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Ein bizarrer Streit legt VW lahm - das steckt dahinter

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VW
Ein alter Güterzug mit einem Logo von Volkswagen steht am Bahnhof in Fallersleben bei Wolfsburg | dpa
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  • Der Streit zwischen zwei Zulieferern und Volkswagen eskaliert
  • VW hat am Samstag die Produktion des Golfs in Wolfsburg gestoppt
  • Kritiker werfen dem Konzern vor, selbst Schuld an der Krise zu sein

Die Produktion des wichtigsten VW-Modells Golf steht im Stammwerk von Volkswagen Wolfsburg seit Samstagmorgen still. Der Hintergrund ist eine heftige Auseinandersetzung mit einem Getriebe- und einem Sitzbezug-Zulieferer aus Sachsen.

Was auf den ersten Blick wie ein belangloser Streit klingt, hat inzwischen massive Auswirkungen auf Tausende Beschäftigte.

Das sind die 8 wichtigsten Dinge, die ihr über den Streit und seine Folgen wissen müsst:

1. Was steckt hinter der Auseinandersetzung?

Die genauen Hintergründe für den Streit sind ungeklärt. Aus Sicht der Zulieferer Car Trim und ES Automobil Guss ist die schwierige Lage Folge einer frist- und grundlosen Kündigung von Aufträgen seitens VW. Volkswagen habe keinen Ausgleich dafür gewährt. Deswegen “sahen sich Car Trim und ES Automobilguss letztlich zum Lieferstopp gezwungen”, hieß es bei den Unternehmen.

Beobachter der Branche vermuten allerdings, dass der Grund für den Lieferstopp auch Preisdruck auf Seiten von VW gewesen sein könnte. Der VW-Konzern ist in der Branche bekannt für seine Verhandlungsmacht - nur noch Toyota und General Motors bauen ähnlich viele Fahrzeuge.

Beschaffungsvorstand Francisco Javier Garcia Sanz gilt als einer der erfahrensten Einkäufer der Branche. Er schrieb den Zulieferern Ende Juni, der Autobauer müsse auch bei den “Beschaffungskosten deutlich effizienter werden”.

Er wolle die Reserven mobilisieren. “Das wollen wir kooperativ erreichen, aber auch mit der notwendigen Konsequenz, um wettbewerbsfähig zu bleiben”, kündigte er die Marschrichtung an. Hintergrund der Sparoffensive sind wohl die Kosten, die der Diesel-Skandal verursacht hat.

"Die Art und Weise, wie VW mit Zulieferern umgeht, ist in keiner Weise akzeptabel und kann jeden kleinen Betrieb in den Ruin treiben", hatte Alexander Gerstung am Freitag gesagt. Er ist Mitglied der Geschäftsführung der ES.

2. Um welche Summen geht es?

Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, fordern Car Trim und ES Automobil Guss vom VW-Konzern insgesamt 58 Millionen Euro. Auslöser des Streits war laut "SZ"-Informationen eine von VW und Porsche gekündigte Entwicklungskooperation mit Car Trim. Car Trim machte anschließend Ausfälle und Schäden in Höhe von 55 Millionen Euro geltend.

30 Millionen bei VW, 25 Millionen Euro bei der VW-Tochter Porsche. Inzwischen soll sich die Forderung auf insgesamt 58 Millionen Euro belaufen. Der VW-Konzern lehnt es aber ab, zu zahlen, weil diese Summe "nicht plausibel" begründet werde.

Car Trim trat laut "SZ" einen Teil der Forderungen an die Prevent-Schwesterfirma ES Guss ab, so dass diese nun auch Ansprüche gegen VW geltend machen kann.

Bei VW glaubt man zu wissen, warum ES Guss auf diese Weise ins Spiel gebracht worden sei: Weil der Getriebeteile-Hersteller aus dem sächsischen Schönheide sonst keinen formalen Grund für einen Lieferstopp bei VW gehabt hätte und somit keinen Druck ausüben könnte.

2. Wie lang wird die Zwangspause für VW?

Am Samstag hat der Konzern im Wolfsburger Stammwerk Bereiche zur Vorbereitung der Fertigung ausgesetzt, die Logistik rund um den Golf wurde heruntergefahren. Ab Montag fallen bis kommenden Samstag Schichten in der Kernproduktion aus.

In Zwickau hält VW die Golf- und Passat-Montage zum Wochenstart ebenfalls an. In Emden hatte die Belegschaft schon in den vergangenen Tagen weniger gearbeitet.

3. Wie teuer wird das Ganze?

Das hängt maßgeblich von der Länge des Stopps ab. Volkswagen selbst wollte sich noch nicht zu möglichen finanziellen Folgen äußern. In der neuen Woche werden allein in Wolfsburg und Emden jedenfalls pro Tag rund 3450 Autos vorwiegend der Modelle Golf und Passat weniger gefertigt.

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Im ersten Halbjahr verdiente die Kernmarke VW Pkw an jedem ausgelieferten Auto vor Zinsen und Steuern im Schnitt rund 394 Euro - pro Woche wären das knapp sieben Millionen Euro weniger operativer Gewinn.

4. Verdienen VW-Beschäftigte nun weniger?

Viele ja, wenn Kurzarbeit beantragt wird. Im Passat-Werk Emden wurde sie bereits für 7500 Mitarbeiter angemeldet. In Wolfsburg hieß es in einer Bekanntmachung, für betroffene Beschäftigte prüfe man eine solche Regelung. VW erwägt dies auch für die Standorte Braunschweig, Zwickau und Kassel.

5. Was bedeutet der Produktionsstopp für die Kunden?

Auf sie könnte mitten im Diesel-Skandal weiterer Ärger zukommen. Schon jetzt sorgen sich einige um die Liefertermine bestellter Autos, wie Händler berichteten. In einem Schreiben an die Händler hieß es vom VW-Vertrieb zwar, das Unternehmen rechne mit einer Entspannung der Lage. Bei einzelnen Wagen könne es aber zu Verzögerungen kommen. Händler und VW wollen sicherstellen, dass die Kunden mobil bleiben.

6. Wer steht hinter den beiden Firmen aus Sachsen?

Eigentlich sind ES und Car Trim mit VW schon lange gut im Geschäft. Die ES-Gruppe war auch nach Informationen von VW-Aufseher und Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies ein “beständiger” Partner. Hinter den Firmen steht die Prevent-Gruppe aus Slowenien.

Prevent hat international mehr als 30 Standorte, Deutschland-Sitz ist Wolfsburg. Keimzelle des Auto-, Textil- und Möbelzulieferers war das Geschäft mit Schutzbekleidung.

7. Wie kann ein einzelner Zulieferer einen Großkonzern lahmlegen?

Der Fall ist sehr selten, kommt aber vor. 1998 etwa verursachten fehlende Türschlösser bei Ford in Köln einen Stillstand in der Produktion. Problematisch wird es immer dann, wenn ein Zulieferer im sogenannten single sourcing die einzige Bezugsquelle bestimmter Teile ist.

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Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer spricht in diesem Zusammenhang von “Fehlern” bei VW: “Wenn man schon auf single sourcing geht, braucht man eine sehr solide und äußerst stabile Geschäftsbeziehung.”

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