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Debatte um Schwulenfeindlichkeit: "Es ist extremer geworden"

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GAY BERLIN
Homosexuelle werden in Deutschland so extrem angefeindet wie noch nie | Carsten Koall via Getty Images
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Die Frau mit den schwarzen langen Haaren und den dunkel geschminkten Augen ist eigentlich ein Mann. Die SPD wirbt im Berliner Wahlkampf mit einer Dragqueen. Der Slogan: "Berlin bleibt frei." Das wirft die Frage auf: Sind Toleranz und Weltoffenheit tatsächlich in Gefahr?

Die Zahl der gemeldeten und angezeigten Übergriffe gegen Homosexuelle in der Hauptstadt ist zuletzt wieder gestiegen. Das Beratungsprojekt Maneo registrierte im vergangenen Jahr 259 Fälle. Das Niveau sei gleichbleibend hoch, sagt Maneo-Direktor Bastian Finke.

Die Realität sieht so aus: Wer mit einem Mann, der lange Haare trägt und weiblich aussieht, auf dem Alexanderplatz unterwegs ist, erlebt, wie übel dieser beschimpft wird. Gleich mehrfach und am helllichten Tag. Von Männern, die südländisch aussehen.

40 Prozent finden es "eklig, wenn Schwule sich küssen"

Aber Homophobie ist keine Frage des Passes. In einer kürzlich veröffentlichten Studie der Uni Leipzig über "Die enthemmte Mitte" in Deutschland stimmten gut 40 Prozent der Befragten der Aussage zu: "Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen".

Die Berliner Polizei ermuntert dazu, Übergriffe und auch Beleidigungen anzuzeigen. Sie verteilt dazu Postkarten an Szene-Treffs. "Schwule Sau", "Scheiß Lesbe" oder "Scheiß Transe" solle man sich nicht gefallen lassen, so die Botschaft. Solche Beleidigungen können ein Monatsgehalt Strafe kosten.

80 bis 130 homophobe und transphobe Übergriffe (Übergriffe auf Menschen, die transsexuell sind) werden im Jahr bei der Berliner Polizei angezeigt. Die Dunkelziffer wird hoch eingeschätzt. Manchmal häufen sich die Fälle - ob es mehr gibt oder mehr angezeigt werden, ist offen.

Keine Belege, dass Muslime schwulenfeindlicher sind

Harald Kröger, der bei der Berliner Polizei Ansprechpartner für die schwul-lesbische Szene ist, kennt die Debatte um die Tätergruppen - und darüber, ob Muslime besonders schwulenfeindlich sind. "Dafür gibt es keine Belege", sagt Kröger. "Die ermittelten Täter sind überwiegend erwachsene Männer mit deutscher Staatsangehörigkeit." Die Religion oder ein eventueller Migrationshintergrund werden nicht erfasst.

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Die Debatte ist nicht neu. Bereits vor Jahren war Thema einer Studie, dass unter Berliner Schülern mit russischen oder türkischen Wurzeln Schwulenfeindlichkeit verbreiteter ist als bei deutschen Jugendlichen. Der Senat warb mit einer Kampagne gegen Vorurteile unter Migranten: "Kai ist schwul - Murat auch".

Der Maneo-Direktor Finke sieht das Problem nicht bei den Religionen, sondern in der Macho-Kultur. "Aber wir sehen natürlich auch, dass Religionen von Männern geprägt sind."

Unterschiedlichste Reaktionen auf Homosexuelle

In der Flüchtlingskrise sind für Deutschland zwei Faktoren neu: Es kommen viele Menschen aus muslimischen Ländern hinzu, wo Homosexualität tabu ist und bestraft wird. Und schwule Flüchtlinge erleben in den Unterkünften Übergriffe von Landsleuten.

Die AfD hat in ihrer Stimmungsmache gegen den Islam schon auf einem Plakat mit einem Männerpaar geworben - zum Ärger des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD). Die SPD zitiert Dragqueen-Wahlkämpferin Nina Queer, sie liebe die Freiheit in Berlin. "Allerdings betrachte ich mit Sorge, wie unsere tolerante Gesellschaft zunehmend durch ausgrenzende und populistische Sprüche gefährdet wird."

Was erleben Dragqueens, also Männer, die sich als Frauen verkleiden? Die Entertainerin und Aktivistin Margot Schlönzke kennt die unterschiedlichsten Reaktionen. Sie hat auch schon von Türken Komplimente bekommen. Mal halten die Leute den Daumen hoch, mal holen sie ihre Kinder von der Straße weg.

"Reaktionen sind extremer geworden"

Als Schlönzke mit einem Fernsehteam unterwegs war, flogen Flaschen, gleich als sie aus dem Haus kam. "Es ist nicht mehr geworden, sondern extremer - in beide Richtungen." Anfeindungen gebe es aus allen Ecken. Die Nationalität spiele keine Rolle. "Ich frage nie nach einem Pass, wenn ich angespuckt werde."

Ungemütliche Gegenden scheut sie als "Polit-Tunte" nicht. Es gehe um Sichtbarkeit, sagt Schlönzke. "Gerade solche Orte meide ich nicht." Am berüchtigten Kottbusser Tor in Kreuzberg, wo sie im bürgerlichen Leben ihr Büro als Verlagskaufmann hat, habe sie noch keine Probleme gehabt. Schlönzkes Beobachtung: Böse Kommentare im Internet kommen eher von deutsch klingenden Namen.

Die aus dem Fernsehen bekannte Hamburger Dragqueen Olivia Jones sagt: "Schwulenfeindlichkeit ist weniger eine Frage der Religion als mehr eines Mangels an Aufklärung. Und wir sollten nicht immer so tun, als wären wir in Deutschland der Entwicklung gegenüber anderen Kulturen um Lichtjahre voraus."

Viele Homophobe haben einen hohen Bildungsstand

Als Jones ein Kinderbuch gegen Homophobie veröffentlichte, habe sie zwar vor allem Zuspruch bekommen, aber auch viel Gegenwind: "Das Thema ist ja wichtig, aber sollten Kinder nicht lieber mit klaren Geschlechterrollen aufwachsen? Es sind doch noch Kinder."

Es gebe auch viele Homophobe mit hohem Bildungsstand, sagt Jones. "Die fallen allerdings nicht immer gleich so auf, weil sie oft ihre Homophobie freundlicher zu verpacken wissen." Der Satz "Ich bin ja kein Rassist, aber..." hat laut Jones ein Pendant: "Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber... müssen die sich denn unbedingt auf der Straße küssen?"

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