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Ökonomen warnen vor dem Finanzprodukt ETFs: "Es droht ein Chaos ohne Grenzen"

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Händler an der New York Stock Exchange | Getty/HuffPost
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  • Ökonomen warnen vor der nächsten großen Finanzkrise
  • Auslöser könnte ein Anlageprodukt sein, das von Banken weltweit vermehrt angeboten wird

Wenn Sparer derzeit ein Anlegermagazin aufschlagen oder ihren Bankberater treffen, bekommen sie vor allem eine Empfehlung: Sie sollen ihr Geld in so genannte ETFs investieren, oft auch Indexfonds genannt.

Finanzexperten warnen nun, dass dieses komplexe Produkt das Potential hat, eine neue Finanzkrise auszulösen und sogar unsere Marktwirtschaft zu zerstören. Noch sind die Auswirkungen der letzten Finanzkrise, die 2007 begann, nicht ganz überstanden - da kündigt sich also schon eine neue an.

Aber der Reihe nach. Hier sind die wichtigsten Fakten zum Boom der ETFs:

1. Das steckt hinter der Bezeichnung ETF

ETFs sind Fonds, die nicht von einem Verwalter betreut werden, der aktiv Aktien oder Anleihen kauft und verkauft. Stattdessen bilden sie einfach passiv einen Index wie den DAX ab. Einer der großen Vorteile deshalb für die Anleger: Sie müssen niemanden extra bezahlen, der ihr Portfolio managt - sie sparen Geld.

Zudem schneiden von Anlageexperten verwaltete Fonds bei den Renditen meist nicht besser ab als die passiven ETFs. Die überwiegende Zahl der Fondsmanager schafft es nicht, den Markt zu schlagen. Warum also einem Manager Geld zahlen, fragen sich viele Anleger?

2. Diese Zahlen zeigen, wie sehr Indexfonds boomen

Kein Wunder, dass mehr und mehr Geld aus den aktiv verwalteten Fonds abfließt und in die Indexfonds wandert: Nach Angaben des Fondsbewerters Morningstar zogen Anleger in den USA im letzten Jahr über 200 Milliarden Dollar aus aktiv gemanagten Fonds ab. Gleichzeitig steckten sie 400 Milliarden Dollar zusätzlich in Indexfonds.

Die US-Bank Goldman Sachs erwartet, dass das von Indexfonds verwaltete Vermögen bis 2020 weltweit auf sechs Billionen Dollar steigen wird. Damit würde es sich innerhalb von nur fünf Jahren verdoppeln.

3. Vor diesen drastischen Konsequenzen des ETF-Booms warnen Ökonomen

Inigo Fraser-Jenkins, Analyst der Investmentbank Bernstein, ist der Ansicht, dass der Siegeszug der ETFs gefährliche Folgen für unsere Gesellschaft haben wird.

In einer Studie mit dem provozierenden Titel "Der schleichende Weg in die Leibeigenschaft: Warum passives Investieren schlimmer ist als Marxismus" versucht er nachzuweisen, dass ETFs große Probleme bringen. Seiner Ansicht nach untergräbt der Aufstieg der passiven Fonds das gesamte System des Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft.

Seine These. "Eine scheinbar kapitalistische Wirtschaft, in der die einzigen Investitionen passiv sind, ist schlimmer als eine Planwirtschaft oder eine Wirtschaft mit einem aktiv geführten Kapitalmarkt", poltert er.

Mit anderen Worten: Kommunismus wäre für uns noch besser als ein Kapitalismus, in dem passives Investment den Kapitalmarkt bestimmt. Denn im Kommunismus versucht wenigstens der Staat, die gesellschaftlichen Ressourcen sinnvoll zu verteilen.

4. Aus diesen Gründen halten Experten die Fonds für gefährlich

Ein Kapitalmarkt, in dem Indexfonds dominieren, sei Herdentrieb pur, kritisiert Fraser-Jenkins. Niemand lese mehr Geschäftsberichte, stelle bei Eigentümerversammlungen kritische Fragen und suche unter Start-ups nach dem nächste Apple oder Microsoft.

"Eine gegebene Investition in aktive Fonds kann oder kann auch nicht für den individuellen Investor die beste Entscheidung für einen bestimmten individuellen Investor sein, aber für das System gibt es einen Vorteil durch die effiziente Verteilung von Kapital", schreibt Fraser-Jenkin.

Charlie Munger, die rechte Hand von Starinvestor Warren Buffet, kritisiert die ETFs aus einem ganz ähnlichen Grund. Er warnt, dass Indexfonds nicht nur beim Kauf von Aktien passiv seien. Indexfonds-Käufer würden zudem ihre Eigentümerrechte nicht ausüben und keinen kontrollierenden Einfluss auf die Führung der Unternehmen ausüben, die sie besitzen.

5. Auch der Erfinder der ETFs hält sein Produkt inzwischen für gefährlich

Sogar John C. Bogle, der Gründer der Vanguard Group, die vor 40 Jahren einen der ersten Indexfonds auflegte - und damit als Erfinder des Anlageprodukts gilt - warnt davor, dass der Boom bei den Indexfonds die Gesellschaft gefährdet.

Was würde passieren, wenn jeder nur noch Indexfonds nutzt, fragt er. "Chaos, Chaos ohne Grenzen. Man kann nicht kaufen oder verkaufen, es gibt keine Liquidität, keinen Markt", schrieb er in einem Papier vom 18. April 2016. Allerdings müsste der Marktanteil von Indexfonds weiter auf etwa 90 Prozent steigen, bevor es zu diesem Chaos kommen würde.

6. Dieses Ereignis zeigt, wie gefährlich die Indexfonds sind

Wie gefährlich die ETFs sein können, zeigte sich vor einigen Monaten: Am 24. August 2015 kam es in den USA zu einem so genannten "Flash-Crash".

Die Börse startete an diesem Tag schwach - plötzlich wollten unzählige Händler ihre Anteile an ETFs abstoßen. Doch es fanden sich keine Käufer. Dadurch wurde es in den nächsten Minuten immer schwerer, den korrekten Wert der Indexfonds zu berechnen – das Resultat war ein kurzzeitiger dramatischer Kurzabsturz.

Der S&P 500 rauschte in nur 15 Minuten sieben Prozent ab. Zum Crash kam es aber nicht, denn der S&P 500 erholte sich wieder. Die ETFs deuteten ihr Chaos-Potential an diesem Tag an.

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