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Ein Jahr "Wir schaffen das": Warum ich heute auf dieses Deutschland stolz bin

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MERKEL REFUGEES
"Auf dieses Deutschland bin ich stolz" | Carsten Koall via Getty Images
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Ende August 2015 hat Angela Merkel jenen Satz gesagt, an dem ihre Kanzlerschaft eines Tages wohl gemessen werden wird: "Wir schaffen das!“

Gemeint waren damals die Tausenden Flüchtlinge, die jeden Tag in Deutschland ankamen. Wie reagiert man auf so etwas? Als Bürger?

Manche fühlten sich mit dem inklusiven "Wir“ übergangen, machten sich Sorgen, ob Deutschland mit der Aufnahme und der Integration von Hunderttausenden Menschen aus Bürgerkriegsländern tatsächlich fertig werden würde.

Acht Millionen Deutsche engagierten sich für Geflüchtete

Eine Minderheit beschimpfte die Kanzlerin bei öffentlichen Auftritten, wollte sie (wie es auf Pegida-Demonstrationen gefordert wurde) vor Gericht stellen oder gleich zusammen mit der gesamten Bundesregierung wegen "Volksverrats“ hinrichten lassen.

Andere waren überzeugt, dass die Integration zu schaffen ist. Etwa acht Millionen Deutsche engagierten sich bis Ende 2015 für geflüchtete Menschen – die wohl größte humanitäre Volksbewegung der Nachkriegsgeschichte.

Und während der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) vom Zusammenbruch der staatlichen Ordnung schwadronierte, packten die Bürgermeister und Landräte des Freistaats mit bewundernswerter Improvisationskunst an, und hatten großen Anteil daran, dass "wir das“ sehr wohl noch "schaffen“ können.

Deutschland lebt

Nach einem Jahr, in dem wir von einer Panikdebatte in die nächste gestolpert sind, und wir am Ende immer wieder festgestellt haben, dass dieses Land doch noch steht, lebt und prosperiert, ist es nun Zeit für ein persönliches Bekenntnis.

Ich habe keine Angst. Und ich lasse mir auch keine Angst machen.

Mir ist klar, dass die Integration von über einer Millionen Flüchtlinge, die 2015 und 2016 nach Deutschland kamen und noch kommen werden eine schwierige Aufgabe wird – bei der ich auch selbst gefragt bin. Als Steuerzahler, aber auch als engagierter Bürger.

Keine Angst vor Scharfmachern

Aber ich lasse mich nicht in Panik versetzen.

Nicht von der CSU, die sich nicht zu schade ist, in diesen Tagen mit der verstaubten Debatte um das Burka-Verbot ein stattsam diskutiertes "Ausländerthema“ aus der Kiste zu holen.

Nicht von SPD-Chef Sigmar Gabriel, der in Sachen Flüchtlingspolitik herumschlingert wie ein orientierungsloser Tanzbär und nach Gesprächsangeboten für Pegida, einem Treffen mit Til Schweiger und dem Tragen eines Refugee-Buttons am Revers nun wieder bei der Forderung nach einer (wahrscheinlich verfassungswidrigen) Asyl-Obergrenze angelangt ist.

Und schon gar nicht von den Scharfmachern der AfD, die sich eigentlich mit ihren Prognosen im vergangenen Herbst für den Rest ihres Lebens blamiert haben müssten – wenn sie nicht Wähler hätten, die auch einen Kleiderständer oder einen Mülleimer wählen würden, wenn er nur für die AfD kandidierte.

Einige Kostproben:

Der thüringische AfD-Chef Björn Höcke glaubte an einen aufziehenden Bürgerkrieg auf deutschem Boden. Zitat aus einer Rede, die er im Oktober 2015 in Magdeburg hielt:

"Wenn wir diese Entwicklung nicht stoppen, dann prognostiziere ich einen Bürgerkrieg. 2016 wird zum deutschen und europäischen Schicksalsjahr. Kämpfen wir für unsere Zukunft. Kämpfen wir mit aller Liebe und aller Kraft, die wir haben, für die Zukunft dieses Landes, für die Zukunft unserer Kinder.“

Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry gab auf einer Pressekonferenz im September 2015 zu verstehen, dass ihrer Ansicht nach weder die „öffentliche Ordnung“ noch die "nationale Sicherheit“ seinerzeit gewährleistet gewesen seien.

Die Apokalypse ist ausgefallen

Es zeichne sich "eine Katastrophe“ ab. Abgesehen davon, dass Deutschland offenbar nicht untergangen ist – auch die Kriminalität ist seither nicht überproportional gestiegen, und die Bundesregierung vermeldete für das erste Halbjahr 2016 einen Rekordüberschuss im laufenden Haushalt. Die Apokalypse ist ausgefallen.

Und als die "Bild-Zeitung“ im Oktober 2015 Alarm schlug und vor 1,5 Millionen Flüchtlingen für 2015 und 6,5 Millionen nachkommenden Familienangehörigen warnte, sprang die AfD genüsslich auf den Zug. Der stellvertretende Parteivorsitzende Alexander Gauland drohte Angela Merkel mit einer Strafanzeige.

Die Aktion verlief im Sande. Und statt der herbei gefieberten Millionenmassen kamen im Jahr 2015 womöglich "nur“ 600.000 Asylbewerber nach Deutschland.

Den Dschihadisten fehlt es an Nachwuchs

Und trotz zweier vermutlich islamistisch motivierter Anschläge in Ansbach und Würzburg ist Deutschland weit davon entfernt, eine derart hohe Gefährdungslage zu haben wie etwa Frankreich oder Belgien.

Im Gegenteil: Die Rekrutierer des Islamischen Staates haben offenbar Probleme, überhaupt Freiwillige zu finden, die den selbst ausgerufenen Dschihad nach Deutschland tragen.

Ja, es gibt auch Probleme. Unter den vielen Hunderttausend Flüchtlingen sind naturgemäß nicht nur Fachkräfte und Integrationsvorbilder, sondern eben auch ein gewisser Prozentsatz an Arschlöchern, die sich selbst über das Recht stellen. Das ist in Syrien kaum anders als in Sachsen.

Aber nein, ich lasse mir keine Angst machen. Wir werden auch mit diesen Menschen juristisch und gesellschaftlich fertig werden.

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Ich glaube an die Worte von Franklin D. Roosevelt, der bei seinem Amtsantritt als US-Präsident im Jahr 1933 sagte: "Das einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht.“

Und das ist keine "Blauäugigkeit“.

Ich bin 35 Jahre alt, habe mindestens ein halbes Leben noch vor mir und möchte diese Zeit nicht in einem Land verbringen, in dem die Menschen sich den Ereignissen der Zukunft immer nur ausgeliefert sehen und sich voller Endzeitlust in eine ewige Opferrolle hinein steigern.

Seit Jahren taumeln angebliche Patrioten von einem Heulkrampf in den nächsten. Erst wollen uns angeblich die gierigen Griechen anlässlich der Eurokrise ausplündern, dann will uns der gemeine Ami in den Dritten Weltkrieg mit Russland zerren, und nun überfallen uns Kolonnen von verschlagenen Syrern, die nichts Gutes im Sinn haben. Immer der arme Michel.

Nein, mein Weltbild ist das nicht.

Ich möchte Geschichte gestalten, statt anderen das Recht auf Gestaltung zu überlassen. Und ich will ein Land erhalten, das den Werten des Grundgesetzes gerecht wird. Ich finde diese Haltung übrigens im besten Sinne konservativ.

Was für ein Glück, dass es in den vergangene zwölf Monaten so viele Menschen in diesem Land gab, die sich nicht von ihren Ängsten haben lähmen lassen. Sie haben dieses Land zu einem besseren Ort gemacht und Werte bewahrt, von denen ich glaube, dass sie diesem Land auch in Zukunft gut zu Gesicht stehen.

Ja, auf dieses Deutschland bin ich tatsächlich stolz.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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