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Viele Männer glauben, sie leiden unter Stress – doch dahinter steckt oft etwas viel Ernsteres

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STRESS
Männer verwechseln Stress oft mit Depressionen | iStock
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Thorsten ist Jurist, erfolgreich und dabei, die Karriereleiter zu erklimmen – bis er eines Tages auf einem Parkplatz weinend zusammenbricht.

Thorsten hatte vor einigen Monaten den Job gewechselt. Es war anstrengend, der Druck war hoch. Hinzu kam ein Konflikt mit der cholerischen Chefin. Er hatte Stress. Es folgten Selbstzweifel.

Thorsten versuchte, das schlechte Gefühl wegzuarbeiten. Doch seine Tage waren geprägt von Antriebslosigkeit, einer inneren Leere und tiefer Traurigkeit. Er glaubt, dass der Stress ihn hemmt.

So wie Thorsten geht es Zehntausenden Männern in Deutschland - und sie haben, ohne es zu wissen, ein viel schlimmeres Leiden als Stress: Depressionen. So war es auch bei Thorsten.

Doch statt über seine Probleme mit Freunden oder seiner Partnerin zu reden, schämt er sich. „Für mich war das ein Zeichen von Schwäche und diese Schwäche wollte ich mir nicht eingestehen“, sagt er in einem Beitrag des WDR-Magazins "Quarks & Co", das über Thorstens Geschichte berichtet.

Aber Thorsten kommt nicht auf die Idee, zum Facharzt zu gehen. Es folgt der Zusammenbruch. Erst seine Freundin kann ihn überreden, in die Notfallambulanz zu fahren.

"Männer, die ganz ähnliche Symptome angeben wie Frauen, bekommen signifikant seltener eine Depressionsdiagnose. Das zeigt, dass in den Köpfen von vielen Medizinern noch die Vorstellung vorherrscht, dass Männer keine Depressionen haben können", sagt die Ärztin Maria Möller-Leimkühler.

Männer zeigen andere Symptome

Doch mit dem Besuch in der Klinik ist sein wahres Leiden noch lange nicht diagnostiziert. Der Anwalt bekommt gesagt, dass Stress im Job normal sei und wieder vergehe. Mit einem Beruhigungsmedikament wird er nach Hause geschickt.

Thorsten verzweifelt, denkt an Selbstmord.

Erst als er das zweite Mal in der Ambulanz vorstellig wird, nimmt sich eine Ärztin Zeit für ihn und stellt die richtige Diagnose. Mehr als ein Jahr nach den ersten Symptomen (unten findet ihr sieben Symptome, die auf eine Depression hindeuten können).

Dass es so lange dauert, bis Depressionen bei Männern diagnostiziert werden, liegt auch daran, dass Männer anders mit Belastungen umgehen. Sie leugnen häufig ihr Problem, wollen keine Schwäche zeigen. So zeigt sich die psychische Erkrankung bei Männern meist auch durch andere Symptome.

Dazu zählen Risikobereitschaft, Schmerz, exzessiver Sport, Arbeitswut – und oft suchen Betroffene auch Hilfe im Alkohol. Die Suizidrate bei Männern liegt dreimal so hoch wie bei Frauen.

"Gerade zu Beginn passen die Symptome von Männern nicht zum verbreiteten Bild von Depressionen", sagt Michael Hettich, Chefarzt der Abteilung für Psychosomatik am Klinikum Wahrendorff bei Hannover.

Sie müssen lernen Schwäche zu zeigen

Denn viele depressive Männer kompensieren ihre entstehende Krankheit. Oft werden sie erst durch Frauen zu einer Behandlung gedrängt.

Wie auch Thorsten: Nach drei Jahren Therapie ist er heute an einem Punkt an dem er sagt: "Ich habe gelernt, ich muss nicht perfekt sein, ich darf Fehler machen."

Bis dahin war es ein weiter Weg, auch weil die Krankheit erst so spät erkannt wurde. Je früher die richtige Diagnose gestellt wird, desto leichter wird die Behandlung. Es gibt einige versteckte Anzeichen einer Depression, die dabei helfen, die Erkrankung möglichst frühzeitig zu erkennen

1. Der Appetit verändert sich

Depressionen können sich unterschiedlich auf die Essgewohnheiten auswirken. Bei manchen Betroffenen lösen sie Heißhungerattacken aus, andere verlieren ihren Appetit und ihr Hungergefühl.

2. Schlafstörungen

Ein bekanntes Symptom von Depressionen ist, dass Betroffene häufig schlecht aus dem Bett kommen. Doch auch Schlafstörungen und extrem frühes oder spätes Aufwachen gehören zu den möglichen Anzeichen der Krankheit, die vom National Institute of Mental Health genannt werden.

3. Konzentrationsschwierigkeiten

Depressive haben häufig Schwierigkeiten, sich auf ein Gespräch oder ihre Lektüre zu konzentrieren. Es fällt ihnen zudem schwer, Entscheidungen zu treffen - egal wie klein oder unwichtig sie erscheinen mögen.

4. Reizbarkeit

Alles, was dein Partner tut, bringt dich auf die Palme. Im Büro arbeiten nur Vollidioten und deine Kinder wirken undankbar und verzogen. Kommt dir das bekannt vor?

Psychologin Samantha Rodman schreibt in einem Gastbeitrag für die Huffington Post : "Das, in Kombination mit Wut ist ein Diagnose-Kriterium von Depressionen, doch es ist den meisten Menschen nicht bewusst."

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5. Schmerzen

"Die meisten Betroffenen haben körperliche Symptome. Das führt dazu, dass viele nicht wissen, dass sie depressiv sind und glauben, dass etwas anderes mit ihnen nicht stimmt", erklärt John F. Greden, Direktor des Comprehensive Depression Center der Universität Michigan.

Körperliche Symptome von Depressionen können Kopfschmerzen, Übelkeit, Ruhelosigkeit, Magenschmerzen, Gelenk- und Muskelbeschwerden sein.

6. Verlust von Kreativität

Psychologin Rodman nennt den Verlust von Kreativität als weiteres Anzeichen einer Depression: "Manche Menschen entfalten ihre Kreativität beim Basteln oder Kochen, andere beim Witze reißen, wieder andere beim Planen von Familientrips. Egal, was dein Ventil ist, es fühlt sich an, als wären deine kreativen Säfte ausgetrocknet und du verstehst nicht, wie du jemals Inspiration empfinden konntest", schreibt sie.

7. Musikgeschmack ändert sich

Wenn du unter Depressionen leidest, kann sich dein Musikgeschmack verändern. Traurige Lieder bringen dich plötzlich zum Weinen, fröhliche Musik erscheint dir auf einmal langweilig. Vielleicht wendest du dich auch ganz von Musik ab, obwohl sie früher fester Bestandteil deines Lebens war. Eine solche Veränderung kann ein Hinweis darauf sein, dass du depressiv bist.

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