Huffpost Germany

Wie es sich anfühlt, wenn man einen Menschen mit Depressionen liebt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PAAR DEPRESSION
Hat der Partner Depressionen, dann ist das sehr schwer | Getty
Drucken

Die meisten können sich nur schwer vorstellen, was in Menschen vorgeht, die unter Depressionen leiden.

Aber wie ist es, sich in jemanden zu verlieben, der depressiv ist? Eine Beziehung mit ihm zu führen? Ein Leben mit ihm aufzubauen, trotz der Schwierigkeiten, die eine solche Krankheit mit sich bringt?

Auf dem Portal "Quora" stellte jemand ebendiese Frage - und bekam von einem Nutzer eine sehr ehrliche und beeindruckende Antwort.

Er schrieb:

"Letzte Woche habe ich eine zweijährige Beziehung mit der Frau beendet, die ich liebe. Grund der Entscheidung war auch die Depression, gegen die sie schon fast ihr ganzes Leben kämpft und unter der sie die gesamte Zeit litt, in der wir zusammen waren.

Es ist gerade drei Uhr morgens und ich fühle die Stille ihrer Abwesenheit ganz tief in mir drinnen. Die kurze Antwort auf deine Frage ist: Egal, wie stark und schlau du denkst zu sein - die Depression des anderen wird dich eher mit runter ziehen, als dass du es schaffst, ihn daraus zu befreien.

Das wirklich Traurige ist, dass sie auf so viele Arten großartig ist - wunderschön, intelligent, engagiert und mit einem tollen Sinn für Humor (sie konnte zum Beispiel über meine dummen Witze immer lachen). Trotz all ihrer positiven Eigenschaften vergifteten ihre Einstellung und ihre Depression mit der Zeit unsere Beziehung.

Das Schwierige ist, dass eine Depression so allumfassend ist - der Betroffene fühlt sich nie einfach nur “niedergeschlagen”. Sie sorgt für größere Probleme im Leben, die der Einzelne entweder nicht ändern kann oder wird, obwohl er sich der Probleme permanent bewusst ist.

Die Folge sind Hilflosigkeit, Ohnmacht und ein mangelndes Selbstbewusstsein - gepaart mit den Problemen, die die Depression erst ausgelöst haben. Es entsteht eine gefährliche Spirale, aus der man nur schwer entkommen kann.

Mehr zum Thema: 12 Dinge, die du wissen musst, wenn du einen Menschen mit Depressionen liebst

Wie bei den meisten Menschen, die unter Depressionen leiden, kamen die Probleme nicht von ihr selbst. Sie resultierten aus einer schwierigen Familiensituation (als Kind zurückgewiesen, geschiedene Eltern, Unterdrückung durch die Mutter, ein selbstmordgefährdetes Geschwisterteil und und und). Weil ich verstand, wo ihre Probleme herkamen, machte ich ihr keinen Vorwurf. Am Anfang brachte uns mein Mitgefühl für ihre Probleme einander sogar näher.

Ich fühlte, als würde sie mir die Luft zum Atmen nehmen

“Du bist das einzig Positive in meinem Leben”, sagte sie oft zu mir. Am Anfang schmeichelte mir das, doch zwei Jahre später wurde der Satz für mich zu einer Quelle des Schmerzes. Dass sie es immer noch sagte, war entmutigend für mich - ich hatte gedacht, ich wäre in der Lage, sie von ihren Sorgen zu befreien, ihr vielleicht eine neue Perspektive zu geben und ihr helfen, noch andere positive Dinge in ihr Leben zu bringen.

Stattdessen fühlte ich mich, als würde sie mir die Luft zum Atmen nehmen. Sie hatte keine Freunde, denen sie vertraute, ihre Familie war ein einziger Scherbenhaufen und ihre berufliche Karriere hatte sie eben erst begonnen. Ich glaube, sie klammerte sich so an mich, weil ich sie davor bewahrte, allein zu sein.

Meine Freunde sah sie als Bedrohung an. Sie glaubte, dass ich ihr wegen ihnen weniger Aufmerksamkeit schenke. Ähnliches dachte sie über ihre Freunde. Sie war buchstäblich auf jeden und alles eifersüchtig, dass meine Aufmerksamkeit von ihr ablenkte. Während ich das schreibe, merke ich erst, wie lächerlich das ist. Aber sie war sogar eifersüchtig auf Bücher - manchmal, wenn ich längere Zeit las, fühlte sie sich ungeliebt und unbeachtet und warf mir vor, dass ich zu viel Zeit mit Büchern verbrachte.

Ich konnte nie genug tun, um ihr meine Liebe zu beweisen. Egal, was ich sagte oder tat, ich war nicht in der Lage, ihr zu zeigen, dass ich wirklich mir ihr zusammen sein wollte. Das war hart, denn ich liebte sie und wollte so sehr mit ihr zusammen sein. Ich begann, Selbstzweifel zu entwickeln. Ich fragte mich, warum ich es nicht schaffte, dass sie sich wieder gut fühlt - was sie selbst angeht und auch unsere Beziehung.

Sie drohte damit, sich umzubringen

Irgendwie dachte ich, ich könnte mich frei machen von ihrer negativen Sichtweise auf Menschen und auf die Welt und dem mit einer positiven Kraft entgegenwirken. Aber am Ende sah sie mich mit demdenselben misstrauischen, eifersüchtigen, erschöpften Blick, mit dem sie auch alle anderen sah.

Ich war der Meinung, ich könnte mich als der sehen, der ich bin, unabhängig von all den schlimmen Erfahrungen, die sie gemacht hatte. Jetzt erscheint mir das lächerlich, auch wenn ich ihr das glaubte, als sie mir versicherte, sie könne das trennen.

Weil ich zu diesem Zeitpunkt (laut ihrer Aussage) das einzig Positive in ihrem Leben war, verlor sie komplett die Kontrolle, als es zwischen uns nicht mehr gut lief. Sie drohte, sich umzubringen und ich glaubte ihr. An manchen Tagen, wenn ich nach Hause kam und das Wasser im Bad laufen hörte, erwartete ich panisch, den Duschvorhang zurückzuziehen und sie mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne vorzufinden.

Glück und Zufriedenheit war in unserer Beziehung nichts, was man voraussetzen konnte. Sie waren immer an schwierige oder unmögliche Eventualitäten geknüpft. Sie konnte nicht glücklich sein, bis nicht ihre ganze Familie auch glücklich war. Sie konnte nicht glücklich sein, außer sie tat der Welt etwas Gutes mit ihrer Arbeit.

Sie konnte nicht glücklich sein, wenn das Klima zu kalt war. Sie konnte nicht glücklich sein, wenn ich nicht auch glücklich war. Das alles klingt nobel und selbstlos, doch das Ergebnis war, dass sie niemals glücklich sein konnte und es auch niemand um sie herum sein konnte.

Am Ende wurde ich zum Teil des Problems

Sie fand, dass vor allem das Schicksal schuld war an ihren Problemen. “Ich habe eben so oft Pech”, sagte sie.

Ich fühlte mich schuldig, weil ich ihr nicht besser helfen konnte, und hatte das Gefühl, dass ich nicht genug für sie tue. Dann, als ich in Betracht zog, sie zu verlassen, fühlte ich mich schuldig, weil ich glaubte, sie im Stich zu lassen und meine Liebesgefühle für sie zu verraten.

Ich fürchtete, sie könne wegen mir Selbstmord begehen. Ich sah ihre Beerdigung vor meinem inneren Auge ablaufen und dass ich tagelang weinend an ihrem Grab sitzen würde und mir Vorwürfe machen würde, Schuld am Tod eines so guten Menschen zu sein. Ich fühlte mich schuldig für die Dinge, die ihr zugestoßen waren, weil ich mich verantwortlich für sie fühlte.

Am Ende vergiftete die Depression, die schuld war an ihrer negativen Lebenseinstellung, unsere Beziehung und machte es unmöglich, mit ihr zu leben. Ich war dabei zu ertrinken und musste eine Entscheidung treffen.

Das Schlimmste ist, dass sie mir immer noch sehr wichtig ist. Ich wäre so gerne mit der Person zusammen, die sie ist, wenn all diese negativen Wesenszüge nicht zum Vorschein kommen. Ich will immer noch, dass sie glücklich ist und Erfolg hat und es macht mich sehr traurig, dass ich ihr nicht helfen konnte, das zu erreichen. Schlimmer: Ich bin ein Teil des Problems geworden - ein weiteres Kapitel in ihrer schmerzlichen Biografie.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Ich habe viele Dinge gelernt:

Ich trennte ihre Probleme von ihr und schrieb sie ihren Erfahrungen zu, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Das war ein Riesenfehler. Erfahrungen beeinflussen Menschen, aber es liegt in ihrer Verantwortung, Probleme zu erkennen und sie aus der Welt zu schaffen.

Schuld ist eine mächtige Waffe

Schuld ist eine mächtige Waffe und ich habe zugelassen, dass sie mich vernichtet. Es gibt einen Unterschied darin, einer Person zu helfen und von ihr eingenommen zu werden. Ich muss Menschen die Verantwortung übergeben, sich selbst zu helfen und erkennen, dass ich andere Menschen nicht grundlegend ändern kann. Es ist schwierig genug, sich selbst zu ändern.

Von jetzt an werde ich anderen die Frage stellen “Glaubst du, dass du ein glücklicher Mensch bist?”. Ich glaube, dass die Frage mehr über die tiefsitzende Einstellung eines Menschen aussagt als alles andere.

Dein Partner sollte dein persönliches Wachstum fördern - durch Freunde, Familie und Aktivitäten, die den Körper und den Geist anregen. Er sollte sich für dich freuen und sich von deinen Erfolgen nicht bedroht fühlen.

Gefühle sind immer stärker als Logik.

Großartiger Sex ist wie Heroin.

Liebe ist ein Spiel, das unsere eigenen Schwächen an die Oberfläche bringt und die des anderen zurückdrängt. Wenn du einmal damit angefangen hast, gibt es kein Entkommen mehr, aber mit der Zeit siegt die Wahrheit."

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Eine ebenso simple wie geniale Idee steckt hinter dem Projekt World Bicycle Relief. Diese nämlich lautet: "Fahrrad = Mobilität = Bildung". So einfach kann Hilfe tatsächlich sein.

World Bicycle Relief stellt Menschen in Entwicklungsländern Fahrräder zur Verfügung, damit sie ihr Leben aus eigener Kraft verändern können. Denn in ländlichen Regionen Afrikas bedeutet ein Fahrrad ein großes Maß an Lebensqualität: Es verkürzt die Transportwege und erleichtert seinem Besitzer den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Mit über 200.000 Fahrrädern, die in Afrika montiert werden, und 1000 ausgebildeten Mechanikern hilft WorldBicycleRelief vor Ort dabei, Armut zu bekämpfen und fördert Bildung und die wirtschaftliche Entwicklung in Gegenden, die sonst von der Infrastruktur abgeschnitten wären.

Unterstütze sie jetzt bei dieser Arbeit und spende auf betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(cho)