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Nahost-Experte: "Erdogan wagt einen gefährlichen Spagat"

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ERDOGAN PUTIN SYRIEN
Nahost-Experte: "Erdogan wagt einen gefährlichen Spagat" | Reuters
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  • Mit der Bodenoffensive in Syrien geht die Türkei ein hohes Risiko ein
  • Die vorsichtige Wiederannäherung an Russland steht auf dem Spiel
  • Wie die Sache ausgeht, hängt maßgeblich vom Umfang der Offensive ab

Erst einen Tag ist es her, dass türkische Panzer im Morgengrauen über die syrische Grenze rasten. Und es sieht so aus, als kämen sie nicht so schnell wieder zurück. Im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) – aber vor allem gegen die Kurden in Syrien.

"Mit der Bodenoffensive in Syrien wagt Erdogan einen gefährlichen Spagat, sowohl außen- als auch innenpolitisch", sagt André Bank, Nahostexperte am Giga-Institut in Hamburg, der Huffington Post.

Russland gibt sich irritiert

Die USA, von denen sich Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Auslieferung des Predigers Fethullah Gülen erwarten, haben vorsichtige Zustimmung signalisiert. Weniger aus Überzeugung, denn aus taktischen Erwägungen, man will den Nato-Partner nicht komplett vergraulen, aber immerhin.

Bei Russland dagegen sieht das anders aus. "Russland zeigt sich extrem irritiert", sagt Bank. "Die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara werden einer neuen Prüfung unterzogen", kommentiert die russische Zeitung "Kommersant". Der Einsatz sei nicht mit Moskau koordiniert gewesen. Ein Vertreter des Außenministeriums nannte die Einsätze zwar wichtig, doch um "effektiv" zu sein, sollten sie mit Russland abgestimmt werden.

Erdogan will es sich mit Russland nicht verderben – nicht schon wieder

Russland ist wichtig für die Türkei. "Russland ist nach der EU der größte Handelspartner der Türkei, ein Großteil der Touristen in der Türkei kommt aus Russland", sagt Bank. "Die Türkei ist ein wichtiger Abnehmer für russisches Erdgas und Erdöl." Gute Beziehungen liegen also im Interesse beider Länder – aber mehr noch der Türkei.

Dazu muss man wissen: Die Beziehungen beider Länder waren gut - bis zum Bürgerkrieg in Syrien. Russland stellte sich hinter Machthaber Baschar al-Assad und seine Verbündeten, die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah und den Iran. Die Türkei stellte klar: Assad muss weg.

Dann schoss die Türkei noch einen russischen Kampfjet im Grenzgebiet zu Syrien ab. Es folgten diplomatische Eiszeit, gegenseitige Sanktionen. Erst in den vergangenen Wochen versuchte Erdogan wieder eine Annäherung. Zu groß waren die wirtschaftlichen Probleme, insbesondere nach dem Putschversuch.

Der türkische Kampf gegen den IS dürfte Russland gefallen

Was die Türkei jetzt in Syrien versucht, kommt Russland zumindest teilweise zupass. "Es stützt Russlands Strategie, wenn die Türkei den IS stärker als bisher bekämpft", sagt Bank. Außerdem habe der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu angedeutet, dass Assad für eine Übergangszeit syrischer Präsident bleiben könne.

Der türkische Kampf gegen die Kurden ist eine zweischneidige Sache

Beim türkischen Kampf gegen die Kurden wird die Sache dann schon schwieriger.

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Lange gab es de facto einen Waffenstillstand zwischen Assads Truppen und kurdischen YPG-Kämpfern in Nordsyrien. Beide schonten wohl ihre Kräfte, um den IS zu bekämpfen. Russland pflegte das Verhältnis zu den Kurden unter anderem deswegen, weil das die Türkei ärgerte.

In den letzten Tagen aber haben Assads Truppen in Hasaka Nordsyrien wieder Kurden attackiert. Bank vermutet, dass es jetzt auch Russland ganz Recht ist, wenn die Türkei dasselbe tut. Aber ganz eindeutig ist Russlands Haltung da wohl nicht.

Russland würde einen langen Syrieneinsatz der Türkei kaum goutieren

Und was Russland sicher kritisch sehen würde, wäre ein längerer Bodeneinsatz der Türken in Syrien. "Die Russen wollen nicht, dass sich in Syrien noch jemand anderes festsetzt", sagt Bank.

Dmitri Trenin vom Carnegie-Thinktank analysiert, dass es Russland vor allem darum gehe, in Syrien ein Regime zu installieren, mit dem es gut zurechtkommt, das ihm Einfluss in der Region sichert – im Machtkampf mit den USA.

Heißt letztlich: Die Russen würden es nicht gerne sehen, wenn ihnen die Türkei diese Rolle jetzt streitig macht. Die Agentur dpa verweist auch auf Experten, Russland sehe den Krieg in Syrien als Waffenschau, als Werbung für Rüstungsdeals.

Davon hängt es ab, ob die türkisch-russischen Beziehungen wieder mies werden

Ob sich die türkisch-russischen Beziehungen jetzt wieder verschlechtern, hängt für Bank vom Umfang der Bodenoffensive ab. "Es wird jetzt darauf ankommen, ob die türkischen Truppen wirklich nur verhindern wollen, dass die syrischen Kurden Dscharabulus kontrollieren können oder ob sie die Kurden aus dem ganzen Gebiet westlich des Euphrat-Flusses vertreiben wollen."

Inzwischen spricht viel dafür, dass die Türkei genau das vorhat. Am Donnerstagmittag gab sie bekannt, weiter vorrücken zu wollen.

Innenpolitisch riskiert Erdogan viel

Auch im eigenen Land hängt für Erdogan von dieser Frage viel ab. "Innenpolitisch ist die Sache für Erdogan erst einmal ein Gewinn, weil er Stärke demonstriert", sagt Bank. "Aber wenn die türkischen Truppen weiter vorstoßen sollten, dann werden bald Soldaten in Särgen zurückkommen. Und das wird die Zustimmung der türkischen Bevölkerung merklich schwinden lassen."

Die YPG ist eng mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden, die von der Türkei als Terrororganisationen angesehen wird. Ankara will unter allen Umständen verhindern, dass an der türkischen Südgrenze ein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet der Kurden entsteht.

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(lk)