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"Merkel hat Europa gesprengt": So kommentieren die Medien ein Jahr "Wir schaffen das"

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MERKEL
Getty/Reuters
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"Wir schaffen das."

Genau heute vor einem Jahr, am 31. August 2015, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) diesen Satz in ihrer Sommerpressekonferenz.

Die drei Worte sind inzwischen untrennbar mit ihrer Kanzlerschaft verbunden. Überlagern alles andere.

Merkel selbst hat den Satz unterschätzt

"Wenn Sie mich vorher gefragt hätten, ob ich einen bestimmten Satz mitgebracht habe, der sehr viel zitiert werden wird, dann hätte ich diesen einen Satz nicht genannt“, sagte Merkel nun dazu im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung“.

Und der Satz hat ein Eigenleben entwickelt.

Merkel hatte ihn im Zusammenhang gesagt. Sie sagte: "Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden."

"Der Satz wurde bald gegen sie verwendet"

Das englischsprachige Magazin "Politico“ sah sich genötigt, seinen Lesern angesichts dessen die Feinheiten der deutschen Sprache zu erläutern.

"Wir schaffen das", so stand da zu lesen, sei kein enthusiastischer Satz vergleichbar mit dem "We can" des US-Präsidenten Barack Obama. Er bedeutet vielmehr "wir kriegen das hin, weil wir keine andere Wahl haben". Doch diese Konnotation ist dem Satz verloren gegangen. In der Hoffnung der Flüchtlinge. In der medialen Verkürzung. Im politischen Kalkül.

"Es dauerte nicht lange, bis der Satz gegen sie verwendet wurde", analysiert ein Journalist des britischen "Telegraph".

"Merkel hat Europa gesprengt"

Einige Kommentatoren sagen, Merkels Flüchtlingspolitik, die sich auf diesen Satz verkürzen lasse, habe Europa "gesprengt", wie es in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" heißt. Es gebe keine deutsch-französische Achse mehr, der Osten sei auf Distanz gegangen, die Briten gleich ganz.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") listet außerdem die innenpolitischen Folgen auf, die Merkels Politik aus ihrer Sicht bewirkt hat: „Die CDU folgt Merkel nur deswegen noch, weil sie nicht weiß, wem sonst. Die CSU rebelliert. Die von der Kanzlerin wieder zum Leben erweckte AfD triumphiert.“

"Keiner redet mehr vom Wir"

"'Wir schaffen das' hat sich als falsch erwiesen", kommentiert der "Kölner Stadt-Anzeiger" heute. "Was hat die Politik denn geschafft? Wo sind die Initiativen aus dem Bundeskanzleramt, die des Flüchtlingsbeauftragten? Eins ist - leider - tatsächlich geschafft. Keiner redet mehr gern vom Wir."

Ein Autor der "Welt" wirft Merkel vor, dass sie"für sie ungewohnt" die "Komplexität des Problems für ein paar Minuten" in der Pressekonferenz "ganz populistisch ignoriert und geträumt" habe, "dass wir es schaffen".

"Deutschland hat unglaublich viel geschafft"

So hart sehen es längst nicht alle Kommentatoren. Die "FAZ" lobt, zumindest sei Merkel einer der wenigen, die noch zu ihrer Haltung von 2015 stehen.

Möglicherweise ein Seitenhieb auf SPD-Chef Sigmar Gabriel, der jetzt im Vorwahlkampf viel Kritik an Merkel äußert.

Außerdem sei die Unterbringung von neuen Flüchtlingen in der Größenordnung "ganzer Kleinstädte" jeden Tag „die große Erfolgsgeschichte unserer Zeit“. Deutschland habe "unglaublich viel geschafft". Aber eben nicht alles.

"Keine einfachen Antworten"

Die „Stuttgarter Nachrichten“ betonen, "Merkel hat nicht wie andere versucht, naive Gemüter glauben zu machen, in nationalen Alleingängen, mit ein paar Kontrollen oder Zäunen an der Grenze, seien Zuwanderung oder Terrorismus in den Griff zu kriegen".

Merkel habe auf die schwierigen Fragen dieser Welt "keine einfachen Antworten, keine fertigen Lösungen. Es ist genau das, was ihr derzeit so viele so sehr verübeln. Alle anderen haben diese Antworten aber auch nicht. Erst recht nicht jene, die frech das Gegenteil von sich behaupten."

"Was wäre, wenn Merkel gesagt hätte: "Keine Ahnung, ob wir es schaffen?"

Die "Wetzlarer Neue Zeitung" fragt, was wohl passiert wäre, hätte Merkel gesagt "Wir schaffen das nicht". Oder: "Keine Ahnung, ob wir das schaffen". Im Gegensatz zu all ihren Kritikern habe die Kanzlerin tatsächlich das Format, das die Deutschen von jemandem erwarten dürfen, der sie in der Welt repräsentiere.

Viele Deutsche sehen das allerdings nicht so, nicht mehr. Im Januar glaubte noch fast jeder zweite Deutsche ans "Wir schaffen das". Im Sommer waren es nur noch acht Prozent.

Die Kanzlerin müsste darauf eine Antwort haben.

Merkel sagt natürlich auch etwas dazu, nur eine Antwort ist das keine. Sie sagt immer noch "Wir schaffen das".

Der Satz ist, wie ein Kommentator der "FAZ" beobachtet hat, auch für Merkel selbst ein anderer geworden. Es scheint jetzt Trotz mitzuschwingen. Er sei zu ihrem "Basta!" geworden.

Mit Material von dpa

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(lk)