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Dieses Bild soll zeigen, wie Flüchtlinge an eine Kirche pinkeln - das steckt in Wahrheit dahinter

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KIRCHE FLCHTLINGE
Dieses bei Facebook verbreitete Foto soll zeigen, wie Flüchtlinge gegen eine Münchner Kirche pinkeln. Eine Lüge. | St. Gertrud / Facebook
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  • Ein Bild zeigt Afrikaner, die scheinbar an eine Münchner Kirche pinkeln
  • Viele Rechte sind empört
  • In Wahrheit aber beten die gezeigten Somalier lediglich

Kaum ein anderes Foto dürfte in den vergangenen Tagen wohl so viele rechte Internetnutzer empört haben wie dieses. Afrikanisch oder - je nach Sicht des Betrachters - muslimisch aussehende Menschen sind auf der Aufnahme zu sehen, wie sie scheinbar an eine Kirche pinkeln.

Das Foto ist echt, doch die Menschen urinieren keineswegs an ein Gotteshaus. Sie beten.

Aufgrund eines Holzkreuzes an der Außenwand ist klar zu erkennen, dass es sich um eine Münchner Kirche handelt. Doch mehrere rechte Facebook-Nutzer und Politiker kommen gar nicht erst auf die Idee, beim Erzbistum München oder der dortigen Polizei nachzufragen, was es mit dem Bild auf sich haben könnte. Sie posten einfach ihre falsche Sicht der Dinge.

Tausendfach bei Facebook geteilt

Bei Facebook wurde das Foto bereits viele tausend Mal geteilt. Der NPD-Spitzenpolitiker Udo Voigt postete das Foto als einer der ersten. "Kirche in München, sechs Neubürger urinieren an das christliche Gotteshaus", schreibt er. Dann ruft er zum Teilen des Beitrags auf, damit "auch der letzte Gutmensch diese Sauerei" mitbekomme.

Weiter fragt Voigt: "Stellt euch vor, was die mit uns machen würden wenn wir selbiges an einer Moschee tun?" Mit dem Wort "Neubürger" zeigt der rechte Politiker klar, dass er Flüchtlinge hinter der vermeintlichen Kirchenschändung wähnt.

Der Beitrag des rechten Politikers ist noch immer abrufbar. Dabei ist es ein leichtes, im Netz die Wahrheit über das Foto herauszubekommen. So erklärt die katholische Kirchengemeinde St. Gertrud auf ihrer Internetseite, dass es sich auf der Aufnahme eben gerade nicht um urinierende Flüchtlinge handle.

Foto zeigt betende Somalier

"Seit einigen Jahren wird einer der Räume unserer Kirche von der eritreisch-orthodoxen Gemeinde benutzt. Jeden Sonntag wird eine Eucharistie gefeiert", schreiben die Kirchen-Offiziellen.

Nach der Tradition der orthodoxen Christen in Eritrea und Äthiopien würden die Gläubigen anders als etwa die Katholiken oft nicht in die Kirche hineingehen, sondern draußen vor der Kirche beten. Sie lehnten sich dabei an die Wand des Gotteshauses.

"Die Männer auf diesem Bild beten gerade. Es ist nicht das, was so mancher besorgte Bürger hier vermutet", erläutert die christliche Gemeinde.

Doch den Shitstorm in rechten Kreisen kann ein solches Dementi wohl nur ein wenig eindämmen. Auch ein AfD-Abgeordneter soll in den vergangenen Tagen über die auf dem Foto abgebildeten Menschen gepostet haben: "Solche Idioten gehören sofort abgeschoben, mit lebenslanger Einreisesperre."

Es ist nicht das erste Mal, dass in sozialen Medien Falschmeldungen über die Flüchtlingspolitik oder einzelne Asylsuchende tausendfach geteilt werden, obwohl deren fehlender Wahrheitsgehalt offensichtlich ist.

Erst kürzlich teilten zehntausende Menschen einen Artikel, in dem fälschlicherweise behauptet wurde, die Regierung fliege heimlich in der Nacht tausende Flüchtlinge nach Deutschland ein.

Im Netz kursieren viele Falschmeldungen über Flüchtlinge

"In den sozialen Medien werden beispielsweise oft Gerüchte über angebliche Straftaten von Flüchtlingen verbreitet, die komplett erfunden sind“, sagte Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, gerade erst der Huffington Post.

Tatsächlich musste die Polizei in den vergangenen Monaten häufig wegen völlig aus der Luft gegriffener vermeintlicher Straftaten von Flüchtlingen, ermitteln. Dabei kolportierten Internetnutzer selbst schwerste Delikte wie Vergewaltigungen zum Teil wider besseren Wissens im Netz.

Auch in anderen Bereichen als der Flüchtlingspolitik würden Nutzer in sozialen Medien teils Unwahrheiten verbreiten, so Wendt. Dies sei für die Sicherheitsbehörden ein "erhebliches Problem". Auch, weil Falschmeldungen zu bestimmten Themen "zu einer Radikalisierung sowohl am linken als auch am rechten Rand sorgen können".

"Problem für Sicherheitsbehörden"

Der Sicherheitsexperte analysiert: "Viele Menschen lesen gar keine Zeitungen oder klassische Online-Meldungen mehr und hören auch kein Radio." Sie informierten sich über soziale Medien, die ihre vorhandene Meinung mit teils falschen Meldungen noch bestärkten.

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Auch die Politik müsse sich Gedanken über diese Blase machen, ist Wendt überzeugt.

Ebenso wohl die etablierten Medien. Ignorieren Journalisten solche Gerüchte wie das von den nächtlichen Massen-Flügen oder wild urinierenden Flüchtlingen, sehen das die rechten Verschwörungs-Theoretiker einfach als Beleg für ihre kruden Thesen.

Zudem könnten, wenn eine Richtigstellung in den Massenmedien ausbleibt, auch moderate Kritiker der Flüchtlingspolitik den Eindruck gewinnen, dass es schon stimmen werde, wenn niemand widerspreche.

Und auch die Internetnutzer können etwas tun, um die Verbreitung von falschen Hetzmeldungen zu verhindern. Bilder, deren Echtheit oder deren Hintergrund unklar ist, sollten Internetnutzer nicht einfach in sozialen Netzwerken teilen.

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(lk)