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Psychologe: "Kein Bundesland ist so konservativ wie Mecklenburg-Vorpommern"

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MECKPOMM
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Stephan Grünewald untersucht seit Jahren die Psyche der Deutschen. Wie ticken sie? Welche Ängste haben sie? Wie blicken sie in die Zukunft?

In ausführlichen Interviews haben er und seine Kollegen auch einige Dutzend Menschen in Mecklenburg-Vorpommern interviewt - und viel darüber herausgefunden, was die Menschen in dem Bundesland wirklich umtreibt.

HuffPost: Herr Grünewald, die AfD könnte am Sonntag erstmals bei einer Landtagswahl an der CDU vorbeiziehen. Was ist das für ein Bundesland, in dem dieses politische Beben stattfinden könnte?

Grünewald: Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern unterscheiden sich stark vom Rest des Landes. Es mag erst einmal überraschend klingen, aber wer mit ihnen spricht, erfährt viel über ihre Wälder, Seen und die unberührte Natur. Mit dieser Natur wollen viele von ihnen in Einklang leben. Und alles, was diesen unschuldigen natürlichen Urzustand gefährdet, lehnen sie ab.

Gilt dieser Befund tatsächlich für die breite Masse?

Zu einem gewissen Teil haben wir das bei sehr vielen Menschen dort beobachtet. In vielen Regionen des Bundeslandes leben die Menschen außerdem so, wie man es im Rest der Republik allenfalls von dörflichen Gemeinschaften kennt. Man kennt sich. Man vertraut sich. Und man hilft sich.

Man sehnt sich nach dem Fortbestand ehrlicher und überschaubarer Verhältnisse auf Augenhöhe. Unkalkulierbare Veränderungen lehnt man daher ab. Fortschritt und Entwicklung werden unbewusst oft als Verrat am Bestehenden gesehen. Das erklärt, warum Mecklenburg-Vorpommern das konservativste Bundesland ist.

Wie bitte?

Nirgends sehen die Menschen Veränderungen derart skeptisch wie hier. Sie wollen, dass alles so bleibt wie es ist - gerade in einer Zeit, in der so viele Fremdes und Krisenhaftes in unser Land kommt. Die heile Welt von einst ist im Umbruch.

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Aber heil ist die Welt in Mecklenburg-Vorpommern ohnehin nicht. Das Bundesland leidet beispielsweise unter hoher Arbeitslosigkeit.

Das stimmt. Und die sorgt für eine wachsende Zukunftsangst. Seit der Wiedervereinigung ist die globalisierte Moderne in diese heile Welt eingebrochen. Stress, Individualismus, Konkurrenz, unbedingtes Erfolgsstreben werden eher als Geißel denn als Segen erlebt. Und in der Tat mussten die Leute erleben, dass Unternehmen dicht machten und Menschen auswanderten.

Für viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern hat sich die Welt seit der Wiedervereinigung in ein Haifischbecken verwandelt. Das ist ihnen zutiefst zuwider.

Aber das führt auf den ersten Blick nicht zwangsläufig zu einem Triumph der AfD.

Auf den zweiten Blick schon. Denn die Partei steht für die Rückkehr in eine vermeintlich bessere Vergangenheit. Sie will die Mark wieder einführen und die Geschlechterrollen wieder ins Lot bringen. Alles Neue ist vielen AfD-Anhängern zutiefst suspekt. Das passt perfekt nach Mecklenburg-Vorpommern.

Was für eine Gesellschaft hätten denn die Menschen am liebsten?

So etwas wie eine finanzstärkere DDR - ohne Geheimdienst. Den Politikern begegnete man damals wie heute mit Skepsis. Die Politik soll einen stabilen Versorgungsrahmen garantieren, aber die Menschen in Ruhe lassen.

Auch in der DDR veränderte sich wenig.

Deshalb war übrigens Angela Merkel so lange so beliebt: Sie hat den Eindruck vermittelt, die Deutschen könnten trotz all der Krisen ringsum in einer permanenten Gegenwart leben und das könne immer so weitergehen.

Sie galt als die Schutzheilige der Heimat. Nachdem sie die Grenzen geöffnet hat und Deutschland in eine ungewisse Zukunft gesteuert hat, ist sie die Verräterin, die das Land getäuscht und die Menschen enttäuscht hat.

Wie lässt sich in einem solchen Umfeld vernünftig Politik machen?

Das ist sehr schwierig. Weil Politik Verhältnisse gestalten muss und das Veränderungen mit sich bringt. Das Land aber will sich jedoch in einer Art Dornröschenschlaf einrichten. Politiker, die nicht den Fortbestand der Verhältnisse versprechen, werden oft als Störenfriede erlebt. Man ist also nur so lange beliebt, wie an sich zu einem Anwalt des Bewährten macht.

Wie lässt sich das Land aus diesem Dornröschenschlaf wecken?

Man braucht eine ganz behutsame Entwicklung, die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern müssen das Gefühl bekommen, dass sie mitgenommen werden. Sie müssen verstehen, welche Rolle sie in der Entwicklung spielen. Schnelle Veränderungen werden in Mecklenburg-Vorpommern sobald jedenfalls nicht möglich sein.

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Welche Rolle wird die AfD in dem Bundesland dann spielen?

Ganz klar: Die AfD gibt vielen Menschen das Gefühl, dass da jemand ist, der ihre Sorgen hört. Ich merke immer wieder, dass viele von ihnen gar nicht wollen, dass die AfD wirklich regiert. Ihnen reicht schon der Weckruf an andere Parteien.

Und wenn es mehr als ein Weckruf wird und die AfD tatsächlich an die Regierung kommt?

Wenn die AfD regieren würde, dann müsste sie auch Dinge verändern und Entscheidungen treffen. Dann würde sie schnell wieder Sympathien einbüßen..

Deutschland geht es aktuell so gut wie seit Jahren nicht. Dennoch haben die Menschen mehr Angst. Warum?

Das ist in der Tat paradox. Die Menschen spüren jedoch, dass Dinge in Bewegung geraten. Sie merken, dass sich die Arbeitswelt durch die Digitalisierung bewegt, dass der Krieg in Syrien Folgen für unser Land hat und dass die Globalisierung in Form der Flüchtlinge bei uns ankommt.

Die Angst vor der Zeitenwende manifestiert sich in Angst vor Flüchtlingen oder vor zunehmender Kriminalität zum Beispiel, die ja nachweislich abnimmt.

Verändert die Angst das Land?

Wahrscheinlich. Politiker müssen daher lernen, den Menschen noch besser zu erklären, wo ihr Platz in Zukunft sein wird und welchen Anteil sie an den Veränderungen haben.

Und die Medien müssen den Menschen verstärkt zeigen, dass Probleme in ihrem Leben aktuell gelöst werden. Das wäre ein guter Start.

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(lk)