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De Maizière warnt vor einem Angriff auf das Stromnetz - das wären die drastischen Folgen

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BLACKOUT
A single light illuminates a room during a blackout at a residential building in Simferopol, Crimea November 24, 2015. Crimea continued to rely on emergency generators to meet its basic power needs after unknown saboteurs blew up electricity pylons supplying the peninsula with electricity over the weekend. REUTERS/Pavel Rebrov TPX IMAGES OF THE DAY | Pavel Rebrov / Reuters
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Es ist ein beängstigendes Szenario: Infolge eines Terrorangriffs oder einer Naturkatastrophe bricht in Deutschland die Stromversorgung zusammen - und das über mehrere Tage. Blackout.

Die Bundesregierung will Deutschland für diesen Fall besser wappnen. Denn von allen Katastrophen, die passieren könnten, sei ein Blackout die wahrscheinlichste, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière am heutigen Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Berlin, auf der er das Zivilschutzkonzept vorstellte.

"Ich kann mir vorstellen, dass es Gruppen und Staaten gibt, die herausfinden wollen, wie anpassungsfähig die deutsche Gesellschaft bei einem Stromausfall ist", sagte der CDU-Politiker.

Deutschland ohne Strom – nur Panikmache? Und was würde passieren, wenn Stromadern tatsächlich ausfielen? Hier sind die vier wichtigsten Fragen und Antworten.

1. Wie wahrscheinlich ist ein Angriff?

Fakt ist: Bislang gab es noch keinen Angriff auf unsere Stromnetze. Und auch ein längerer Stromausfall durch eine Naturkatastrophe oder menschliches Versagen blieb Deutschland bislang erspart. Gleichzeitig gab es alleine 2015 über 300 Hackerangriffe auf Netzbetreiber, die allerdings meist erfolglos blieben.

Ist ein Blackout also ein Hirngespinst? Dass bislang alles gut ging, kann auch daran liegen, dass unsere Anlagen und Netze ausreichend gegen einen Totalausfall geschützt sind.

Die Bundesregierung zeichnet das Bild eines wachsenden Bedrohungsszenarios. In einem Bericht des "Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag" (TAG) aus dem Jahr 2011 heißt es etwa: Die Gefahr eines Blackouts wachse, "weil die Gefahr terroristischer Angriffe und klimabedingter Extremwetterereignisse als Ursachen eines Netzzusammenbruches zunehmen werden".

Experten sehen das ähnlich. "Potentiell" sei die Gefahr eines solchen Hackerangriffs hierzulande gegeben, sagte Michael Kasper vom Darmstädter Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnik der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über den Hackerangriff auf ein Stromkraftwerk in der Ukraine im Januar.

Dafür sei aber gutes Insiderwissen nötig. Es reiche nicht aus, lediglich ein Kraftwerk lahmzulegen – das könne das Netz ausgleichen. "Ein Angreifer kann aber über das Übertragungsnetz gehen, auf die Umspannwerke, auf die Leitstellen oder das Verteilnetz und versuchen, dort Kaskadeneffekte durchzuführen", zitiert die "FAZ" den IT-Experten.

2. Wie könnte ein möglicher Angriff aussehen?

Fast 1800 Kraftwerke gibt es in Deutschland laut Bundesnetzagentur. Knapp die Hälfte sind Anlagen erneuerbarer Energien, also Wind- und Wasserkraftanlagen. Hinzu kommen Solaranlagen.

Ein Cyberangriff könnte folgendermaßen aussehen: Ein Hacker schleust sich selbst in ein Kraftwerk ein oder bringt einen Mitarbeiter dazu, einen Trojaner in die Computer zu schmuggeln – etwa, indem er eine Mail öffnet oder einen USB-Stick einsteckt. Der Hacker bekommt so Zugriff auf das Kraftwerk und kann Messinstrumente so manipulieren, dass sich das Kraftwerk von alleine abschaltet.

Möglich ist aber auch ein physischer Angriff, zum Beispiel auf Schaltanlagen. Sie wandeln Strom aus Kraftwerken in eine niedrigere Spannung um. Außerdem gibt es tausende von Kilometern von Stromtrassen. Sie sind die Stromautobahnen und verteilen Energie im ganzen Land. Sie zu kappen, könnte den Strom zumindest kurzfristig ausfallen lassen.

3. Wie gut gerüstet ist Deutschland gegen einen Angriff?

2015 beschloss der Bundestag das IT-Sicherheitsgesetz. Demnach müssen Telekom-Unternehmen, Wasserbetreiber aber auch Stromerzeuger Mindeststandards in der Cyber-Sicherheit vorweisen.

Außerdem müssen sie Hackerangriffe einer zentralen Behörde melden. Bislang sind sieben Meldungen eingegangen – Details dazu sind aber nicht öffentlich. Darunter fallen aber Angriffe auf bislang unbekannte Sicherheitslücken und jene, die nur mit erheblichem Aufwand durchführbar sind.

Experten allerdings warnen davor, dass das Thema in der Industrie noch nicht ernst genug genommen wird. "Das Bewusstsein dafür ist in der deutschen Industrie nicht ausreichend hoch, und wir sehen in unseren Bewertungen immer wieder Systeme, die mit zielgerichteten Angriffen aushebelbar wären", sagt IT-Experte Kasper der "FAZ".

Nicht nur die Bundesregierung, sondern auch die Nato und EU bereiten sich auf Cyberattacken vor. Das westliche Verteidigungsbündnis lässt derzeit Richtlinien ausarbeiten, in Brüssel ist man dort schon etwas weiter.

Kommt es zu einem Angriff, ist Deutschland zumindest in den ersten Stunden in der Lage, wichtige System über Notstromaggregate am Laufen zu halten. Das gilt für einen großen Teil der Wasser- und Abwasserversorgung, die Kühlung der Kernkraftwerke sowie für Krankenhäuser.

4. Was würde im Falle eines Stromausfalls passieren?

Unsere tägliche Infrastruktur würde unmittelbar zum Erliegen kommen. Kassen und Bankautomaten würden nicht mehr funktionieren. Das Mobilnetz würde zusammenbrechen.

Der Schienenverkehr stünde still, außerdem müssten Tunnel ohne Notstromversorgung gesperrt werden, weil Belüftung und Beleuchtung ausfielen. Tankstellen müssten dichtmachen, weil die Zapfanlagen ohne Strom nicht betrieben werden können. In Haushalten und Supermärkten würden leicht verderbliche Lebensmittel mangels Kühlung relativ schnell ungenießbar.

Die Wasserversorgung käme schnell an ihre Grenzen. Sowohl für die Ver- wie auch Entsorgung wird Strom benötigt. Kläranlagen stünden still. All das würde zu prekären hygienischen Zuständen führen. Auch die Müllentsorgung würde zum Problem, weil Verbrennungsanlagen strombetrieben sind.

Krankenhäuser mit Intensivstationen kommen mindestens einen Tag ohne externe Stromversorgung aus. Dafür haben sie Notstromaggregate, die im Notfall auch mit Diesel befüllt werden können und so auch noch länger laufen können.

Problematisch wird es allerdings, wenn die Wasserversorgung zusammenbricht. Auch die Entsorgung würde große Probleme bereiten.

Schon innerhalb weniger Tage stünde Deutschland still. Die meisten Menschen müssten zu Hause bleiben, weil ihr Arbeitsplatz nicht mehr funktioniert. Als Fortbewegungsmittel würden ihnen beispielsweise das Fahrrad bleiben, um sich mit dem nötigsten zu versorgen. Es könnte auch zu Plünderungen kommen, da Sicherheitsvorkehrungen außer Kraft gesetzt würden.

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(lk)