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Das passiert mit Kindern, die lange ein Fläschchen bekommen

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FLASCHEN KINDER
Fläschchen mit zucker- oder säurehaltigem Inhalt können die Milchzähne zerstören. | iStock
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Den Eltern war es sichtlich unangenehm. Ausnahmsweise hatten sie ihrem dreijährigen Sohn ein Fläschchen mit Tee gegeben, damit er endlich seinen Mittagsschlaf macht und auf keinen Fall die schöne Feier sprengt. Doch flugs kam der erste Kommentar einer anderen Mutter: "So alte Kinder sollen kein Fläschchen bekommen, sonst gehen die Zähne kaputt."

Doch stimmt das wirklich? Darüber gehen auch in der Medizin die Meinungen auseinander.

"Spätestens im dritten Lebensjahr sollten die Kinder völlig von der Flasche entwöhnt werden", sagte gerade erst die oberbayerische Kinderärztin Anne Rothe dem Magazin "Baby und Familie". Sogar bereits im Alter von etwa zwölf Monaten sollte „man damit anfangen, die Kinder an Becher oder Tassen, gegebenenfalls auch an sogenannte Trink-Lern-Tassen zu gewöhnen".

Das häufige Umspülen der Zähne mit zucker- oder säurehaltigen Flüssigkeiten könne bereits bei Kleinkindern Karies verursachen, heißt es in dem Eltern-Ratgeber. "Außerdem kann der Sauger – ähnlich wie beim Schnuller – bei Dauergebrauch zu Verformungen des Kiefers und zu Zahnfehlstellungen beitragen", wird in dem Online-Magazin gewarnt.

Zahnmediziner: "Es kommt auf den Inhalt an"

Andere Experten warnen dagegen vor pauschalen Aussagen. Thomas Wolf, Vorstandsmitglied des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte, verurteilt Fläschchen auch ab dem zweiten Lebensjahr nicht per se. "Es kommt auf den Inhalt an."

Säurehaltige und insbesondere zuckerhaltige Getränke sollten die Eltern "aber möglichst strikt vermeiden", sagt der Zahnarzt der Huffington Post. Säure greife die Zahnoberfläche an. Für den Mediziner, der auch an der Uni Mainz lehrt, ist aber ebenfalls klar: "Der häufige Genuss von zuckerhaltigen Getränken und Speisen steigert für die Kleinkinder das Karies-Risiko deutlich."

Doch oft fehle es an der Aufklärung. Es gebe Eltern, die ihren Kindern fast den ganzen Tag über Fruchtsaft, Limonade, Eistee oder sogar Cola zu trinken geben. "Da entsteht mit hoher Sicherheit Karies. Ich habe Kinder-Zähne in sehr schlechtem Zustand gesehen", sagt er.

Zu viel Limo: Kleinkind-Karies vor allem bei Armen verbreitet

Auch nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sind Milchzähne besonders kariesanfällig, weil ihr Zahnschmelz weniger robust ist als der von den bleibenden Zähnen.

Betroffen von Kleinkinder-Karies seien vor allem bildungsferne Schichten, erläutert Wolf. Dies belegten wissenschaftliche Studien.

In sozialen Brennpunkten komme Karies bei bis zu 40 Prozent der Kleinkinder vor. Sonst lägen die Raten bei 10 bis 15 Prozent, konstatierte die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde bereits 2014. "Karies wird zunehmend zu einer sozialen Erkrankung", weiß man auch bei der Kassenzahnärztlichen Vereinigung.

Doch alle Eltern sollten Acht geben. Schätzungsweise die Hälfte aller Kariesschäden an den Zähnen von Erstklässlern in Österreich sind einer Studie zufolge bereits in den ersten drei Lebensjahren entstanden. Immer wieder müssen Kindern schon Milchzähne, mitunter ganze verfaulte Reihen gezogen werden.

Experten warnen aber vor Panikmache

Sind Milchzähne komplett kaputt, drängen manche Eltern dann Zahnärzte zu einer Vollnarkose. Doch Wolf und viele seiner Kollegen raten zur Vorsicht. Immer wieder sterben dabei sogar Kinder.

In Sachen Fläschchen warnt Wolf dagegen vor Panikmache. "Die Dosis macht das Gift. Wenn ein Kind noch mit zwei oder drei Jahren ungesüßten Tee oder Wasser aus der Flasche trinkt, ist das kein Problem. Ein Dauernuckeln an der Flasche sollte dennoch unterlassen werden".

Fehlbildungen durch den Flaschenkonsum von nicht zucker- oder säurehaltigen Getränken würden zum Glück dagegen nicht so häufig auftreten. Problematischer ist es aus Sicht des Experten, wenn auch noch ältere Kinder lange Schnuller lutschen oder häufig Daumenlutschen.

Mit der Legende, dass Milch gut für die Zähne sei, räumt Wolf auf: "Die Milch enthält Laktose - Milchzucker. Auch dieser kann zu Karies führen."

Es zählt auch das emotionale Wohl des Kindes

Auch Wissenschafts-Journalistin Nicola Schmidt, Autorin des Erziehungs-Bestsellers "artgerecht"sagt gegenüber der HuffPost:

"Natürlich sollte man die Flasche nicht zu lange geben, denn mit dem falschen Inhalt kann sie schnell schädlich für die Zähne sein. Doch man darf das auch nicht zu eindimensional sehen." Zahnärzte warnten vor möglichen Zahnschäden, Ernährungswissenschaftler vor späterem Übergewicht. Aber es gebe auch eine andere Komponente: "Es zählt auch das emotionale Wohl von Kind und Eltern."

Mit zwei oder drei Jahren wollen manche Kinder wieder vermehrt das Fläschchen, etwa wenn sie ein kleines Geschwisterchen bekommen, so die Expertin: "Diesen Kindern keinerlei Flaschentrinken zu erlauben, kann im Einzelfall schädlicher sein. Nämlich dann, wenn das Kind emotional darunter zu sehr leidet."

Einig sind sich alle Experten, dass die richtige Zahnpflege auch bei kleinen Kindern extrem wichtig ist. Dentist Wolf rät Eltern dazu, ihren Kindern bereits ab dem ersten Milchzahn die Zähne zu putzen. "Unbedingt sollte man eine spezielle Zahnpasta für Kinder mit Fluorid nehmen", so der rheinland-pfälzische Zahnarzt.

Die Eltern sollten schon die ersten Zähnchen, sobald sie sich zeigen, vorsichtig mit einem Wattestäbchen oder einer Kinderzahnbürste reinigen, rät derweil der BKVJ. Im Gegensatz zu den Zahnärzten empfehlen die Kinderärzte jedoch, erst ab etwa dem dritten Lebensjahr Zahnpasta zu verwenden, wenn das Kind die Masse selbst ausspucken kann. Ab diesem Alter können Kinder sich meist schon selbst die Zähne putzen, Eltern sollten aber bis zum Schulbeginn noch einmal nachputzen.

Gesunde Milchzähne sind Medizinern zufolge unter anderem die Voraussetzung dafür, dass ein Kind richtig sprechen lernt. Sie sind auch wichtig dafür, dass das Kind altersentsprechend an Gewicht zulegt und nicht Gefahr läuft, ausgegrenzt zu werden. Eine wissenschaftliche Studie kam zudem zu dem Ergebnis, dass Kinder, die lange an der Flasche hingen, später zu Übergewicht neigten.

"Die Dosis macht das Gift"


Doch Eltern, deren ältere Kind nur hin und wieder zur Beruhigung ein Fläschchen trinken, brauchen sich nach Expertenansicht keine Sorgen machen.

Bleibt die Frage: Wie entwöhne ich mein Kind am besten?

Schmidt empfiehlt: "Bei vielen Kindern macht es Sinn, den Entzug der Falsche über Woche hinweg vorzubereiten, bei anderen sollte es einen klaren Schnitt geben. Das sehen die Eltern im Einzelfall."

Die Pädagogik-Expertin empfiehlt, Kindern auch einmal zu sagen, man habe heute "keine Milch daheim". Manche Kinder würden "dann auch einfach so einschlafen."

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