Huffpost Germany

Ein Jahr "Wir Schaffen Das": 3 Experten ziehen Bilanz, wie sich die Willkommenskultur auf die Wirtschaft auswirkt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCHAFFEN DAS
Ein Jahr "Wir Schaffen Das": 3 Experten ziehen Bilanz, wie sich die Willkommenskultur auf die Wirtschaft auswirkt | Getty
Drucken

Kein Satz prägte ihre Kanzlerschaft wie dieser: Angela Merkels "Wir schaffen das" schlägt auch nach einem Jahr noch hohe Wellen. Am 31. August 2015 hatte die Bundeskanzlerin die Richtung der deutschen Flüchtlingspolitik mit den viel zitierten Worten vorgegeben.

Seither diskutieren Politiker, Integrationsexperten und Ökonomen über die Folgen der deutschen "Willkommenskultur". Zwar sind die Tage der offenen Grenzen lange vorbei, dennoch hält Angela Merkel an ihrer Überzeugung fest.

Auf ihrer Sommerpressekonferenz wiederholte sie das Credo. Ihr Tenor: Die Integration von Flüchtlingen – etwa 1,3 Millionen wurden seit Januar vergangenen Jahres in Deutschland erfasst – ist eine historische Aufgabe. Die Bundesrepublik wird sie meistern.

Besonders von Ökonomen gibt es nun scharfe Kritik. Die Volkswirte der Commerzbank etwa zogen nach einem Jahr Bilanz. Ihre Einschätzung: Die Zuwanderer befeuern das Wirtschaftswachstum kaum, zudem droht langfristig eine steigende Arbeitslosenzahl.

Wir wollten es genauer wissen und haben deutsche Ökonomen und Arbeitsmarktexperten gefragt: Was hat sich in einem Jahr "Wir schaffen das" getan – und welche Aufgaben stehen Politik und Wirtschaft noch bevor?

Ihre Einschätzungen sind von Skepsis geprägt.

Karl Brenke, Konjunkturexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung:

karl brenke

"Von einem 'Wir schaffen das' ist wenig zu sehen. So ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den wichtigsten Asylherkunftsländern zwar seit Mitte letzten Jahres um 22.000 gestiegen. Da sind aber auch Personen in Maßnahmen enthalten. Die Zahl der Arbeitslosen hat aber um 70.000 zugenommen. Das ergibt eine Arbeitslosenquote von reichlich 70 Prozent.“

Ein Problem, das Brenke ausmacht: Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern mit kleinteiligen Strukturen im Dienstleistungssektor und in der Landwirtschaft – und mit kaum vorhandener Industrie. Der Experte sagt: "Etwa 80 Prozent der Arbeitssuchenden haben keine Berufsausbildung und kommen somit nur für Helfertätigkeiten in Frage."

Doch es gibt auch Grund zum Optimismus. "Seitens des Staates wird inzwischen viel getan", erklärt Brenke. "Es gibt zahlreiche Angebote für Sprachkurse, es werden monatlich viel mehr Asylanträge bearbeitet als früher und bei den Job-Centern läuft die Bestandsaufnahme der vorhandenen Qualifikationen, die wiederum die Grundlage ist für die Einrichtung zielgerichteter arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen."

Manches könnte dabei noch mehr und schneller getan werden, glaubt der DIW-Experte. Trotz erheblicher Personalaufstockungen gebe es jedoch Kapazitätsgrenzen.

Die Hoffnungen der Politik, den Fachkräfteengpass durch Flüchtlingszuwanderung zu vermindern und das Rentensystem zu stabilisieren, werde sich "eher nicht" erfüllen, glaubt Brenke: "Eine ungesteuerte Zuwanderung ist eher eine Sackgasse und dürfte die Sozialsysteme belasten."

Axel Plünnecke, IW Köln, Leiter des Kompetenzfelds Bildung, Zuwanderung und Innovation

plünnecke
(Credit: INSM; Bild wurde beschnitten, unter CC BY-ND 2.0)

"Bisher sind rund 50 Prozent der Flüchtlinge in Helfertätigkeiten beschäftigt. Potenziale bestehen vor allem im Handwerk und in vielen Dienstleistungsberufen. Die vom IW befragten Unternehmen sehen kurzfristig Chancen vor allem in einfachen Tätigkeiten. Hochqualifizierte Tätigkeiten werden bisher eher selten ausgeübt – mit einer Ausnahme: Relativ viele syrische Flüchtlinge sind als Arzt beschäftigt.“

Plünnecke gibt sich vorsichtig optimistisch. Inzwischen seien erste Beschäftigungserfolge am deutschen Arbeitsmarkt sichtbar. Der Experte sagt: "Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen aus den vier wichtigsten Herkunftsländern ist binnen eines Jahres um gut 16.000 gestiegen."

Für das kommende Jahr dürfte die Zunahme deutlich stärker sein, da viele Asylanträge erst in den letzten Monaten anerkannt würden und die Flüchtlinge nun nach und nach am Arbeitsmarkt ankämen.

Die größten Hürden für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt seien Sprachdefizite und mangelnde Qualifikationen. Doch es gibt Grund zur Hoffnung: "Hier gibt es in den letzten Monaten eine deutliche Zunahme an Qualifikationsangeboten – die Politik wechselt vom Krisenmodus jetzt zum Integrationsmodus und kann auch die Aufgabe zumindest mittel- bis langfristig schaffen, die Flüchtlinge gut in Bildung und Arbeit zu integrieren."

Es gehe jedoch darum, dieses Angebot deutlich zu erhöhen. In manchen Regionen wie Bayern arbeiten dabei Politik, Wirtschaft und Bundesagentur für Arbeit bereits eng zusammen. Plünnecke: "Hier sind eine Reihe an sehr guten Qualifikationsangeboten entstanden."

Um den Fachkräftemangel zu decken, sei es wichtig, auf qualifizierte Zuwanderung zu setzten. Diese könnte durch ein Einwanderungsgesetz gestärkt werden.

"Flüchtlinge kommen hingegen aus persönlicher Not nach Deutschland, nicht um hier die Fachkräfteprobleme zu lösen. Mehr Bildungsintegration für die Flüchtlinge ist humanitär geboten und wird kurz- bis mittelfristig auch einen kleinen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten. Langfristig dürften die Kinder und Jugendlichen, die jetzt in KITAs und Schulen gefördert werden, einen durchaus relevanten Beitrag zur Stärkung des Fachkräfteangebots leisten."

Christian Rauch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit:

rauch

"Mit dem zum 01.08.2016 in Kraft getretenen Integrationsgesetz wurden die wesentlichen Hürden weitgehend abgebaut. Es geht jetzt darum, das Angebot an Sprachkursen und Förderangeboten regional an die Bedürfnisse flexibel anzupassen. Die vorliegenden Erfahrungen zeigen, dass die Integration in den Arbeitsmarkt in den meisten Fällen ein mehrjähriger Prozess sein wird.“

Bisher habe die Hürde bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen vor allem beim rechtlichen Zugang gelegen. Zudem gäbe es Schwierigkeiten bei der Kenntnis der deutschen Sprache und der Anerkennung von im Ausland erworbenen Kompetenzen.

Rauch erklärt: "Erfreulich ist, dass bereits mehr als 100 geflüchtete Menschen in Baden-Württemberg auch eine Ausbildung aufnehmen konnten." Die meisten Flüchtlinge nähmen aktuell jedoch in Helferjobs an.

"In Baden-Württemberg ist das neben der Gastronomie und der Bauwirtschaft in gleichen Maße das verarbeitende Gewerbe", sagt Rauch.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Was die Lösung des Fachkräftemangels angeht, gibt sich der Arbeitsmarktexperte skeptisch. "Maximal 10 Prozent der geflüchteten Menschen verfügen über einen akademischen Abschluss, circa 40 Prozent über verwertbare berufliche Erfahrungen. Bis auf wenige Einzelfälle können geflüchtete Menschen aktuell noch nicht zur Reduzierung von Fachkräfteengpässen beitragen."

Es bleibe abzuwarten, in wie vielen Fällen es gelingen wird, junge geflüchtete Menschen zu Fachkräften von Übermorgen durch eine duale Ausbildung oder ein Studium auszubilden.

"Diese werden aber frühestens in fünf bis sieben Jahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen", so Rauch.

2016-08-30-1472576073-9744954-HUFFPOST.png

Am 31. August ist es ein Jahr her, dass Angela Merkel gesagt hat: “Wir schaffen das.”

Wie haben Flüchtlinge euren Alltag verändert? Was hat die Politik richtig gemacht und wo läuft etwas falsch? Wart ihr vielleicht am Anfang kritisch, aber habt jetzt ein gutes Gefühl? Oder ist es vielleicht genau anders herum?

Nehmt an der Diskussion teil und schickt eure Artikel und Videos an Blog@huffingtonpost.de

Auch auf HuffPost:

Deutschland steht vor einer dramatischen Krise - und die wird uns alle betreffen

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(lk)