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Uwe Denker behandelt Menschen ohne Krankenversicherung - und hat eine Botschaft an die Politik

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DENKER
Der Arzt der Armen: Dieser 78-Jährige behandelt Patienten ohne Versicherung - und hat eine Botschaft an die Politik | Privat
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  • Uwe Denker behandelt seit 2010 Patienten, die nicht krankenversichert sind
  • Menschen ohne Versicherung leben "in einer unvorstellbaren Notlage", sagt er
  • Besonders Kinder seien betroffen

Als Uwe Denker seine „Praxis ohne Grenzen“ in Bad Segeberg in Schleswig-Holstein eröffnete, hatte er eher ungewöhnliche Patienten im Blick. Patienten, um die sich in Deutschland derzeit kaum jemand kümmert.

Das Besondere in Denkers Praxis: Bei ihm können sich Patienten ohne Krankenversicherung behandeln lassen.

„Ich habe erwartet, dass in der Mehrzahl Obdach- und Mittellose, Flüchtlinge und Illegale zu uns kommen würden“, sagt er im Gespräch mit der Huffington Post.

Aber es kam anders.

„Die Mehrheit kommt aus einem anderen Klientel. Zu uns kommt der gestrauchelte deutsche Mittelstand“, sagt Denker. Es sind Menschen, die sich ihre private Krankenversicherung nicht mehr leisten können, weil die Geschäfte nicht mehr gut laufen: Schreiner, Fleischer, Mechaniker, Bäcker.

Amerikanische Verhältnisse?

In Deutschland gelten solche Fälle als dramatische Einzelschicksale, weil eine Versicherungspflicht herrscht. Seit 2009 müssen sich auch Freiberufler und Selbstständige pflichtversichern. Darauf weisen zumindest die Krankenkassen auf Anfrage hin.

Dennoch geht die Bundesregierung davon aus, dass 80.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert sind. Die Dunkelziffer schätzen Experten noch weitaus höher, denn Obdachlose und illegale Einwanderer werden nicht mitgezählt.

Arzt Denker, der sich seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzt, geht gar davon aus, dass etwa eine Millionen Menschen in Deutschland ohne Versicherung leben. Dazu zählt er auch Kinder, die in Deutschland über ihre Eltern versichert sind. Wenn die aus der Krankenversicherung fliegen, gilt der Schutz auch nicht mehr für ihre Kinder.

Ob es nun 80.000 oder eine Million sind: Jeder Unversicherte ist einer zu viel. Die USA zeigen, in welche dramatische Situationen Menschen ohne Versicherung gelangen: Dort bitten Menschen in ihrer Nachbarschaft um Geld, um sich Medikamente zu kaufen.

Bei ernsthaften Erkrankungen gehen die Kosten schnell in die Hunderttausende Euro – das kann sich niemand ohne Versicherung leisten.

"Unvorstellbare Notlage"

Wer nicht versichert ist, lebt „in einer unvorstellbaren Notlage“, sagt Denker. „Gesundheit ist ein Menschenrecht.“ Wer sich das nicht leisten kann, sollte ein Recht auf Hilfe haben. Das sollte selbstverständlich sein - ist es aber nicht, sagt Denker.

Seine Patienten kommen nicht nur aus Bad Segeberg, sondern auch ganz Deutschland und der ganzen Welt. Denker hat Anfragen aus Polen, Griechen, sogar China, Russland, Peru und der Mongolei.

Weil das Interesse seit der Eröffnung 2010 so enorm war, gibt es mittlerweile acht weitere Praxen in Schleswig-Holstein, außerdem eine weitere in Hamburg und Mainz. Dort werden bis zu 90 Patienten pro Tag von Ärzten behandelt, die in ihrer Freizeit Gutes tun wollen.

Die Praxen sind ausgestattet wie jede andere Ambulanz auch: In Bad Segeberg gibt es etwa ein Ultraschallgerät, einen Lungenfunktionstest und eine Augenuntersuchungseinheit. Für größere Operationen werden die Patienten ins städtische Krankenhaus überwiesen. Und alle Kosten werden von der Praxis übernommen, finanziert aus Spenden.

"Wir sind Teil des Systems"

„Für mich ist die Praxis ein Fulltime-Job geworden“, sagt Denker. In Bad Segeberg helfen ihm zwei Arzthelferinnen und fünf mitarbeitende Ärzte, geöffnet ist immer Mittwoch Nachmittags. Außerdem beraten die Ärzte ihre Patienten telefonisch. Nicht nur in medizinischen Fragen, sondern auch im Kampf mit der Krankenkasse, wieder aufgenommen zu werden.

Den Start der „Praxis ohne Grenzen“ 2010 beschreibt Denker als mühsam. Damals führte er schon seit 40 Jahren eine Praxis als Facharzt für Kinderheilkunde und Allgemeinmedizin. Die übergab er an seine Tochter, wollte aber nicht ganz aufhören. Nach dem ersten Jahr wollte Denker entscheiden, ob es Bedarf gibt und er weitermacht. „Heute ist klar: Zumachen ist unmöglich geworden. Wir sind Teil des Systems.“

Das wurde ihm schon recht früh klar. Er erzählt von einem seiner ersten Fälle – ein Schlachtermeister, der sein Geschäft aufgeben musste, weil seine Kunden zu Supermärkten abwanderten. Er lebte ohne Versicherung weiter – und erlitt einen leichten Schlaganfall. Den ließ sich der Schlachtermeister nicht behandeln, sondern trainierte die Symptome weg.

Dann kam er zu Arzt Denker – und der fand umgehend die Ursache für den Schlaganfall heraus: zu hoher Blutdruck. „Das konnte ich nicht glauben. Aber in Folge kamen noch ganz viele weitere, ähnliche Schicksale zu uns“, sagt Denker.

"Es muss dringend etwas passieren, sonst bricht das Gesundheitssystem zusammen"

Für ihn sind solche Fälle nur die Spitze des Problems. „Es muss grundsätzlich etwas passieren, sonst bricht das gesamte Gesundheitssystem zusammen“, warnt er.

Er fürchtet einen unaufhörlichen Anstieg der Gesundheitskosten, die sich immer mehr Menschen nicht leisten können und auch das Kassensystem irgendwann kollabieren lassen. „Ich kann nur dringend raten, unsere Warnrufe zu hören. Wenn wir die Lücke nicht schließen, wird es den Kollaps geben“, sagt Denker. "Die Armutswelle überflutet sonst unsere Deiche."

Die Warnrufe finden im politischen Berlin gerade tatsächlich nur bedingt Gehör. Eine großangelegte Gesundheitsreform ist seit Jahren überfällig, da sind sich alle Parteien einig. Nur wie soll die aussehen? Die SPD will eine Bürgerversicherung, die Union eine Kopfpauschale. Das Ergebnis: Stillstand.

Denker wäre schon glücklich, wenn zumindest alle Minderjährigen beitragsfrei versichert werden könnten. In einigen EU-Ländern gibt es das schon, etwa in Polen und Rumänien. Warum nicht hier? „Das ist ein Armutszeugnis“, sagt er.

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(ben)