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Angstmache, Hetze, Gehirnwäsche: Warum Putin trotz allem so geliebt wird

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PUTIN BELIEBT
Eine tief sitzende Angst vor der Macht ist einer der Gründe, warum Putin bei den Russen so beliebt ist. | Reuters/HuffPost
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"Bei Euch im Westen hat doch keiner Ahnung von Russland!", feixte der Mann aus dem russischen Regierungsapparat mit einem breiten Lächeln.

"Bei Euch glaubt man, wenn hier die Wirtschaftskrise zuschlägt, wenden sich die Leute von uns ab, gehen gegen Putin auf die Straße – was für ein Unsinn! Das Gegenteil ist der Fall! Je schlechter es den Menschen geht, umso mehr scharen sie sich um ihren Anführer!"

Das Gespräch, geführt kurz nach Einführung der Sanktionen gegen Russland einen Steinwurf vom Kreml entfernt, geht mir bis heute nicht aus dem Sinn.

Der Apparatschik hat Recht und Unrecht zugleich – und das auch noch doppelt.

Die Sicht vieler Menschen im Westen auf Russland ist naiv und dumm

Zum einen innenpolitisch. Einerseits scheint die Geduld der Russen endlos – andererseits warnte schon Nationaldichter Alexander Puschkin im 19. Jahrhundert: "Bewahre einen Gott davor, einen russischen Aufstand zu sehen – sinnlos und gnadenlos" (eine Warnung, die sich angesichts der Oktoberrevolution 1917 als prophetisch herausstellte.)

Aber auch außenpolitisch hat der Beamte Recht und Unrecht zugleich: Einerseits ist es atemberaubend, wie naiv und dumm viele im Westen die Situation in Russland falsch einschätzen. Andererseits gibt es durchaus genügend kluge Analysen – wie jetzt in der Wochenzeitung "Die Zeit", die in der Titelgeschichte ihrer aktuellen Ausgabe der Frage auf den Grund geht: "Warum wird Putin so geliebt?".

Auch wenn die Fragestellung etwas irreführend ist und man durchaus bezweifeln kann, dass eine absolute Mehrheit der Russen eine besondere Liebe zu Putin empfindet – dass ihn viele seiner Landsleute verehren, bis hin zu fast schon religiöser Bewunderung, ist unumstritten.

Ebenso wie die Tatsache, dass sie dies zumeist trotz Lebensumständen tun, die ihnen eigentlich allen Grund geben würden, an ihrer Regierung und damit auch an Putin zu verzweifeln.

"Posttraumatisches Belastungssyndrom" in der russischen Gesellschaft

Das für Westeuropäer so schwer zu verstehende Verhältnis der Russen zu ihrem neuen Zaren erklärt die Familienpsychologin Ljudmila Petranowskaja in dem "Zeit"-Artikel mit einem "posttraumatischen Belastungssyndrom" – und zieht einen Vergleich zu Kindern, die Gewalterfahrungen haben.

Was sie an ihnen beobachte, so Petranowskaja, stelle sie auch an der russischen Gesellschaft fest: Äußerstes Misstrauen, die Überzeugung, "für immer leiden zu müssen und zu nichts nutze zu sein".

Es gebe Kinder, die sich so sehr an die Gewalt gewöhnt hätten, "dass sie sich ohne Schläge ungeliebt und unbeachtet fühlen". Diese Kinder nähmen dann "ausgerechnet jene in Schutz, von denen sie misshandelt werden".

Damit dringt die "Zeit" zum Nukleus, also dem Kern des Systems Putin vor, der vor allem mit dem psychischen Erbe der Stalin-Zeit und des staatlichen Terrors gegen die eigene Bevölkerung mit Abermillionen Todesopfern bzw. der Angst vor diesem zu erklären ist.

Auf den Staat gerichtetes Stockholm-Syndrom

Sie sitzt bis heute tief im kollektiven Bewusstsein der meisten Menschen in Russland (wie bei den Deutschen die Furcht vor einer Inflation).

Hier liegt offenbar eine auf den Staat gerichtete Variante des Stockholm-Syndroms vor: Das psychologische Phänomen, dass Opfer von Geiselnahmen zuweilen Sympathien für ihre Entführer aufbauen, mit ihnen kooperieren und sie verteidigen.

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Es handelt sich dabei wohl um eine Schutzmaßnahme der Psyche in einer Situation des Ausgeliefertseins, aus der kein Entkommen möglich scheint. Russische Soziologen sprechen auch von "politischer Depression."

Was im Westen als "Liebe" zu Putin missverstanden wird, ist, tiefer betrachtet, wohl eher eine besondere Form der Angst vor der "Wlast": Wörtlich übersetzt bedeutet dieses russische Wort so viel wie "Macht".

Tief sitzende Angst vor der Macht

Aber es greift viel tiefer: "Wlast" ist im Russischen alles, was über dem gemeinen Menschen steht – vom kleinen Verkehrspolizisten bis hin zum Minister: "Die da oben".

Ihnen, also der "Wlast", ist der Durchschnittsrusse hilflos ausgeliefert (wenn er kein "Blat" hat – keine Beziehungen). Diese "Wlas" kann ihn jederzeit erniedrigen, oder gar um die Existenz bringen.

Wenn einer aus der "Wlast" die eigene Tochter oder Gattin totfährt, wird man im Zweifelsfall selbst noch verfolgt, wenn man sich nicht ruhig in sein Schicksal ergibt – wie es der Schwiegersohn der Frau erlebte, die der Sohn des damaligen Verteidigungsministers Sergei Iwanow totfuhr, straffrei, versteht sich.

Der Gedanke, dass hinter dieser "Wlast" ein guter Mensch stehen muss, ein Präsident, Putin, der dem bösen Treiben Einhalt gebieten könnte, wenn er nur davon Bescheid wüsste – diese Illusion ist eine Überlebenshilfe.

Erbe der Mongolen-Hererschaft

Die Regierung verhalte sich in Russland dem eigenen Volk gegenüber so grausam und ausbeuterisch, wie es sonst nur Okkupanten tun, sagt der Moskauer Soziologe Leonid Sedow.

Der große Historiker Juri Piwowarow führt diese Macht-Traditionen wie viele seiner Kollegen auf das Erbe der Mongolen-Herrschaft vom 13. bis ins 15. Jahrhundert zurück.

Die Angreifer aus dem Osten hätten den Russen eine "ungekannte, unglaubliche neue Art der Macht gebracht, die sie nicht kannten": "Die mongolische Macht, das ist, wenn ein Mensch alles ist, und der Rest – nichts", so Piwowarow.

Sie erkenne "keinerlei Art von Verträgen an, keine Konvention, Zusammenarbeit und Übereinkunft; die mongolische Macht ist ausschließlich die Macht durch Gewalt; die russischen Anführer übernahmen das. Immer stärker. Auch Zar Paul I., der Sohn Katerinas, sagte das dem französischen Botschafter: 'Bedeutung hat in Russland nur der, mit dem ich spreche, und auch das nur, so lange ich mit ihm spreche'.“

"Weimarer Syndrom" spielt eine große Rolle

Dem Kreml waren Piwowarows Aussagen zu starker Tobak: 2015 verlor er seinen Posten als wissenschaftlicher Leiter eines Instituts der Akademie der Wissenschaften in Moskau.

Daneben gibt es diverse andere Gründe für die Popularität des Kreml-Herrn in Russland. Eine große Rolle spielt auch das "Weimarer Syndrom": Das Gefühl, einen (Kalten) Krieg verloren zu haben, und von den Siegern gedemütigt worden zu sein.

Gepaart mit imperialem Phantomschmerz. Putin, der den Untergang der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnete, habe Russland von den Knien erhoben - diese zentrale Botschaft wiederholen die gesteuerten Medien gebetsmühlenartig.

Der KGB-Oberstleutnant im Kreml, der sich persönlich durch Glasnost und Perestroika, durch die Wende erniedrigt und beleidigt fühlte, hat die – auch ohne ihn vorhandene – Stimmung der Erniedrigung und Beleidigung in der Bevölkerung derart aufgepeitscht, dass aus einer nationalistischen Welle ein Tsunami wurde: mit "Blut- und Boden"-Rhetorik, völkischem und rechtem Gedankengut, das an finstere Zeiten des 20. Jahrhunderts erinnert.

Die Russen glauben, sie hätten es den Amerikanern gezeigt

"Wir sind ein Siegervolk, wir haben das in den Genen" – mit solchen Parolen heizt Putin bei Massenveranstaltungen die Stimmung an. Viele Russen haben zwar kaum etwas zu beißen, aber sind geradezu euphorisch, weil sie glauben, sie hätten es den Amerikanern gezeigt und weil sie glauben, "die Krim ist wieder unser".

Neben dem "Hurra-Patriotismus" ist der ungeschriebene "Putinsche Gesellschaftsvertrag" Stütze des Systems. Er beruht auf zwei Säulen: Zum einen die Nichteinmischung der Bürger in die Politik und die Korruption des Kreml-Klans im Austausch gegen weniger Armut und Ansätze von bescheidenem Wohlstand (der freilich in erster Linie dem Ölpreis zu verdanken ist).

Und zweitens eine Verdrängung der dunklen Seiten von Vergangenheit und Gegenwart, die sich in den vom den Medien präsentieren Schein-Realitäten ausdrückt: Der Kreml tut so, als sei alles gut, und die Menschen tun so, als glaubten sie daran.

Stalin? Ein großer Modernisierer! Patriot! Retter Russlands! Repressionen? Ja, da war was. Da hat er übertrieben. Aber Denkmäler bekommt er trotzdem.

Gehirnwäsche durch die Medien

Eine wichtige Rolle spielt auch die Gehirnwäsche in den gesteuerten Medien und die Ausschaltung von Konkurrenz: Der politische Wettbewerb in Russland gleicht einem Boxkampf, bei dem alle Teilnehmer bis auf einen an Armen und Händen gefesselt und geknebelt sind.

In den 16 Jahren an der Macht hat sich Putin noch kein einziges Mal in eine offene Diskussion mit seinen Herausfordern getraut; seine Pressekonferenzen und "Bürgersprechstunden" sind bis zur Peinlichkeit inszeniert.

Die gesteuerten Medien präsentieren Putin in Dauerschleife als Retter der Nation: Ohne ihn, so die ständige Botschaft, wäre Russland verloren; wer gegen ihn ist, muss ein Vaterlandsverräter sein. Viele seiner Kritiker kamen ums Leben; seine Freunde erfreuen sich bester Gesundheit und Milliardenvermögen. Will man mit so einem nicht lieber befreundet sein?

Es gibt noch viele weitere Gründe für Putins Popularität. Objektiv betrachtet seien die Russen nie so wohlhabend gewesen wie in der Putin-Ära, betont der Regensburger Politikwissenschaftler Jerzy Maćków: Und auch nie so frei.

Anti-Amerikanismus macht Putin auch in Deutschland beliebt

Denn der russische Freiheitsbegriff – "swoboda" – beziehe sich weniger auf Meinungsfreiheit als auf Fortbewegungsfreiheit. In Putins Russland müssen keine Bücher mehr verboten werden – wie Orwell das einst vorhersagte.

Es ist eher so, dass nur noch wenige Menschen Interesse an Büchern haben, frei nach Huxley und so, wie es der US-Medienwissenschaftler Neil Postman einst in seinem 1985 erschienenen Beststeller "Wir amüsieren uns zu Tode" vorhergesagt hat (eine Entwicklung, die auch dem Westen nicht fremd ist).

Weitaus schwieriger zu erklären als die Sympathie der Russen für Putin ist seine Popularität hierzulande – wo die Menschen nicht der Gehirnwäsche durch gesteuerte Medien ausgesetzt sind. Hier greift leider auch der Erklärungsansatz in der "Zeit" viel zu kurz.

Anti-Amerikanismus ist wohl eine zentrale Triebfeder, ebenso wie eine unterschwellige Demokratie-Feindlichkeit und Sympathie für autoritäre Herrscher, die auf Putin projektiert wird. Ein starker Mann, der durchgreifen kann – nicht so wie unsere Weicheier, die im Parlament so viel reden.

Sympathien in Deutschland für Putin allerdings überschaubar

Faust auf den Tisch statt Kompromiss. Viele Linke übertragen zudem absurderweise ihre historischen Sympathien für die Sowjetunion auf Putin, obwohl der für einen feudal geprägten Raubtier-Kapitalismus steht, der Obama im Vergleich geradezu als Sozialisten dastehen lässt.

Dass die Rückeroberung eines Landstriches, den man als "ureigenes" und "zu Unrecht abgenommenes" Territorium ansieht – der Krim -, ausgerechnet in Deutschland so viele Sympathien fand, weckt den bösen Verdacht, da würden eigene Wünsche nach Grenzverschiebungen oder Phantomschmerzen in Sachen "Ostgebiete" auf Putin übertragen.

Letztlich weckt der Umgang mit Putin hierzulande den Verdacht daran, dass viele Menschen keine ausreichende Lektion aus den Diktaturen auf deutschem Boden gezogen haben.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Während man in Politik und Medien hierzulande zuweilen den Eindruck gewinnt, Putin habe eine breite Unterstützung, und man kritisiere lieber seine Kritiker als ihn selbst, sind die Sympathien für Putin in der Bevölkerung laut Umfragen doch sehr überschaubar.

Eine breite Mehrheit wünscht sich – zu Recht - bessere Beziehungen zu Russland – hat aber kein Vertrauen in den Kreml-Chef.

Boris Reitschuster ist Autor des Buchs Putins verdeckter Krieg: Wie Moskau den Westen destabilisiert
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(lk)