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"Promi Big Brother" startet: Alles was ihr zu dem Sat.1-Format wissen müsst

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GINALISA LOHFINK
Trash TV-Star Gina-Lisa Lohfink | imago/Eibner Europa
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  • "Promi Big Brother" startet am 2. September auf Sat.1
  • Um die Kandidatenliste macht der Sender ein großes Geheimnis
  • Trash-Girl Gina-Lisa zieht offenbar das Dschungelcamp dem Promi-Knast vor

Am 2. September startet "Promi Big Brother". Dann geht's mal wieder um die Wurst, d.h. um Silikon, um Brüste und was sonst noch optisch hervorstechen könnte. Oder um irgendeinen anderen Scheiß. Hauptsache, es fühlt sich an wie im Mülleimer. Hauptsache Trash. Ein tiefgründiger Blick in das Reich der Trash-Promis.

Der Sat.1 Pressetext liest sich wie eine Drohung: "Es geht in die vierte Runde der Star-WG im Promi Big Brother Haus. Hier zeigen sich die Promis mal ganz ungeschminkt und hautnah. Natürlich dürfen Zicken-Zoff unter den Bewohnern und heiße Dusch-Szenen nicht fehlen." Und: "Die Promis fallen tiefer und tiefer."

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Wer zieht in den Promi-Container?

Die Liste der Kandidaten, die tatsächlich in den "Promi"-Container ziehen, hütet der Sender wie ein Staatsgeheimnis. Der Uschi-Glas-Sohn Bernd Tewaag wurde gehandelt und Natascha Ochsenknecht, die Ex von Uwe Ochsenknecht, bestätigt. Zu den üblichen Verdächtigen zählen auch Silikon-Lady Cathy Lugner, derzeit Ehefrau des betagten Wiener Salon-Warans "Mörtel" Lugner, Schauspieler Zachi Noy ("Eis am Stiel"), Alexander "Honey" Keen (Mr. Hessen und Ex-Freund von GNTM-Siegerin Kim Hnizdo), Tatjana Gsell, die Transsexuelle Edona James, Prinz Marcus von Anhalt und Helena Fürst (Dschungelcamp). NDW-Star Joachim Witt ("Mein Herz") und Ex-Fußballer Mario Basler wurden mittlerweile ebenfalls bestätigt. Auch Sarah Kern und ein gewisser Achi Satorovic aus Oberösterreich, der in der Nackedei-Show "Adam sucht Eva" seinen Piepmatz als "Mister Torpedo" vorstellte, würden in die Sendung passen, wie - na, sagen wir es ruhig - die Faust auf's Auge.

Er zieht in den Promi-Knast: Hiererfahrt ihr alles über Kandidat Mario Basler

Ausgewiesene Trash-Stars wie Gina-Lisa Lohfink, die unlängst in einem spektakulären Prozess wegen einer "wahrheitswidrigen" Vergewaltigungsbehauptung zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro verurteilt wurde und der Musiker Marc Terenzi ziehen offenbar die Frischluft des RTL-Dschungelcamps dem Container-Mief vor.

Wie dem auch sei. "Es wurde noch nie so viel falsch spekuliert wie in dieser Staffel", erklärte die bewährte Krawall-Moderatorin Desireée Nick (59, "Säger und Rammler"). Gleichwohl plaudert sie von ihren Favoriten: "Ich würde mich sehr freuen, wenn drei Kilogramm Silikon-Brüste teilnehmen würden: diese Edona James. Und den adoptierten Proll-Prinzen, dessen Vater der Mann von Zsa Zsa Gabor ist, fände ich auch sehr passend. Dann wäre eine Rotlicht-Milieu-Unterwelt-Schiene vertreten."

Auch berühmte Nobodys wie Naddel und Micaela Schäfer oder der ehemalige Kicker Torsten Legat wären durchaus dem Niveau angemessene Kandidaten. Möglicherweise klingt den Sportsfreunden immer noch eine Hommage des Fußballmagazins "11 Freunde" auf den Vorjahressieger David Odonkor in den Ohren: "Nationalspieler, Kurzzeit-Flankengott, fast ein Bein verloren und nun ein Tanzäffchen im Unterschichtenfernsehen. Wir können es nicht mehr ertragen."

Das Prinzip von Paradies und Hölle

Das Prinzip dieses Reality-TV-Formats ist denkbar einfach. Man sperre eine gewisse Anzahl (12-13) einigermaßen prominenter Zeitgenossen in einen Container, verteilt auf "oben" und "unten". Das ist wörtlich zu nehmen, denn "oben" geht's vermeintlich paradiesisch zu, während "unten" die Hölle tobt. Nun beginnt unter den Insassen ein Hauen und Stechen, damit die von "unten" nach "oben" kommen, und die von "oben" auch "oben" bleiben.

Die Frage der Prominenz wird vom Sender nicht besonders anspruchsvoll definiert. So traten schon mal der Profiboxer Manuel Charr, die Sängerin und Pornodarstellerin Mia Julia Brückner oder ein gewisser Aaron Troschke auf, Namen, die nicht unbedingt in Who-is-Who-Führern vorkommen. Bei Claudia Effenberg ist das ein bisschen anders, denn die ist wenigstens mit dem ehemaligen Fußballstar Stefan Effenberg verheiratet.

Die Gabe der freien, spontanen, nicht unbedingt feinen Sprache muss allen KandidatInnen gegeben sein, denn das gehört zum Konzept. Der sensiblere, womöglich auch etwas masochistisch veranlagte Teil des Publikums, immer über zwei Millionen Zuschauer, spürt deutlich den Instinkt des Fremdschämens, wie es die "Welt" im vergangenen Jahr beobachtet hat: "Man schaut zu und wünscht sich weg, weit weg. In einen Stau, eine dreistündige Physikvorlesung oder zum Proktologen, Hauptsache weg."

Und die Anderen? Die ergötzen sich offenbar an der untrüglichen Wahrnehmung, dass es im Fernsehen noch deutlich wüster zugeht als daheim bei den Hempels unter dem Sofa. Ein Phänomen, das nur scheinbar widersprüchlich ist.

"Trash ist die neue Normalität"

Die amerikanische Autorin Charlotte Hays schrieb in der "New York Post" über populäre Reality-TV-Formate: "Trash ist die neue Normalität. Sie hat die Gesellschaft durchdrungen. Bei den Tischmanieren, bei der Kleidung, bei den Gefühlen, beim Geld." Körperliche Intimität sei früher privaten Orten vorbehalten gewesen. "Jetzt ist sie für die U-Bahn reserviert." Oder für den Container. Hauptsache, die Kamera läuft, denn mit Trash ist Geld oder zumindest eine gewisse Bekanntheit zu verdienen.

Der "Spiegel" schilderte eine Episode aus einem der vergangenen Promi-Container, als Desirée Nick, eine "ältere Dame im Zirkus-Dirndl" eine junge Frau mit Augenunterimplantaten, "die ihr Gesicht da polsterte, wo bei anderen Menschen die Augenringe sind", nach ihrem Promi-Status fragt: "Ja, sag mal, wer bist'n du? Woher kennt man dich?"

Da habe das "It-Girl" Nina Kristin, die Tochter eines Millionärs, brav geantwortet: "Ich war zweimal im 'Playboy' und einmal im 'Penthouse'". Dann habe Nina Kristin "im schönsten Und-dann-und-dann-Kinderaufregungs-Deutsch" ihre Motivation für die Teilnahme im Promi-Container" preisgegeben: "Dann sieht mich ganz Deutschland und dann werde ich noch bekannter und alles wird cool!"

Ist das pure Verblödung oder reines Kalkül?

Doch warum stellen Trash-Stars und die, die es unbedingt werden wollen, so geniert und völlig ungehemmt ihr vermeintlich wahres (und unterbelichtetes) Ich zur Show? Ist das pure Verblödung oder reines Kalkül? Mit Trash kann man Aufmerksamkeit erregen, und mit Aufmerksamkeit ist Geld zu verdienen. Angesichts dieser Gleichung macht der Stuss, den diese C-Promis von sich geben, sogar einen gewissen Sinn.

"Bild" hat schon vor Jahren recherchiert, dass C-Promis Hochkonjunktur haben. Angesichts einer wahren Flut von Reality-TV-Formaten suchen die Sender "händeringend nach (C)-Promi-Personal." Der Markt von Ludern und Möchtegerns sei "schlichtweg leer gefegt... Des Fernsehens Leid ist des Promis Freud: Denn mit der Nachfrage steigt auch der Marktwert."

Bereits 2013 soll der RTL-"Dschungelkönig" Joey Heindle (20) für eine Autogrammstunde oder einen Party-Auftritt 1500 Euro kassiert haben. Die ehemalige Dieter Bohlen-Gefährtin Nadja "Naddel" Abd El Farrag wurde sogar auf 5000 Euro taxiert, wenn sie auf einer Party oder in der Disko auflegt.

Soll heißen: Trash-Stars sind, ob man will oder nicht, in unserer Gesellschaft akzeptiert. Zwar lästert das (meist anonyme) Publikum gern über die Gebaren der C-Promis ab, doch das gleicht mehr einem kumpelhaften Geplänkel unter seinesgleichen als ernsthafte und vor allem ablehnende Kritik.

Gina-Lisa ist ein Paradebeispiel für einen Trash-Promi

Wie sehr Trash-Stars die Öffentlichkeit vereinnahmt haben, zeigt das Beispiel Gina-Lisa Lohfink (29, "Barbie Girl"). Sie hatte mit zwei Männern gleichzeitig Sex und behauptete, es sei eine Vergewaltigung gewesen. Damit war ihr auch die Aufmerksamkeit im politischen Bereich sicher.

Gina-Lisa Lohfink ist, wie man so sagt, eine Frau mit Vergangenheit. Die gelernte Arzthelferin aus dem hessischen Seligenstadt, die zeitweise auch in einem Behindertenheim arbeitete, hat sich mit großer Ausdauer in die diversen Kanäle des Reality-TV rein- und rausgearbeitet.

Sie trat bei "Germany's Next Topmodel" auf und der ProSieben-Show "Die Alm - Promischweiß und Edelweiß", war Gast im "Big Brother"-Haus, zog sich für "Playboy" und "Penthouse" aus, gab ein Schauspieldebüt in "Putzfrau Undercover" und huschte in der ARD-Endlos-Soap "Marienhof" durch die Kulissen.

"Beerdigung der Privatsphäre"

Ihr Prozess wegen Vergewaltigung war ein Medien-Event. Und Gina-Lisa hechtete auf jede Kamera zu, die ihr entgegen gereckt wurde. Als sie schließlich wegen Falschaussage verurteilt wurde, fiel ihr - oder einem Schlaumeier im Hintergrund - ein pompöser Auftritt ein. Die Frau, die sich 2008 dabei filmen ließ, wie sie ihr damaliger Freund a tergo begattete (und das Video ins Internet stellte), hat in der Wiesbadener St. Augustine's Church die "Beerdigung der Privatsphäre" arrangiert, wobei ihr der Konzeptkünstler Dries Verhoeven dabei half.

Sie trat in kurzer Trauerkleidung als "Angehörige der Verstorbenen" auf und sagte: "In den letzten Monaten, liebe Privatsphäre, hab ich dich vermisst, ich fragte mich, wieso bist du nicht da für mich?" Natürlich waren jede Menge Kameras dabei.

Als sie dann den Sarg mit der Privatsphäre zum Grab geleitete, war ihr bester Freund an ihrer Seite: Florian Wess aus dem Clan der Botox-Boys, auch er ein großer Verehrer der Privatsphäre, aber nur wenn sie in aller Öffentlichkeit präsent ist.

Wess ist eine Art männlicher Entwurf von Gina-Lisa. Vater und Onkel haben eine Event-Agentur und tanzen auf allen Hochzeiten. Sie haben sogar den Wiener Opernball gestürmt, sehr zum Leidwesen ihres "Kollegen" Mörtel Lugner.

Florian Wess war ebenfalls im "Big Brother"-Container. Er hatte ein Verhältnis mit dem alternden Schauspieler Helmut Berger (72), von dem er sich trennte, als dieser es gewagt hatte, sich in einem Dokumentarfilm selbst zu befriedigen. Das war dem Neffen der Botox-Boys dann doch zu viel, da ist so eine Beerdigung der Privatsphäre doch wesentlich diskreter.

Verkehrte Welt? Die "Süddeutsche Zeitung" bemüht beim Versuch, das Trash-TV und seine Figuren zu erklären, den Dichterfürsten: "Goethes Faust rang mit sich und dem Teufel, bevor er seine Seele als Wettpfand einsetzte. Die Kandidaten von Promi Big Brother haben sich dem Teufel in die Arme gestürzt, mit Leib und Seele, für Medienpräsenz und so etwas ähnliches wie Ruhm."

"Ich bin die mit den Brüsten"

Vielleicht auch Geld. Und da kommt eine wie Micaela Schäfer (32) aus Leipzig ins Spiel. "Kein Talent, kein Inhalt. Star ohne Grund. Ein mieser Job. Eigentlich", schreibt der "Spiegel". Dieses Eigentlich erklärt alles. Die ehemalige pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte wollte mit aller Macht bekannt werden - um Geld zu verdienen. Schön früh hat sie erkannt: "Wer bekannt werden will, braucht eine gute Macke." Nun hat sie ihr Markenzeichen: "Ich bin die mit den Brüsten".

Micaela hat alle Formate absolviert. "Germany's Next Topmodel","Big Brother", Dschungelcamp, "Supertalent", "Das perfekte Promi Dinner", "Promiboxen", "Frauentausch", "Reality Queens auf Safari". Jetzt tritt sie in Eigenregie als gutbezahltes Model, Moderatorin, DJane und Partygast auf. Meist nackt. Auf dem Oktoberfest hat sie sich ein Dirndl auf den Körper malen lassen. Warum? "Ich werde nur gebucht, wenn ich aktuell bin. Deshalb muss ich in die Medien."

Experten schätzen, dass Micaela längst Millionärin ist. Sie besitzt eine schicke Eigentumswohnung in Berlin, macht kaum Urlaub und arbeitet und arbeitet. Dabei denkt sie wie eine Leistungssportlerin: "Ich habe nur noch ein paar gute Jahre vor mir, in denen ich sehr viel Geld verdienen muss."

Eigentlich mag sie überhaupt kein Fernsehen. Jedenfalls gibt es in ihrer Wohnung kein TV-Gerät. Man brauche viel Selbstironie, sagt sie, wenn man sie auf ihren Job als Trash-Star anspricht.

Der bedeutende britische Kulturtheoretiker und Geschichtsphilosoph Arnold Toynbee (1889-1975) schreibt in seinem Werk "A Study of History", es gäbe deutliche Anzeichen dafür, dass eine Gesellschaft zerfällt, wenn die von ihr ausgehenden Signale den Sitten und Gebräuchen der Unterschicht entnommen sind.

Vermutlich hat deshalb die US-Autorin und Toynbee-Verehrerin Charlotte Hays einen radikalen Bruch mit der Trash-Society gefordert. Sie wünscht sich Verantwortungsbewusstsein und gute Manieren zurück - und: "Zum Teufel ja, den Mann im grauen Flanell. Wir vermissen ihn."