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Ein Jahr "Wir schaffen das": Finanzexperten rechnen mit Merkels Flüchtlingspolitik ab

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MERKEL SELFIE REFUGEES
Die Commerzbank analysierte die ökonomischen Auswirkungen der Flüchtlingspolitik | Sean Gallup via Getty Images
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Ziemlich genau ein Jahr ist seit Angela Merkels jetzt schon historischem Satz vergangen: Am 31. August 2015 verkündete die Bundeskanzlerin "Wir schaffen das".

Nach offiziellen Statistiken sind seit Januar 2015 etwa 1,33 Millionen Asylsuchende nach Deutschland gekommen. Rund 60 Prozent von ihnen haben gute Chancen, dauerhaft im Land bleiben zu dürfen.

Die Volkswirte der Commerzbank nahmen den anstehenden Jahrestag im Wochenblatt ihrer Bank zum Anlass, um die ökonomischen Auswirkungen der deutschen Willkommenskultur einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Hier sind die drei wichtigsten Punkte der Analyse:

1. Wie wirken sich die Ausgaben für Flüchtlinge auf die Konjunktur aus?

Rund 6,5 Milliarden Euro haben die Flüchtlinge den deutschen Staat bisher gekostet. "Die Ausgaben des Staates für die Flüchtlinge belasten zum einen die öffentlichen Haushalte", schreiben die Commerzbank-Experten.

Gleichzeitig schaffen diese Ausgaben zusätzliche Nachfrage, dies könnte die Konjunktur anschieben könnte. Jeder alleinstehende männliche Flüchtlinge "kostet" dem Staat etwa 980 Euro im Monat.

Diese Summe beinhaltet unter anderem die Kosten für Unterkunft und Krankenversicherung. Für verheiratete Paare und Kinder sind die Ausgaben geringer.

Abgesehen von einzelnen Branchen, wie etwa der Baubranche, ist der Konjunktureffekt durch die Flüchtlinge bislang eher gering.

"Wir sind nach wie vor der Meinung, dass der Schub von den für Deutschland viel zu niedrigen EZB-Leitzinsen viel größer ist als der von den Mehrausgaben für Flüchtlinge“, erklärt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank.

2. Steigt durch die Flüchtlinge die Zahl der Arbeitslosen?

Die Antwort der Experten: Ein deutliches Ja. "Die zugewanderten Flüchtlinge haben bisher wenig vom Schwung am deutschen Arbeitsmarkt profitiert“, heißt es in der Analyse.

"Wir haben in den vergangenen Monaten bereits darauf hingewiesen, dass die Beschäftigungschancen für Flüchtlinge aus nichteuropäischen Herkunftsländern begrenzt sind“, sagt Krämer.

Die Gründe dafür: fehlende Schulbildung und fehlende Sprachkenntnisse. Ein großer Teil der Migranten sei daher nur sehr schwer auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Offizielle Zahlen geben den Volkswirten recht. Zwischen Mai 2015 und Mai 2016 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Land um etwa 700.000.

Darunter waren jedoch nur knapp 24.000 Asylbewerber. Die Arbeitslosenquote unter Zuwanderern aus dem Nicht-EU-Ausland stieg auf 52 Prozent.

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3. Führt die Einwanderung zu dauerhaftem Wachstum?

Die Zahl der Erwerbspersonen und der Anstieg der Arbeitsproduktivität - diese beiden Faktoren hätten entscheidende Auswirkungen auf ein langfristiges Wirtschaftswachstum.

"Die Arbeitsproduktivität in Deutschland dürfte in den kommenden Jahren um rund drei Viertel Prozentpunkte zunehmen“, ist sich der Chefvolkswirt Krämer sicher.

Auch die Zahl an erwerbstätigen Personen wird durch die Flüchtlingskrise steigen. Die Bank schätzt die Zahl auf rund 600.000.

Allerdings dürfte sich dieser Effekt wegen des Familiennachzugs und zeitlich verzögert einsetzender Arbeitserlaubnisse auf drei Jahre verschleppen.

Spätestens 2017 wird das Arbeitsangebot daher steigen. Die bisherigen Prognosen waren von einem Rückgang des Arbeitsangebots ausgegangen.

Doch die Commerzbank dämpft die Euphorie, schon 2018 werde sich der Abwärtstrend wieder durchsetzen:

"Die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten der deutschen Wirtschaft ändern sich kaum. Wir taxieren sie weiterhin auf etwa ein halbes Prozent", so Krämer.

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Am 31. August ist es ein Jahr her, dass Angela Merkel gesagt hat: “Wir schaffen das.”

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(lp)