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"Die Menschen haben Angst": Wie Erdogan Syrien mit seiner Offensive weiter entzweit

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"Die Menschen haben Angst": Wie Erdogan Syrien mit seiner Offensive weiter entzweit | getty / reuters
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Wochenlang hatte Erdogan ihn vorbereitet. Und dennoch sorgte die Nachricht vom türkischen Einmarsch im Norden Syriens am vergangenen Mittwoch für große Überraschung bei den internationalen Beobachtern.

Nur wenige Stunden brauchte die türkische Armee um die Grenzstadt Dscharablus von der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) einzunehmen – und damit den Status Quo im Syrienkonflikt auf den Kopf zu stellen.

Seither fragen sich Experten und Politiker: Welchen Plan verfolgt Erdogan in Syrien – und wie wird das türkische Engagement das Land verändern? Ist der Eintritt des Nato-Staates eine Chance, Syrien zu einen, oder droht das Land durch die türkische Offensive noch weiter zu zerfallen?

Momentan droht Letzteres.

Kampf gegen IS steht still

Denn Erdogans Kampf gegen den IS ist bereits in der zweiten Woche der "Operation Schutzschild Euphrat", wie die Militärintervention in Ankara genannt wird, ins Stocken geraten.

Zuletzt eroberte die Terror-Miliz sogar Dörfer im türkisch-syrischen Grenzgebiet zurück.

Ohnehin ist klar: Der Kampf gegen den dschihadistischen Terror ist nicht die oberste Priorität der Türkei in Syrien. Denn unter "Terror" versteht die türkische Regierung vor allem die Aktivität der kurdischen YPG, die als syrischer Ableger der in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK gilt.

Vorrangig geht es beim Einschreiten Ankaras daher um den Kampf gegen die syrischen Kurden. Diese kontrollieren seit Monaten einen langen Landstreifen entlang der syrischen Grenze. Ankara duldete diesen Zustand lange, unterstützte seinerseits arabische Milizen durch Waffenlieferungen.

syria

Darunter sind Milizen wie Ahrar-Al-Sham, eine fundamentalistische Dschihadistengruppe, die sogar mit der Al-Kaida-nahen Gruppierung Dschabhat Fatah al-Scham zusammenarbeitet.

Erdogan provoziert Eskalation mit den USA

Jetzt setzt die Türkei auf die direkte Konfrontation. Sie will im Norden Syriens eine Pufferzone schaffen.

Immer wieder kommt es zu blutigen Gefechten arabischer Rebellen, häufig Partner der Türkei, und Kurden, die seit etwa einem Jahr von den USA unterstützt werden.

Eine Gratwanderung, wie die Reaktion aus Washington zeigt.

Obamas stellvertretender Sicherheitsberater Ben Rhodes sagte am Dienstag: "Unsere Botschaft an die Türkei ist klar.“

Die USA unterstützte den Kampf der Türkei gegen den IS in der syrischen Grenzstadt Dscharablus. "Wir sind aber gegen einen Vormarsch der Türkei gegen die von der YPG angeführten Milizen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) im Süden von Dscharablus“, erklärte Rhodes.

Amerikaner befürchten Showdown bei Manbidsch

Wie angespannt die Lage zwischen den beiden Nato-Partnern ist, sieht man südlich von Dscharablus, in der Region um die kurdisch kontrollierte Stadt Manbidsch. Berichten kurdischer Beobachter zufolge sollen die USA hier sogar Spezialkräfte hinbeordert haben.

Sie sollen verhindern, dass Kurden und Türken aneinander geraten – und so die Anti-IS-Kampagne der USA in Gefahr bringen. Erst vor wenigen Wochen war Manbidsch von SDF-Kämpfern mit US-Unterstützung befreit worden.

Mahmoud Othman, ein berühmter kurdischer Politiker aus dem Irak, sagte der "New York Times" hinsichtlich der türkischen Operation gegen die Kurden in der Region: "Die Menschen haben Angst. Die Menschen haben wirklich Angst, was am Ende passieren könnte."

USA kooperieren aus Angst, die Türkei als Partner zu verlieren

Die verzweifelten Schlichtungsversuche der USA zeigen: Washington steht mit dem Rücken zur Wand. Zwar unterstützte die amerikanische Luftwaffe den türkischen Vorstoß bei Dscharblus, glücklich über die Einmischung Erdogans ist man in Washington aber nicht.

"Sie wurden mit heruntergelassenen Hosen erwischt", sagte ein politischer Analyst im Syrienkonflikt zuletzt im Gespräch mit der Huffington Post.

Der türkische Syrien-Einsatz sei so offenbar mit Russland und dem Assad-Regime koordiniert gewesen, mit den USA dagegen nicht.

Quasi in letzter Minute habe man sich wohl entschieden, diesen aus der Luft zu flankieren. Gezwungenermaßen. Aus Angst, die Türkei als Partner an Russland zu verlieren.

Ein unmöglicher Spagat

Stattdessen verliert die USA nun vielleicht ihre kurdischen Partner. Die hatten sich monatelang als recht verlässliche Partei im Kampf gegen den IS erwiesen, wollen die Forderung der Türkei, sich auf die Gebiete östlich des Flusses Euphrats zu beschränken, aber nicht erfüllen.

Erdogan weiß um seine Macht, wenn er die USA so indirekt vor die Wahl stellt. Die Wahl zwischen einer in Teilen obskuren Miliz, die in Vergangenheit auch schon mit dem syrischen Despoten Bashar al-Assad kooperierte, aber zumindest im Krieg gegen den IS kompromisslos ist. Und der Türkei, dem zweitstärksten Nato-Staat.

Denn den Spagat, Erdogan auf der einen Seite und die Kurden auf der anderen Seite versöhnlich zu stimmen, wird Washington nicht leisten können.

Unbestätigte Berichte legen nahe: Die SDF hat schon einen neuen Partner. Mithilfe russischer Luftunterstützung sollen kurdische Kämpfer im Nordwesten Syriens auf mehrere IS-gehaltene Dörfer vorgerückt sein.

Die Situation ist unübersichtlich. Vielleicht unübersichtlicher denn je.

Am Ende könnte Erdogan von dieser Momentaufnahme profitieren. Es wäre nicht das erste Mal.

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(bp)