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Korrespondenten internationaler Medien ziehen ein Jahr nach Merkels "Wir schaffen das" Bilanz

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ANGELA MERKEL
Korrespondenten internationaler Medien ziehen ein Jahr nach Merkels "Wir schaffen das" Bilanz | dannymark via Getty Images
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Ein Jahr ist es her, dass Angela Merkel mit ihrem "Wir schaffen das" die wohl folgenreichsten Worte ihrer Kanzlerschaft sagte. Während tausende Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland kamen, wollte Merkel der Bevölkerung signalisieren: Wenn alle gemeinsam anpacken, geht alles gut.

Diese Worte fanden nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt Gehör. Das Magazin "Time" kürte Merkel zur Person des Jahres, der "Economist" feierte die Entscheidung unter der schlichten Überschrift "Germany! Germany!" . In Osteuropa dagegen verhöhnte man die Kanzlerin als naiv.

Ein Jahr nach Merkels Satz wollten wir wissen, wie Auslandskorrespondenten die Entwicklung in Deutschland sehen - in der Huffington Post ziehen in Deutschland lebende Auslandskorrespondenten internationaler Medien jetzt Bilanz.

Sie sagen, wie die drei Worte Deutschland verändert haben, wie sie im Ausland ankamen - und, ob Deutschland das tatsächlich schaffen kann.

kluth

Andreas Kluth, Economist

Der große Moment war nicht der Satz “Wir schaffen das”, sondern die Entscheidung am 4.9.15, die aus Budapest verzweifelt auf die deutsche Grenze zulaufenden Flüchtlinge reinzulassen. Es nicht zu tun, hätte zu einer viel größeren Katastrophe geführt. Aber die Ausnahme wurde als neue Politik der offenen Grenzen missverstanden.

Merkels Fehler war, nicht schnell und klar zu differenzieren.

Trotzdem wird Deutschland das schaffen; anderes zu behaupten ist Hysterie. Allerdings ist Deutschland im letzten Jahr gereift. Die Naivität des “Gutmenschen” ist weg; abgeklärte Nüch­tern­heit ist der neue Zeitgeist.

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Tonia Mastrobuoni, La Repubblica

Vor einem Jahr hat Angela Merkel es geschafft, ihr Herz in beide Hände zu nehmen und den machiavellischen Taktizismus, den viele Biographen ihr vorwerfen, zu neutralisieren. Mit dem Satz “Wir schaffen das” ist sie strategisch geworden.

In dem Bemühen, der demographischen Katastrophe, der Länder wie Deutschland entgegensteuern, eine konkrete Antwort zu geben, aber auch in der Überzeugung, dass Europa seine Grundwerte nicht aufgeben kann, hat sie eine historische Aufgabe auf sich genommen und die Flüchtlinge ins Land gelassen.

Vor allem: In einem desorientierten Europa, in dem rechte und linke Politiker sehr oft dem Populismus hinterherrennen, aber nicht einsehen, dass die Wähler lieber das Original wählen als eine improvisierte Kopie, hat sie keine Furcht vor dem traditionellen Gebot ihrer Partei gehabt, man solle rechts von der Union keine freien Räume lassen.

Die einzige Angst, vor der man sich heute fürchten sollte, wie schon Roosevelt sagte, ist die Angst selbst. Merkel scheint diese Weisheit - zumindest in der Flüchtlingsfrage - verinnerlicht zu haben.

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Pascal Thibaut, Radio France

„L’incroyable Madame Merkel“-„Die unglaubliche Frau Merkel“ titelte am 10. September 2015 das französische Nachrichtenmagazin „Le Point“ mit einem Porträt der lächelnden Kanzlerin auf der Titelseite. Darunter war zu lesen: „Wenn Sie nur Französin wäre“.

Nach Monaten, ja sogar Jahren, in denen häufig vom arroganten egoistischen Deutschland die Rede war, zeigte sich das Nachbarland von seiner herzlichen Seite. Wie vielen anderen kommen mir immer noch die Tränen, wenn ich die bewegenden Szenen 2015 am Münchner Hauptbahnhof sehe, so wie 1989 als die Mauer fiel und Deutschland im Freudentaumel war.

Viele menschliche Geschichten haben bei mir seit einem Jahr eine ähnliche Auswirkung gehabt wie vor kurzem ein Besuch bei zwei Freundinnen, die in ihrer Berliner Wohnung drei Geflüchtete aufgenommen haben.

Die Entscheidung Berlins vor einem Jahr bleibt eine grosszügige humanitäre Leistung. Die Heimat der Menschenrechte, Frankreich, hat bei der Aufnahme von Flüchtlingen seine Prinzipien verraten. Die hitzigen Debatten der letzten Zeit und die Ablehnung gegenüber Fremden im Allgemein und Moslems insbesondere sind beschämend.

Ich bezweifle, dass „Le Point“ heute noch ein Mal die gleiche positive Überschrift über Angela Merkel bringen würde. Vor einem Jahr war ein gewisses Erstaunen, ja sogar eine gewisse Bewunderung für die deutsche Entscheidung in Frankreich spürbar.

Ganz schnell aber tauchte eine gewisse anti-deutsche Haltung wieder an die Oberfläche. Der Alleingang Berlins wurde viel kritisiert. Für die Rechtsextremen war Merkels Entscheidung gleichzeitig Teufelszeug und eine wunderbare Wahlhilfe. Die linke Regierung in Paris kann durch die Aufnahme vieler Flüchtlinge in Deutschland nur an ihr Versagen erinnert werden. Es mag vielleicht eine deutsch-französische Achse geben; aber sie driftet auseinander.

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Thomas Lundin, Svenska Dagbladet

Es ist nicht zu übersehen, dass sich die Stimmung im Land verändert hat. Im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern ist deutlich zu spüren: Es gärt in Deutschland. Aber muss man beunruhigt sein? Verglichen mit Schweden, das allerdings noch mehr Flüchtlinge per Einwohner aufgenommen hat, erscheint Deutschland zurzeit wie ein Hort der Besonnenheit.

Für die rechtspopulistischen Schwedendemokraten, die seit 2010 im schwedischen Reichstag sitzen, würde heute fast jeder fünfte Schwede seine Stimme abgeben. Und das, obwohl die Asylpolitik radikal verschärft worden ist und die Flüchtlingszahlen rapide sinken.

Auch der öffentliche Diskurs ist schärfer, zum Beispiel mit einem vom Innenminister gerade angeregten Bettelverbot. Oder die Debatte über (von Ausländern) besetzte Stadtteile. Davon ist Deutschland noch weit entfernt, trotz „Wutbürger“ und trotz der AfD-Triumphe bei den Landtagswahlen.

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Celal Özcan, Hurriyet

Die Flüchtlingskrise hat die politische Landschaft in Deutschland völlig verändert. Ich denke an die Bilder, die durch die Welt gegangen sind ganz am Anfang, wie begeistert die Deutschen die Flüchtlinge mit “Willkommen”-Schildern empfangen haben.

Doch dann hat sich der Wind schnell gedreht. Die neuen Rechten wie die AfD wurden durch die Flüchtlingskrise in kurzer Zeit eine starke politische Kraft und sie sehen sich jetzt in naher Zukunft als Regierungspartei.

Wirtschaftlich haben die Flüchtlinge Deutschland einen Aufschwung gebracht: 2016 und 2017 werden insgesamt 18.242 neue Lehrer eingestellt (Sozialpädagogen und Erzieher nicht mitgerechnet); für 11.000 Polizeibeamte werden neue Stellen geschaffen, leere Schulklassen werden neu gefüllt, Flüchtlingsunterkünfte gebaut, der Sicherheitssektor wird erweitert.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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(ben)