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Schätzungen: Mindestens 100.000 Flüchtlinge werden zu Dumpinglöhnen schwarz beschäftigt

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FLUECHTLINGE
Mindestens hunderttausend Flüchtlinge werden in Deutschland schwarz beschäftigt. | Getty/dpa/HuffPost
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  • Viele Flüchtlinge werden in Deutschland zu Dumpinglöhnen schwarz beschäftigt
  • Schätzungen nach sollen mindestens 100.000 Menschen betroffen sein
  • Der Stundenlohn soll teils gerade mal 80 Cent betragen

Viele Flüchtlinge in Deutschland arbeiten schwarz. Sie bekommen Dumpinglöhne, schuften unter schlechten Bedingungen. Und immer wieder vermitteln ausgerechnet Mitarbeiter oder Besucher von Flüchtlingsunterkünften die illegalen Jobs gegen Provision.

Das ergaben Recherchen des Senders NDR in den Bundesländern Hamburg, Niedersachsen, Berlin und Sachsen-Anhalt.

Genaue Zahlen liegen dem NDR nicht vor. Doch der Zoll zähle bundesweit zehn Fälle pro Monat, berichtet der Sender.

Wissenschaftler der Unis Tübingen und Linz gehen in einer Studie von 30 Prozent Schwarzarbeitern unter den 1,1 Millionen Flüchtlingen aus, die vergangenes Jahr nach Deutschland kamen. Flüchtlingshelfer schätzen, dass es zwischen zehn und 50 Prozent sind.

Schätzungen gehen von 100.000 Schwarzarbeitern oder mehr aus

In absoluten Zahlen würde das bedeuten, dass allein von den im letzten Jahr angekommenen Migranten zwischen 100.000 und 500.000 schwarz beschäftigt wird. Dass also Betrüger von den Flüchtlingen profitieren, der Staat, der für ihren Unterhalt aufkommt, aber keinen Cent davon sieht.

Nach Erkenntnissen des NDR werden Flüchtlinge oftmals von Besuchern oder sogar von Mitarbeitern der Unterkünfte in Schwarzarbeit vermittelt.

Die Polizei im Landkreis Harburg etwa ermittelt gegen den ehemaligen Mitarbeiter einer Gemeinschaftsunterkunft in Neu Wulmstorf, der, so ein Polizeisprecher, im Verdacht stehe, "die Situation von Flüchtlingen ausgenutzt zu haben, um sich an ihnen finanziell zu bereichern".

Mitarbeiter in Unterkünften vermitteln Jobs mit Dumpinglöhnen

Nach Angaben des Betreibers Human Care und nach internen Unterlagen, die dem Sender vorliegen, soll der arabischsprachige A. versucht haben, Flüchtlingen gegen Provision nicht nur Wohnungen und Privilegien in der Unterkunft, sondern auch unangemeldete Jobs zu vermitteln.

Dafür habe er die Hälfte des Lohns verlangt. Der Landkreis Harburg und Human Care, das 39 Unterkünfte für den Kreis betreibt, erklärten auf Anfrage des NDR, dem Mitarbeiter sei Mitte Juli sofort gekündigt worden, nachdem die Vorwürfe bekannt geworden waren. Zudem habe das Unternehmen Strafantrag gestellt. Ähnliche Vorfälle seien im Landkreis Harburg nicht bekannt.

Sozialarbeiter und Flüchtlingshelfer berichten von ähnlichen Strukturen in Berlin und Hamburg. Auch dort seien in Unterkünften Vermittler unterwegs, die Bewohnern gegen Geld Jobs, Wohnungen oder andere Dienste anböten.

Schwarzarbeit bedeutet häufig Ausbeute

Das städtische Unternehmen Fördern und Wohnen, das in Hamburg den Großteil der Flüchtlingsunterkünfte betreibt, schreibt auf Anfrage, ihm sei zwar kein Fall bekannt, in dem Schwarzarbeit tatsächlich vermittelt wurde, es habe aber Versuche gegeben. Man kläre deshalb vorab auf und schreite ein, wenn man von unlauteren Praktiken erfahre.

Sozialarbeiter und Flüchtlingshelfer kritisieren, dass Flüchtlinge in der Schwarzarbeit häufig ausgebeutet würden. Auf legalem Wege könnten sie nur schwer Arbeit finden. Viele aber müssten Geld verdienen, um es nach Hause zu schicken oder Kosten für Schlepper zu bezahlen.

"Ich will eigentlich nicht schwarz arbeiten", erzählt ein Mann aus Burkina Faso, der seit zwei Jahren auf seinen Asylentscheid wartet, "aber anders finde ich keinen Job."

Teils verdienen die Flüchtlinge nur 80 Cent in der Stunde

Nima K. von der Berliner Willkommensinitiative berichtet von teils nur 80 Cent Stundenlohn und von angemeldeten 400-Euro-Jobs, hinter denen aber eine illegale Vollzeitbeschäftigung stehe.

Um Schwarzarbeit zu finden, verlassen viele Asylbewerber nach Recherchen des NDR ihre zugewiesene Unterkunft und ziehen zeitweise in größere Städte, wo sie auf Matratzenlagern oder bei Freunden schlafen. Sie arbeiten dann schwarz als Tellerwäscher, Tapezierer, Putzkräfte oder beladen Container.

Das am 6. August in Kraft getretene neue Integrationsgesetz soll es Asylbewerbern nun leichter machen, auf legalem Weg Arbeit zu finden. Sozialarbeiter und Flüchtlingshelfer sehen es als Schritt in die richtige Richtung, gehen aber nicht davon aus, dass es Schwarzarbeit unter Flüchtlingen stark reduzieren wird.

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(lk)