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4 Gründe, warum der Konflikt zwischen Volkswagen und seinen Zulieferern uns alle betrifft

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VW WOLFSBURG
Ein Wolfsburg stehen die Bänder still | Michael Gottschalk via Getty Images
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Es ist ein Kampf David gegen Goliath: Weil die sächsischen Zuliefererfirmen ES Automobilguss und Car Trim wichtige Teile nicht liefern, ruht bei Volkswagen die Produktion mancher Modelle. Beide Firmen gehören zur Unternehmensgruppe Prevent .

Betroffen sind nach Konzernangaben mehrere VW-Werke - alle voran das Stammwerk Wolfsburg mit der gestoppten Produktion des wichtigsten Modells Golf. Für insgesamt 27.700 Mitarbeiter seien "Flexibilisierungsmaßnahmen bis hin zu Kurzarbeit" ergriffen worden.

VW ist bei den Komponenten, die nun nicht mehr geliefert werden, offensichtlich von den Zulieferern abhängig - vor allem bei dem wichtigen Getriebeteil. Nach dpa-Informationen hat sich VW bei dem Teil für das Erfolgsmodell Golf in weiten Teilen auf nur einen Zulieferer verlassen.

Wie lang der Kampf zwischen den beiden Firmen weitergehen wird, ist unklar. Volkswagen hat vor Gericht bisher Erfolge errungen. Das Landgericht Braunschweig erließ einstweilige Verfügungen, welche die Lieferanten zur Wiederaufnahme der Belieferung verpflichten.

Trotz der ersten Erfolge könnte VW allerdings mit den einstweiligen Verfügungen in der Hand frühestens Ende dieser Woche seine Ansprüche per Gerichtsvollzieher durchsetzen und die Teile holen lassen. Vorher steht nämlich noch eine finale Entscheidung des Gerichtes aus.

Doch dieser Konflikt betrifft nicht nur die beiden Firmen. Hier vier Gründe, warum der Streit zwischen Prevent und Volkswagen uns alle angeht.

1. Die Kosten für die Kurzarbeit tragen die Steuerzahler

Nach Informationen der "Bild"-Zeitung könnte die bei VW drohende Kurzarbeit den Steuerzahlern rund 10 Millionen Euro kosten. Das gehe aus internen Schätzungen hervor. Die Bundesanstalt für Arbeit würde die Loheinbußen der Arbeiter ausgleichen - auch wenn die Manager von VW diese Lage verursacht haben.

Die Summe ist abhängig davon, wie viele der 28.000 bedrohten Mitarbeiter in den sechs VW-Werken schlussendlich in Kurzarbeit gehen. Die Produktion an den Standorten stoppte schon am Montag. Bevor Kurzarbeitergeld (60 Prozent des Verdienstausfalls) ausgezahlt wird, müssen die Mitarbeiter zunächst Überstunden abbauen.

Die Pläne des VW-Konzerns, angesichts von Produktionsengpässen Kurzarbeitergeld zu beantragen, stoßen nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" auf Widerstand in der Union. "Kurzarbeit ist keine Streikkasse für Unternehmen, die sich im Wirtschaftskampf befinden und eingegangene Verträge mutwillig nicht einhalten", sagte Karl Schiewerling, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, der Süddeutschen Zeitung. "Zwei streiten sich, und die Folgen tragen Dritte."

2. Es droht eine Kettenreaktion, die auf die gesamte Automobilbranche übergreifen kann

Der Streit zwischen dem Autobauer Volkswagen und zwei Zulieferern könnte nach Experteneinschätzung zu einer Belastungsprobe für die gesamte Branche werden. "Die Folgewirkungen für die gesamte Wertschöpfungskette sind schon heute beträchtlich", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME), Christoph Feldmann, am Montag in Frankfurt. Es drohe nicht nur Kurzarbeit in mehreren Fabriken - hinter der Produktion des VW-"Golf" stünden auch rund 500 Top-Lieferanten, die zunehmend in Schwierigkeiten gerieten.

Jede Störung der Zuliefererkette bringe auch die Produktionsketten durcheinander und führe "umgehend zu massiven Verwerfungen", so Feldmann. Betroffene Firmen könnten derzeit ihre Teile nicht ausliefern und müssten Bestände aufbauen. Damit ziehe sich das Problem wie eine Kettenreaktion durch die gesamte Lieferkette, bis hin zum Endverbraucher, mahnte Feldmann.

3. VW ist einer der größten Arbeitgeber Europas - und bereits schwer angeschlagen

Unklar ist die Höhe des Schadens für Volkswagen durch den Produktionsstopp. Dies hängt wesentlich davon ab, wie lange der Konflikt noch andauert. "Golf"-Kunden erhalten derzeit ihre Autos nicht rechtzeitig und könnten möglicherweise von Aufträgen zurücktreten - mit entsprechenden finanziellen Folgen für VW.

Das könnte Folgen für die gesamte Wirtschaft Europas haben: Volkswagen ist mit knapp 600.000 Mitarbeiter der drittgrößte Arbeitgeber Europas und nach Umsatz das größte Unternehmen Deutschlands. Der Konzern ist ohnehin schon durch die Affäre um eine Schummel-Software zur Manipulation von Abgas-Werten schwer angeschlagen.

4. Der Streit könnte die Automobilbranche für immer verändern

Dieser Konflikt könnte das Verhältnis zwischen Zulieferern und Herstellern in der Automobilbranche neu sortieren. Die beiden Firmen aus Sachsen sehen den Konflikt als Präzedenzfall. Sie wollen sich stellvertretend für alle Zulieferer gegen die Übermacht der Hersteller wehren.

"Die Hersteller bestimmen die Spielregeln", sagt Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach gegenüber "Spiegel Online". Das Verhältnis zwischen den Partnern sei angespannt. Immer wieder würden die Zulieferer klagen, dass sie den Herstellern ausgeliefert seien.

Die Zulieferer spielten "Robin Hood", heißt es nach Angaben der Nachrichtenagentur DPA im Umfeld der Firmen. Zwar falle ihr Handeln aus dem üblichen Rahmen, sei aber das letzte Mittel gegen "Ausbeutung und Machtmissbrauch".Der Konflikt zwischen ES Automobilguss und Car Trim auf der einen Seite und Volkswagen auf der anderen ist daher ein Stellvertreterkrieg, der die Zukunft der ganzen Autobranche betrifft - den größten Wirtschaftszweig Deutschlands.

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Mit Material der dpa

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