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Liebe Investoren, warum verschandelt ihr unsere Innenstädte so schrecklich?

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Liebe Investoren, warum verschandelt ihr unsere Innenstädte so schrecklich? | Getty/Gettystock
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Liebe Investoren!

Wer heute durch die Stadtzentren großer deutscher Metropolen geht, fühlt sich an manchen Stellen wie in einem gut durchgetretenen Billig-Hotel.

Nicht nur, dass die Infrastruktur ihre besten Tage schon hinter sich hat. Vieles ist auch genauso austauschbar geworden wie in einer der einschlägig bekannten Hotelketten, wo Ästhetik und Identität eher Renditehemmnisse als menschliche Grundbedürfnisse sind.

Und so entstehen in deutschen Stadtzentren gerade Tag für Tag Gebäude, für die wir uns in dreißig Jahren schämen werden. So wie wir heute den Kopf schütteln über das, was in Gießen, Hannover oder Gelsenkirchen vor einigen Jahrzehnten noch als Fortschritt und Komfort galt.

Architektonischer Würfelhusten

Es entstehen derzeit Gebäude ohne Substanz, ohne Seele, ohne Witz: Bürobunker, Shopping-Klapsmühlen, geschmacksbefreite Wohnburgen. Ein architektonischer Würfelhusten, der über Baulücken niedergeht und binnen Monaten ganze Stadtteile verkrustet.

Häuser, die trotz Scheiben nicht transparent sind, die trotz Sandsteinfassaden niemals warm wirken werden. Beton gewordene Zombies, die uns jahrzehntelang verfolgen werden um uns Zeugnis darüber abzulegen, das wir im Jahr 2016 nicht an die Zukunft gedacht haben.

Und wer dieses Urteil für zu hart hält, der mache mal am Investoren-Neubau seiner Wahl den Klopftest. Fast jedes Gebäude, das in den vergangenen 20 Jahren entstanden ist, klingt bei Berührung mit menschlichen Knochen so hohl wie ein leeres Waschbecken.

Nicht mal heiße Luft gibt es hier

Unter den Verblendungen herrscht Leere, noch nicht einmal heiße Luft gibt es hier. Nur ein Betonquader, auf denen die Platten mit Baukleber oder Schrauben appliziert wurden.

Was ist der Grund dafür, dass unsere Städte derart in Hässlichkeit erstarren?

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Eine mögliche Antwort: Wo Häuser nicht mehr von Eigentümern gebaut werden, sondern von Investoren mit kurzfristigen Rendite-Interessen, dort funktioniert Architektur nach einer anderen Logik.

Der Privatmann möchte mit einem Gebäude ein Statement setzen, und auch eine Firmenzentrale soll repräsentieren. Doch der Investor (sei er eine reelle oder eine juristische Person) möchte mit dem Gebäude einzig und allein Geld verdienen. Meist liegt seine Postanschrift viele Tausend Kilometer von dem Bauprojekt entfernt. Wie die Stadt danach aussieht, und was mit ihr passiert, das ist ihm weitgehend egal.

Importierte Probleme aus Amerika

Der amerikanische Autor Tom Wolfe veröffentlichte im Jahr 1981 seine geniale Architekturkritik „From Bauhaus to Our House“, in der er sich mit dem Einfluss der Bauhaus-Schule auf die Architektur in den USA auseinandersetzt. Viele Vertreter des Bauhaus mussten nach 1933 aus Deutschland emigrieren und fanden in den USA eine neue Heimat.

Wolfe schreibt, dass Mies van der Rohe, Walter Gropius und andere die Probleme des alten Europas nach Amerika mitbrachten – sie bauten immer noch kleine Sozialwohnungen und eckigen, unauffälligen Gebäuden, obwohl sie schon längst hätten größer denken können.

Heute importiert Europa die Probleme aus den USA. So wie finanzkapitalistische Renditeerwartungen einst der amerikanischen Mittelschicht das Licht ausgeblasen haben, sorgen sie nun dafür, dass sich das Wesen europäischer Innenstädte grundlegend ändert.

Berlins verpasste Chancen

Berlin zum Beispiel. Nach der Wiedervereinigung hat die deutsche Hauptstadt eine Jahrhundertchance verpasst. Entlang einer gut 140 Kilometer langen Grenzlinie hatte die DDR-Führung Schneisen geschlagen und abreißen lassen. Was hätte hier alles neu entstehen können? Zumal noch in der Mitte der Stadt?

Stattdessen: Hohle Waschbecken-Fassaden, selbst an den neuen Regierungsgebäuden. Und wo in den Wohnvierteln die maroden Altbauten abgerissen werden, entstehen neo-klassizistisch anmutende Fassaden mit Säulen und Kapitälen, statt dass sich mal jemand etwas Neues oder gar Visionäres trauen würde.

Das gute Gefühl, einst so repräsentativ wohnen zu können wie Uropa in Kaisers Zeiten wiegt stärker als der Gedanke, ein Bekenntnis zur gemeinsamen Zukunft zu wagen. Da ist das Bauen ganz ähnlich wie die Politik.

Städten sind die Hände gebunden

Aber wo Städte nun eben ihr gesamtes gestaltungspolitisches Potenzial verballert haben – das Land Berlin etwa hat zu Beginn der Nullerjahre (in Person des damaligen Finanzsenators Thilo Sarrazin) 65.000 Wohnungen für gerade einmal 6.000 Euro pro Stück an Goldman Sachs und Cerberus verkauft – da bleibt eben auch kaum eine Möglichkeit mehr, diesen Wahnsinn zu stoppen.

Und so müssen die Menschen in der deutschen Hauptstadt zusehen, wie die gesamte Innenstadt mit jedem neuen Bauprojekt zu einem Freilicht-Vergnügungspark für Touristen und Besserverdienende wird.

Erst werden die Ärmeren durch die sozial Stärkeren verdrängt. Und dann wird im großen Stil der passende Wohnraum für das neue Bürgertum errichtet – so teuer im Preis, das eine Rückkehr der früheren Bewohner für immer ausgeschlossen ist.

Genau das ist das Elend, das sich derzeit in deutschen Städten ereignet. Und es zeigt sich in den ganzen geschmacklosen, klobigen Klunkerbauten, die gerade nur so gut aussehen müssen, dass sie sich am Ende auch verkaufen können.

Zum Wegziehen.

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