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Was AfD-Spitzenkandidat Pazderski mit Berlin vorhat: "Hier muss mal einer aufräumen"

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PAZDERSKI
dpa
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Arm, aber sexy - der Spruch des abgetretenen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit über Berlin stimmt irgendwie immer noch.

Zwar gibt es Probleme mit den Finanzen und der Flughafen BER ist eine Katastrophe. Aber die Stadt zieht junge, kreative Menschen an, ist unter Touristen so beliebt wie nie zuvor und entwickelt sich zu einem der bedeutendsten Startup-Zentren Europas.

Wenn man Berlin aber mit den Maßstäben des AfD-Spitzenkandidaten Georg Pazderski misst, ergibt sich ein etwas anderes Bild.

Der Mann war zuletzt 18 Jahre Oberst im Generalstab. Er reiste für die Bundeswehr nach Afghanistan und in den Kosovo. Drei Jahre lebte er in Brüssel, fünf Jahre in Florida.

Pazderski und Berlin, das sind zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten

Nun verbringt er seinen Ruhestand in Berlin. 2012 zog er dauerhaft hierher und ging in die Politik.

Pazderski redet geschliffen, sein Auftreten ist seriös. Es gibt nur ein Problem: Er mag vieles an Berlin, die Stadt, in der er antritt, eigentlich gar nicht.

Die Stadt ist eine "riesengroße Chance", sagt er im Gespräch mit der Huffington Post. Aber dafür müsse man hier mal "politisch durchgreifen und aufräumen" und "jeden Stein in den Kiezen umdrehen".

Pazderski und Berlin, das sind zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Dass den Behörden einiges egal ist, was in anderen Städten zu Festnahmen führen kann, macht den Charme der Stadt für Kreative aus. Außerdem ist Berlin extrem international und extrem türkisch.

Wenn es so etwas wie die Islamisierung gibt, in Berlin ist sie sehr weit fortgeschritten. Und die Dichte an Leuten, die die AfD für eine rückwärtsgewandte Nazi-Partei halten, ist sicher größer als in Mecklenburg-Vorpommern, wo bald auch Wahlen sind.

Dennoch kommt die AfD laut einer Umfrage auf 15 Prozent, was ein gewaltiges Ergebnis wäre. Das würde reichen, um einige Stadträte stellen zu können, die wie Miniminister Entscheidungen für ihr Kiez fällen können.

Grund genug zu fragen, was Pazderski eigentlich meint, wenn er sagt, dass er durchgreifen und aufräumen möchte.

Nur ein paar Beispiele.

Ein rotes Tuch ist für den ehemaligen Offizier die Arbeit der Polizei. Er hat das Gefühl, dass Berlin immer mehr zu einer No-Go-Area wird. "Es gibt immer mehr Orte, an denen man sich nicht mehr sicher fühlt."

In der Gegend um das Kottbusser Tor zum Beispiel, die tatsächlich in der Kriminalstatistik ganz oben steht. Hier werden beinahe täglich Menschen ausgeraubt. Oder im Görlitzer Park, der von Drogendealern bevölkert ist.

"Hier brauchen wir täglich Razzien, hier muss wieder Recht und Ordnung einkehren", sagt er. "Polizisten sollten zum Stadtbild gehören wie Dönerbuden und Bars." 2000 mehr Beamte will die AfD einstellen.

"Berlin ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Islam nicht in dieses Land gehört"

Ein rotes Tuch ist für Pazderski auch der Islam. "Berlin ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Islam nicht in dieses Land gehört", sagt der AfD-Politiker.

Stadtteile wie Neukölln oder Wedding mit einem hohen Migrantenanteil dienen ihm als Negativbeispiel. Hier können Menschen ohne ein Wort Deutsch durchkommen. "Sie nehmen faktisch nicht an unserer Gesellschaft teil." Daran ist etwas dran. Gleichzeitig finden sich gerade hier auch ausgezeichnete Integrationprojekte wie Morus14 im Rollbergkiez.

Über 100 Ehrenamtliche helfen dort Kindern beim Lernen, kochen zusammen oder backen Crêpes - und erreichen damit Menschen, die die Gesellschaft eigentlich schon aufgegeben hat. Die AfD hingegen will das Burka-Verbot und setzt sich gegen Minarette ein. Dass solche Verbote nicht helfen, zeigt gerade Frankreich.

Dann ist da noch die Berliner Verwaltung, hier herrschen für den AfD-Mann "Zustände wie in der Dritten Welt". Termine werden im Internet schwarz gehandelt, wer drankommen möchte, muss mehrere Wochen warten. "Früher dachte ich, dass es so etwas nur in Haiti gibt", sagt Pazderski.

Wahr ist: Seit 30 Jahren doktert die Hauptstadt an ihrer Verwaltung herum, bislang mit mäßigem Erfolg. Krankenstand und Personalmangel sind hoch, die Technik veraltet.

Entscheidend wird sein, dass Berlin genügend Nachwuchs gewinnt. Bis 2023 werden über 20.000 Vollzeitstellen frei - der Fachkräftemangel, den die Wirtschaft mit Flüchtlingen zu schließen gedenkt, ist auch in Berlin ganz real.

Und die Partyszene, oh je. "Ich komme fast jeden Tag an der S-Bahn-Station Warschauer Straße vorbei. Ich finde es teilweise unzumutbar", sagt er. Er habe nichts gegen junge Menschen, die feiern – aber in Berlin nehme das Überhand.

"Hierher kommen tausende Billigtouristen für zwei Tage, um sich zu besaufen", sagt Pazderski. "Berlin ist mittlerweile zum Ballermann der Hauptstädte geworden. Mir wäre ein Tourismus wie in Paris, London und New York lieber."

Als erstes möchte er Polizisten das Partyvolk viel stärker kontrollieren lassen. "Illegale Substanzen gehören zur Kultur dieser Stadt", sagt er. Hier müsse die Polizei viel konsequenter eingreifen.

Wenn man die Touristen-Zahlen anschaut, ergibt sich ein weniger dramatisches Bild. 2015 kamen etwa 30 Millionen Besucher nach Berlin - Rekord. Allerdings sind sie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor - ohne sie wäre Berlin ärmer dran. Im Schnitt gaben sie 93 Euro für ein Hotelzimmer aus, das ist ordentlich.

Polizei, Verwaltung, Regierung, Touristen, Parallelgesellschaften – alles Mist in Berlin? "In der Stadt leben großartige, motivierte Menschen", räumt der AfD-Mann ein.

Na immerhin. Die sollen ihn ja wählen.

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(lk)