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Polizeigewerkschaft warnt vor Groß-Clans und Banden: "Schusswechsel am helllichten Tag in der Öffentlichkeit häufen sich"

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BERLIN EXPLOSION
Polizeigewerkschaft: Immer mehr Morde Krimineller im öffentlichen Raum | dpa
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Es war eine Meldung, die vergangene Woche ganz Schweden schockierte: Bei einer Explosion einer Handgranate wurde ein Achtjähriger in Göteborg getötet.

Ein Unbekannter hatte den Sprengkörper durch das Fenster eines Mehrfamilienhauses geworfen. Der Junge war nur zu Besuch bei einer Familie, die in dem Haus wohnte. Er hatte im Wohnzimmer geschlafen, als die Granate durch das Fenster flog.

Die Polizei vermutet, dass ein Bandenkrieg dahinter steckt. Immer wieder explodieren in schwedischen Städten Sprengsätze oder Kriminelle feuern mit automatischen Waffen aufeinander.

Drohen solche Bilder bald auch hierzulande? Glaubt man dem wohl bekanntesten deutschen Polizisten, spricht viel dafür.

"Auch schwere Waffen werden benutzt"

Reiner Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, warnt im Gespräch mit der Huffington Post, auch in Deutschland sei es möglich, dass Unschuldige aufgrund von Auseinandersetzungen der Organisierten Kriminalität sterben. "Ein Menschenleben ist in diesen Kreisen nichts wert.“

Fälle, in denen verfeindete Familien-Clans, Rockerbanden, Gangs oder andere kriminelle Gruppierungen, "gewaltsam und zum Teil mit Schusswaffen am helllichten Tag aufeinander losgehen, häufen sich seit einigen Jahren auch hierzulande zunehmend", sagte Wendt. Zum Teil würden sogar "schwere Waffen benutzt".

"Hemmschwelle zur schweren Gewalt geht gegen Null"

Der erfahrene Kriminaler konstatiert: "Die Hemmschwelle zur schweren Gewalt geht bei der Organisierten Kriminalität mittlerweile gegen Null.“

Wendt hatte zuletzt davor gewarnt, dass Kriegswaffen – etwa aus jugoslawischen und osteuropäischen Armeebeständen - in den vergangenen Jahren in die Hände Krimineller gefallen seien.

Zwar sagt eine Sprecherin des Bundeskriminalamts auf Anfrage, man habe keine Hinweise für eine Zunahme von durch das organisierte Verbrechen verübten Mordanschlägen.

Doch in den vergangenen Monaten gab es in deutschen Zeitungen eine Vielzahl an Meldungen von Morden auf offener Straße. Bei einzelnen der Attentate grenzt es angesichts der vielen anwesenden Zivilisten an ein Wunder, dass bislang keine Unbeteiligten ums Leben gekommen sind.

Spuren führen zum Teil zu Rockerbanden oder ausländischen Clans

Ein Teil der Morde und Mordversuche in aller Öffentlichkeit ging offenbar auf das Konto von Rockern oder der Mafia. Bei manchen Taten waren große Familien-Clans mit ausländischen Wurzeln an den Verbrechen beteiligt. Mitunter war das Tatmotiv aber auch privater Natur.

Erst am vergangenen Freitag wurde mitten auf einer Straße in Berlin-Lichtenberg ein Mann erschossen. Das 28-jährige Opfer gehörte einer Rocker-Gang an. Der Täter, der wie es aus Sicherheitskreisen heißt, ebenfalls aus dem kriminellen Rocker-Millieu kommen soll, konnte fliehen.

Racheakte in Berlin befürchtet

Mittlerweile twitterte der SPD-Innenpolitiker Tom Schreiber : „Die nächsten Tage werden im Bezug zur Rockerkriminalität in Berlin ungemütlich! Der heutige Mord wird wohl Reaktionen hervorbringen!“

In Juni dieses Jahres starb in Essen ein zu einer Großfamilie gehörender Deutsch-Libanese an seinen schweren Verletzungen. Der 21 Jahre alte Essener war im April durch Pistolenschüsse schwer verletzt worden.

Der Mord war vorläufiger Höhepunkt einer Fehde zweier polizeibekannter Groß-Clans. Dem Verbrechen war eine Messerstecherei am helllichten Tag in der Essener City vorangegangen.

Anfang Mai wurden am helllichten Tag auf dem belebten Friedrich-Stoltze-Platz in Frankfurt bei einem Schusswechsel ein Mann schwer und einer sogar lebensbedrohlich verletzt. Anlass war ein Streit unter Rockern.

Pistolen statt Pralinen am Vatertag

Zwei Männer sollen am Vatertag auf Insassen eines Geländewagens geschossen haben, während zahlreiche Menschen bei schönem Wetter in den Cafés saßen. Statt Pralinen hagelte es Patronen.

Eines der Opfer kam nur knapp mit dem Leben davon. Einer der Beinahe-Killer ist noch immer auf freien Fuß.

In Heidenheim schossen im April Rocker der Black Jackets mitten in der Innenstadt auf Rivalen. Eines der Opfer wurde schwer verletzt, einer erlag den Schusswunden.

Auslöser der Schüsse in Heidenheim war den Ermittlern zufolge eine seit einiger Zeit laufende Fehde zwischen den beiden Banden. "Letztendlich geht es in diesen Gruppierungen immer um Geschäfte, um Revierkämpfe, um Bezug zum Drogenhandel", sagte Heidenheims Staatsanwalt Armin Burger damals.

Wie in Sizilien: Mafia sprengt Auto mitten in Berlin in die Luft

Im März explodierte das Auto eines Berliners während der Fahrt, der Besitzer des Wagens starb. Die Polizei ging von einem gezielten Anschlag innerhalb der Organisierten Kriminalität aus. Im Verdacht steht die osteuropäische Mafia. Der Getötete war im Jahr 2008 im polnischen Danzig mit 33 Kilo Kokain erwischt worden.

Immer wieder muss sich die Polizei an der Spree mit Mordanschlägen krimineller oder obskurer Familien-Clans auseinandersetzen. Im April 2016 nahm die Berliner Polizei mehrere Mitglieder eines arabischen Großclans wegen des Verdachts eines versuchten Auftragsmords fest. Dabei war einem 42-Jährigen im Stadtteil Neukölln im Oktober 2015 in die Beine geschossen worden.

Monatelang hielt in diesem Jahr zudem der sogenannte Wettbüro-Mord die Berliner Bouleveradzeitungen in heller Aufregung. Unter Angst sagten mehrere Zeugen aus.

2014 war ein 26-Jähriger in einem Wettbüro regelrecht hingerichtet worden.  Der Sympathisant, der mit den Hells Angels verfeindeten Bandidos, spielte in einer Januar-Nacht im Hinterzimmer eines Wettbüros mit drei Bekannten Karten.

Er hatte seine Schutzweste nicht an, eine Pistole steckte in der Jacke – er konnte sie nicht mehr ziehen, starb im Kugelhagel. Elf Vermummte hatten das Feuer auf ihn eröffnet.

Die auch in diesem Jahr noch andauernden Ermittlungen führten die Polizei vor allem in das Rocker-, aber auch ins Rotlicht-Millieu.

Ende 2015 töteten laut Polizei mehrere Mitglieder eines Berliner Clans mit bosnischem Hintergrund im Stadtteil Wedding einen 31-jährigen Angehörigen einer anderen Großfamilie. Den mutmaßliche Mord sollen die Gangster mit Messern und einer Schusswaffe verübt haben.

Streit zwischen rivalisierenden Großfamilien

Die mutmaßlichen Täter fuhren nach bisherigen Erkenntnissen in der Straße vor und griffen ihre Opfer an, als diese gerade ein Haus verlassen hatten und in einen Wagen steigen wollten. Nach Angaben aus Justizkreisen soll es schon früher Streit zwischen den rivalisierenden Großfamilien gegeben haben. Die Verdächtigen stellten sich Monate später bei den Sicherheitsbehörden.

Nicht immer stecken mafiöse Gruppierungen hinter Attentaten in aller Öffentlichkeit. Anfang Juni wurden innerhalb weniger Tage in Hamburg zwei Menschen am helllichten Tag in aller Öffentlichkeit erschossen. Ein Mann in seinem Auto unweit einer Kita, ein anderer auf einem Fahrrad.

Zumindest in einem der Fälle schließt die Polizei ein Verbrechen in der Organisierten Kriminalität aus. Auch beim zweiten Mord deutet viel auf ein privates Tatmotiv hin. Für die Opfer spielt das jedoch keine Rolle.

Wendt: "Bürger haben zunehmend das Vertrauen in den Staat verloren"

Polizeigewerkschafter Wendt warnt davor, vor kriminellen Familien, Banden oder Organisationen zurückzuweichen. "Viele Bürger haben zunehmend das Vertrauen in den Staat verloren, dass der sie schützen kann.“ Wendt spricht von einer "fatalen Entwicklung".

Er fordert dringend mehr Personal. Der Kriminaler verweist auf tausende in den vergangenen Jahren abgebaute Polizistenstellen. "Die Qualität bei den Beamten ist da. Doch es fehlt an Mitarbeitern.“

Seine Landespolizei zuletzt aufgestockt hat Bayern. Auch gegen die wachsende Rocker- und Bandenkriminalität fühlt man sich gut gerüstet. „Wir nehmen die Bedrohung durch Organisierte Kriminalität und Rockerbanden sehr ernst. Mord, Totschlag, Rauschgifthandel und Prostitution sind nur einige Schlagworte aus dem vielfältigen Deliktskatalog", sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann der Huffington Post.

Er spricht zwar von einem bundesweiten Phänomen, das auch vor Bayern nicht Halt mache. "Die derzeitige Situation im Rockermilieu in Bayern ist aber bei weitem nicht so schlimm, wie in anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder dem Raum Berlin. "Wir setzen alles daran, gefährliche Rockerstrukturen mit aller Härte des Gesetzes zu zerschlagen", sagt der CSU-Politiker. Dazu gehörten auch regelmäßig Razzien an einschlägigen Treffpunkten und konsequente Ermittlungsmaßnahmen der Kriminalpolizei.

Auch der bayerische Verfassungsschutz hat einen genauen Blick auf die Organisierte Kriminalität. "Aufgrund der großen Expertise nimmt der bayerische Verfassungsschutz innerhalb der Bundesrepublik eine Führungsrolle ein." Für Herrmann ist klar: "Kriminelle Rocker haben in Bayern nichts zu suchen.“

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(lp)