortschritt nicht eindimensional am Wirtschaftswachstum zu messen, wie es die Globalisierung weltweit breit gemacht hat. Vielmehr gehe es um Solidarität, Nachhaltigkeit und Offenheit – das Gegenteil des Protektionismus.

Dass die internationale Konferenz gerade in Ungarn stattfindet – dem Land, das Flüchtlinge durch Grenzzäune abhält – ist ein deutliches Zeichen gegen den Protektionismus.

Höhere Löhne, höhere staatliche Investitionen

Und obwohl die Wirtschaft derzeit im Schlamm festzustecken scheint, ist man bei der Degrowth-Konferenz optimistisch. „Die Transformation wird sich aus einer längeren Stagnation ergeben“, sagte Giorgos Kallis, ein ökologischer Ökonom aus Barcelona, der beim Eröffnungsplenum in Budapest sprach.

Die Maschine sei etwas ins Stocken geraten. Jetzt müsse man eben nach Wegen suchen, sie wieder zum Laufen zu bringen. Und das funktioniere nicht nur durch globale Finanzmärkte, Kapitalströme und Niedrigzinspolitik, meint Konferenz-Teilnehmer Steffen Lange, Volkswirt am Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, gegenüber der "taz".

Höhere Löhne, höhere staatliche Investitionen, in Bildung zum Beispiel oder die Energiewende – das sei der Antriebsmotor.

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