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Dieses Paar reist im Van durch Europa und verdient dabei Geld - dem Beispiel könnten Tausende folgen

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Die Entscheidung, ihr Leben komplett zu verändern, fällten Kathi Lanz und Paul Hübner im Januar auf einer zugeschneiten Hütte in den Alpen.

Kathi hatte gerade ein Angebot abgelehnt, beruflich nach China zu gehen. Reisen wollten beide trotzdem, aber zusammen - und nicht als verträumte Backpacker. Sie wollten während ihrer Reise weiter arbeiten.

Also kündigten sie, beide Ende 20, ihre Jobs (sie ist Mediendesignerin, er Maschinenbauer) und ihre Wohnung in Stuttgart und kauften einen roten Van, dem sie den Namen Bjørn gaben.

Seit zwei Monaten sind sie nun unterwegs. Sie haben ihren Büroalltag gegen ein Nomadenleben getauscht, ihren Schreibtisch gegen die weite Welt. Als Freelance-Kreativ-Agentur können sie Aufträge von Kunden von unterwegs erledigen.

Kathi und Paul sind Van-Nomaden.

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Van Bjørn ist mit einem Solarkoffer ausgestattet - eine von Kathis und Pauls Stromquellen; Credit: Vannomaden

In Deutschland sind die beiden Van-Nomaden noch seltene Ausnahmen. In den USA hingegen ist ihr neues Lebenskonzept schon zur großen Bewegung geworden.

Dort gibt es unzählige Blogs zu dem Thema. Menschen, die sich für ein Leben auf Reisen entschieden haben, geben Tipps, wie sich der (Arbeits-)Alltag im Van auch praktisch bewältigen lässt. Chris und Tamara aus San Francisco etwa.

Unter Hashtags wie #roadtowanderlust teilen Instagram-Nutzer Fotos und berichten über ihre Erfahrungen als Van-Nomaden.

Der Stuttgarter Paul glaubt, dass diese Bewegung auch in Europa ihren Durchbruch erleben wird: “Wir haben offene Grenzen, eine super Infrastruktur und sind untereinander so vernetzt wie nie zuvor."

Die Zahl der flexiblen, ungebundenen Jobs steigt

Und ein solches Leben ist für viele Menschen heute viel einfacher realisierbar als noch vor 30 Jahren, glaubt Kathi, die ursprünglich aus München stammt: “Inzwischen lassen sich viele Jobs von jedem Ort der Welt aus erledigen”, sagt sie. “Mehr als einen Laptop und einen Internetzugang braucht es oft nicht.”

Studien geben ihr Recht. Laut dem Hightech-Verband Bitkom sind schon jetzt 61 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland mit einem Computer ausgestattet.

Viele Angestellte - beispielsweise aus den Feldern Medien, IT oder Webdesign - können ihre Arbeit von überall erledigen. Schon heute steigt die Zahl der Menschen, die im Home-Office arbeiten. Da ist der Schritt in den Van nicht mehr groß.

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Alles, was Kathi und Paul mit auf ihre Reise nahmen, passte auf den Boden dieser Garage; Credit: Vannomaden

Und das war nur der Anfang. Die Digitalisierung pflügt nicht nur unsere Wirtschaft um - sie schafft auch Abertausende neue Jobs, die ein solches flexibles Arbeitsleben ermöglichen. Das Nachsehen haben indes die Menschen, die in eher traditionellen Branchen arbeiten.

Unter jüngeren Menschen hingegen gibt es einen regelrechten Hunger nach diesen neuen, flexibleren Jobs. Eine Studie des Zukunftsinstituts ergab schon 2013, dass vor allem jüngeren Berufstätigen flexible Arbeitszeiten und Einsatzorte immer wichtiger werden.

Vor allem aber sei Selbstbestimmung das höchste Gut dieser neuen Generation.

"Wir können jederzeit einen Tag Auszeit in der Natur nehmen"

Freier leben, das war auch das wichtigste Ziel von Kathi und Paul, als sie im Juli ihren Hausstand auflösten und alles verschenkten oder verkauften, weniges bei den Eltern in der Garage einlagerten.

Seitdem füllt sich ihr Instagram-Account mit beeindruckenden Bildern von Fjorden, Berggipfeln und einsamen Stränden.

Die Vereinbarkeit von Leben und Arbeit ist den beiden meisterhaft gelungen. “Für alle, die gerne Sport machen und in der Natur unterwegs sind, ist ein Leben im Van ideal", sagt Kathi. "Wir haben unsere Surfboards und unsere Wanderschuhe dabei und können jederzeit beschließen, dass wir mal einen Tag Auszeit nehmen.”

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Die meiste Zeit arbeiten Kathi und Paul (im Bild) von ihrem Van aus; Credit: Vannomaden

Bei ihnen fließen Arbeit und Leben ineinander - und das finden sie großartig. “Für uns gibt es keinen Unterschied zwischen Arbeitswoche und Wochenende”, sagt Kathi. “Wir arbeiten, wenn es etwas zu tun gibt.”

“Wenn man unterwegs ist, fängt die Kreativität an zu sprudeln”

Das Kreative und das Geschäftliche ergänzt sich bei dem Paar gut. “Ich hab die verrückten Ideen”, lacht Kathi, “und Paul setzt sie um.”

Die beiden sind ein großes Risiko eingegangen, denn einen festen Kundenstamm hatten sie vor ihrem Start nicht. “Wir hatten nur ein einziges Projekt an Land gezogen, bevor wir losgefahren sind”, sagt Paul. Der Rest hat sich ergeben. Ein Freund etwa habe ihnen einen Auftrag besorgt und über Empfehlungen hätten sie weitere bekommen.

“Wir hätten beide nicht gedacht, dass es so gut läuft”, sagt er. Den finanziellen Puffer, mit dem sie gestartet sind, mussten sie noch nicht anbrechen. Vergangene Woche musste Kathi aus Zeitgründen sogar erstmals einen Job ablehnen.

Für die beiden steht daher fest: Es hat sich gelohnt. Ihre Sorgen waren unbegründet. Über das Internet und soziale Netzwerke sind sie so gut mit ihren Auftraggebern verbunden, als wären sie in Berlin oder Köln.

Stattdessen sind sie mitten in Norwegen, an einem der entlegensten Zipfel Europas. “Wenn man dann mal unterwegs ist, fängt die Kreativität an zu sprudeln”, sagt Paul. “Es ergibt sich total viel.”

Vielleicht hat das auch mit ihrem Leben zu tun. Jeden Tag sehen sie etwas Neues, treffen Menschen, die sie noch nie gesehen haben, ja, letztlich beginnt ihr Leben jeden Tag von Neuem.

“Das größte Hindernis ist, zu verstehen, dass man völlig flexibel ist”

Wenn die beiden von ihrem Dasein als Van-Nomaden erzählen, klingt alles ganz einfach. Alles aufzugeben, ins Ungewisse reisen. Dabei ist genau dieser erste Schritt die größte Hürde.

Mehr zum Thema: Wie man fünf Jahre lang reist - ohne einen Cent auszugeben

“Das größte Hindernis ist, zu verstehen, dass man völlig flexibel ist”, glaubt Paul. Seiner Ansicht nach glauben viele, dass sie gebunden sind, obwohl das gar nicht stimmt. Sie stünden sich damit selbst im Weg.

Bei Kathi und ihm habe das auch gedauert. “Erst jetzt fangen wir an zu begreifen, dass wir total frei sind. Und dass wir ständig umdenken können. Wir können jeden Tag unsere Route ändern, nichts hält uns an einem Ort."

Jetzt noch sind sie im Norden, in ein paar Wochen wollen sie Richtung Süden, nach Frankreich. Aber vielleicht auch nicht. Wo sie in einem Jahr sein? "Keine Ahnung", sagt Kathi.

Doch wo bleibt da die Sicherheit, nach der sich laut der Studie des Zukunftsinstituts 81 Prozent der 20- bis 35-Jährigen sehnen?

“Sicherheit ist nichts Falsches”, sagt Kathi. “Für uns ist die Sicherheit der Van.” Sie glaubt, dass jeder das Gefühl anders für sich definieren sollte. “Für manche bedeutet Sicherheit, durch die Welt zu fahren, für manche, Lavendel auf dem Balkon zu pflanzen. Das muss jeder für sich entscheiden.”

Survival-Guide für andere Van-Nomanden geplant

Und die finanzielle Sicherheit? “Wir geben weniger Geld aus als vorher”, sagt Paul - und das, obwohl sie gerade in einem der teuersten Länder der Welt unterwegs sind. “Wir hatten mit 1500 Euro für jeden von uns im Monat gerechnet. Bisher haben wir zusammen nicht einmal 2000 Euro monatlich ausgegeben.”

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Kathi und Paul wollen so lange weiterreisen, bis sie ihren Platz in der Welt gefunden haben; Credit: Vannomaden

Um andere mit ihrem Enthusiasmus anzustecken, plant das Paar eine Art Survival-Guide für alle, die auch zu Van-Nomaden werden wollen. Darin wollen sie vor allem Fragen praktischer Art beantworten.

“Das beginnt mit der profanen Frage, wo man am besten seine Toilette entleert und endet mit der etwas komplexeren Frage, wie man die Stromversorgung in dem Van regelt, wenn Laptop, Smartphone und Radio gleichzeitig angesteckt sind”, erklärt Kathi.

Ihr Rat an alle zukünftigen Van-Nomaden: “Am besten leiht man sich vorher schon mal einen Van aus und macht damit eine längere Reise.” Ein banaler Rat fast. Aber wichtig, um zu erleben, ob der Traum auch in der Realität noch einen ähnlich großen Reiz hat.

Wie lange ihre Reise wohl gehen wird? “Wir sind auf unbestimmte Zeit unterwegs”, sagt Paul. “Wir haben alles aufgegeben, weil wir uns wortwörtlich auf die Suche begeben wollten nach unserem Platz im Leben. Solange wir den nicht gefunden haben, fahren wir weiter. Und ich hoffe, das wird noch lange dauern.”

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(sma)