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Was sich kinderlose Paare nie zu sagen trauen

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Paare entscheiden sich immer häufiger für die Kinderlosigkeit. | Peathegee Inc via Getty Images
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Kleine Kinder werden nicht gefragt. Natürlich werden kleine Kinder nicht gefragt. Für die Entscheidungen sind ja wir Erwachsene da - wir sagen unseren Kindern einfach, was sie tun sollen. Dass sie mal Eltern werden müssen.

Insbesondere Mädchen, aber auch Jungen, werden immer noch in dem Glauben großgezogen, dass sie selbst einmal Eltern werden. Dabei hat sich die Lebenswirklichkeit längst verändert.

Kinderlosigkeit nimmt zu

Die Geburtenrate ist grundsätzlich in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Aber auch die Zahl von kinderlosen Paaren ist gestiegen. Ein Report des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2012 zeigte, dass 22 Prozent der Frauen mit Anfang 40 kinderlos sind. Ein Zuwachs von zwei Prozent im Vergleich zur letzten Erhebung von 2008.

Immer mehr Menschen entscheiden sich also, keine Kinder zu bekommen. Diese Entscheidung wird oftmals noch als spontaner Entschluss wahrgenommen - als Momentaufnahme von einer Frau, die vielleicht gerade mehr in ihre Karriere investieren möchte. Aber soziologische Untersuchungen haben mittlerweile gezeigt, dass Kinderlosigkeit für viele Paare keine Entscheidung ist, die ad hoc getroffen wird, sondern das Ergebnis eines Prozesses. Eines Prozesses, der Jahre dauern und auch deswegen nicht als abgeschlossen gelten kann.

Gründe für Kinderlosigkeit

Die Soziologin Amy Blackstone, University of Maine, hat versucht sich diesem Prozess in einer kleinen qualitativen Studie zu nähern. Sie befragte 31 Personen - 21 Frauen und 10 Männer, bis auf zwei Teilnehmer alle heterosexuell - nach den Gründen für ihre Kinderlosigkeit.

Dabei stellte sich heraus, dass die Entscheidung keine Kinder zu bekommen bei vielen Paaren noch gar nicht abgeschlossen war - dafür empfanden viele Paare die Entscheidung als zu komplex und schwierig. Aber es zeigte sich auch, mit welchen Erwartungen sich Paare konfrontiert sehen, wenn es um's Kinder kriegen geht. Welche Rolle Freunde und Familie bei der Entscheidung treffen und wie prägend frühkindliche Erwartungen für viele sind. Eben die Annahme, dass wir alle mal Eltern werden müssen.

"Wir sollten jedem die Möglichkeit geben, eine Entscheidung zu treffen, die sich richtig anfühlt. Es sollte eine Entscheidung sein und keine Annahme," wünscht sich Blackstone. Denn das würde sowohl kinderlosen Paaren, aber auch Eltern helfen, sich besser zu verstehen.

Hier sind die fünf zentralen Ergebnisse aus Blackstones Umfrage, in den Worten der Teilnehmer*:

1. Die Entscheidung wird nicht leichtfertig getroffen

"Ich glaube, ich bin ständig dabei zu entscheiden, dass ich keine Kinder will." (Annie)

"Ich glaube, wir haben die Entscheidung mehr als einmal getroffen. Zu verschiedenen Zeitpunkten in unserem Leben. Wir sind jetzt seit 18 Jahren zusammen und alle 5-6 Jahre fragen wir uns: 'Wie sieht es aus, möchten wir Kinder?', 'Ne, nicht wirklich'. Angesichts unseres Alters werden diese Fragen wohl bald aufhören." (Robin)

2. Sie haben erlebt wie es ist, Kinder zu haben. Und genau deswegen wollen sie keine

"Ich glaube, als viele meiner Freunde anfingen, Kinder zu bekommen, begann ich an zu denken: 'Och ne, besser nicht'. Auch wenn ich vorher noch Kinder wollte, habe ich gesehen, wie sie ihre Freiheit und Individualität verloren haben, das hat mich echt beeindruckt. Das war nicht das schöne, lustige Eltern-Zeugs, an das man denkt, wenn man jünger ist. Also das hat mich schon beeinflusst und ich dachte nur: 'Nicht mit mir'." (Janet)

3. Für Frauen spielt soziale Verantwortung eine große Rolle...

"Ich mache mir einfach viele Sorgen um die Welt. Wenn man sich mit sozialen Aspekten beschäftigt, muss man schon sagen, dass die Gesellschaft gegen Kinder ist. Es ist gerade einfach nicht gut, Kinder zu haben. Wir können sie nicht anständig großziehen." (Kate)

4. ...für Männer eher persönliche Motive

"Keine Kinder zu haben hat viel mit dem zu tun, was ich gerne mache. Ich tue einfach gerne Dinge, die ich mit Kindern nicht könnte. Ich will reisen. Es ist eine ganz bewusste Entscheidung, eine rationale Entscheidung, die sich damit auseinandersetzt, wie sich das Leben mit Kind für immer verändern würde." (Steve)

5. Sie denken viel darüber nach, was Eltern-Sein bedeutet

"Ich wünschte mir, mehr Menschen würden erstmal darüber nachdenken. Soll heißen: Ich wünschte, es wäre normal, darüber nachzudenken. Es nicht einfach zu tun." (Tony)

Blackstones Befragungen sind sicherlich nicht dazu geeignet, allgemeine Schlüsse über die Motive von Kinderlosigkeit zu ziehen. Dafür war die Teilnehmerzahl zu klein. Aber die Untersuchung konnte dennoch darauf hinweisen, dass es wichtige Aspekte der Kinderlosigkeit gibt, die auch von quantitativer Forschung berücksichtigt werden sollten. Insbesondere Fragen nach den unterschiedlichen Motiven und Einstellungen der Geschlechter.

Die Kinderlosen sind eine wachsende Gruppe - es wäre wichtig, sich mit ihren Motiven und Erlebnissen auseinanderzusetzen. Um dazu beizutragen, dass wir alle eigene Entscheidungen treffen können. Und nicht von scheinbar selbstverständlichen Erwartungen erdrückt werden.

*Die Namen der Teilnehmer wurden geändert.

Wenn du eine Tochter hast, nimm dir drei Minuten Zeit, um dieses Video zu sehen

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(juk)