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Ex-Lidl-Manager packt über Schikanen und Tricks bei Discountern aus

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LIDL MANAGER
Discounter stehen schon länger für ihren Umgang mit Mitarbeitern in der Kritik | Reuters/HuffPost
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Unbezahlte Überstunden, Videoüberwachung, Mobbing. Immer wieder packen ehemalige Mitarbeiter von Discountern aus, wie es ihnen bei Aldi, Lidl und Penny erging.

Meist sind es einfache Angestellte, die schlimme Geschichten erzählen. Diesmal aber ist es ein ehemaliger Manager. Er sagt: Auch für Führungskräfte ist der Job beim Discounter die Hölle.

Der Manager heißt Michael Fischer. Und er weiß, wovon er spricht. Er arbeitete bei verschiedenen Discountern: Penny, Norma und zuletzt bei Lidl. Über seine Erlebnisse hat er jetzt mit dem Nachrichtenmagazin "Spiegel“ gesprochen. 2011 kündigte er bei Lidl und schrieb das Buch "Der Sinn des Lebens“ unter dem Pseudonym Casimir Brown.

In dem Buch beschreibt Fischer, wie er mit seiner Alkoholsucht während seiner Manager-Zeit beim Discounter fertig wurde. Wie es zu seiner Sucht kam - auch darüber hat er jetzt mit dem "Spiegel" gesprochen. Inzwischen arbeitet er wieder als Manager – allerdings nicht bei einem Discounter, sondern einem Konsumgüterhersteller.

100 Stunden Arbeit – pro Woche

Dem 49-Jährigen, der nach eigener Aussage eine 80- bis 100-Stunden-Woche hatte, ist vor allem die sogenannte "Filialphase" im Gedächtnis geblieben. Über die erzählt er im "Spiegel"-Interview:

Bei der "Filialphase" handle es sich um reine Schikane. Es gehe darum, "Leute zu brechen“, erzählt Fischer. "Die müssen erst mal im Schlamm liegen, die müssen fertiggemacht werden – und wenn sie es überleben, dann behalten wir sie“, habe ein Vorgesetzter mal zu ihm gesagt.

Als Fischer seine Station in einer Filiale hatte, sei ein Vorgesetzter in seine Filiale gekommen und habe ihn angebrüllt: "Der Laden ist scheiße! Ich trete dir in die Eier, und wenn du schreist, trete ich noch mal zu!“

Mobbing mit Rattengift

Und Fischer ist nicht der einzige, dem es so ergangen ist. Von ähnlichen Schikanen berichtet auch Andrea Straub, ehemaliger Bereichsleiter bei Aldi Süd, in einem Blog für die Huffington Post.

Psycho-Terror sei nicht selten eine Methode, um unliebsame Mitarbeiter loszuwerden, schreibt Straub. Üble Gerüchte würden gestreut, die Chefs suchten penibel nach kleinsten Fehlern. Alles, damit der Mitarbeiter als "Sündenbock" dargestellt werden könne.

Straub beschreibt, wie man versuchte, eine Mitarbeiterin loszuwerden: Da sie sich nach einem neuen Arbeitgeber umsah, was bei Aldi unter Strafe steht, sollte sie von allein gehen.

Um sie psychisch unter Druck zu setzen, musste sie Rattengift kaufen und im Bereich der Warenanlieferung verteilen – unter den Augen des belustigten Filialleiters, der von der Rattenphobie der Kollegin gewusst hatte.

Schon im Jahr 2013 prangerte ein "Markencheck" der ARD an, dass Aldi seine Angestellten zur "absoluten Kapitulation" zwinge. Augenscheinlich sind das aber nicht nur die schlechtbezahlten Mitarbeiter - sondern auch diejenigen, die in den Top-Jobs arbeiten.

"So exzessiv gesoffen wie gearbeitet"

Dass Manager die Demütigungen über sich ergehen lassen, liege am Gehalt, einem großen Dienstwagen und den schnellen Aufstiegsmöglichkeiten, meint der ehemalige Discounter-Manager Fischer.

Der Discounter Aldi lockt Uni-Absolventen etwa mit einem Einstiegsgehalt von 65.000 Euro Brutto im Jahr und einem Firmenwagen, schreibt die Zeitschrift "Chip". Das ist offenbar notwendig: Denn die Karriere beim Discounter ist bei jungen Akademikern nicht die erste Adresse nach dem Abschluss.

Passend zum Thema: Mobbing bei Aldi - Ein Ex-Mitarbeiter packt aus

Deshalb soll die "Turbo-Karriere" das Image aufpolieren.

Neben dem guten Gehalt wird mit schnellen Aufstiegschancen geworben. Aufgrund flacher Hierarchien sind bei den Discountern ungewöhnlich schnelle Karrieren möglich. "Sie können aber auch schnell enden", sagte Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein, der Zeitung "Welt".

Oftmals kommen die frischen Manager mit dem Leistungsdruck aber nicht zurecht, es folgt die Kündigung – oder der Burnout.

Fischer hat nach eigener Aussage seinen Frust mit Tabletten wie Antidepressiva betäubt und "genauso exzessiv gesoffen wie gearbeitet“.

Dadurch und durch die viele Arbeit sei er zum "familiären Totalausfall“ geworden. Privatleben: Fehlanzeige. Dass er immer noch verheiratet ist, sei ein Wunder.

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Und auch Kunden würden den Druck von oben zu spüren bekommen. Nämlich dann, wenn die Zahlen bei einer Inventur stimmen müssen: Plastiktüten, die normalerweise 15 Cent kosten, habe er dann nicht über den Scanner gezogen, sondern manuell in die Kasse eingegeben und mit 25 Cent berechnet. "Bei tausend Plastiktüten am Tag kommt da schon was zusammen.“

Die Geschäftsführung wisse sogar von Tricks wie diesen, unterstütze das System sogar.

Frauen und Schwule? Fehlanzeige!

Im Discount gelte: "Widerspruch ist tödlich.“ Karriere mache nur, wer sich an die Spielregeln hält. Und ein Mann sei.

Denn Frauen finde man in Führungspositionen bei Discountern kaum. Ebenso Homosexuelle. Das liege vielleicht auch daran, dass sie "Herrenabende, die im Bordell enden“ nicht so gut fänden, meint Fischer.

Sein Grund für den Ausstieg: "Ich habe den Glauben an die Menschheit völlig verloren.“ Bei seinem Job für Lidl sei er letztlich zusammengebrochen, wegen seines Alkoholproblems „mehrfach stationär in Behandlung gewesen“. Seine Kündigung habe ihm das Leben gerettet.

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