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An die Frau, die im Supermarkt nicht Danke gesagt hat

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GROCERY STORE WOMAN
Frau beim Einkaufen. | Betsie Van Der Meer via Getty Images
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Letzte Woche wurde ich Zeuge, wie eine junge Frau im Supermarkt wegen ihrer vermeintlich schlechten Manieren bloßgestellt wurde. An diesem sonnigen Donnerstag wollte sie gerade den Laden verlassen und ich war direkt hinter ihr. Ein großer, gut angezogener junger Mann kam ihr entgegen und hielt an, um ihr die Tür aufzuhalten. Dann blaffte er sie an: „Wenn mir jemand die Tür aufhalten würde, würde ich mich bedanken.“

"Ich hatte noch nicht einmal die Chance, mich bei Ihnen zu bedanken", entgegnete die junge Frau, als der Mann im Laden verschwand. Ich zuckte zusammen.

Ich erschrak, weil mir das Gleiche schon so oft passiert ist. Wie oft habe ich von Leuten ein sarkastisches "gern geschehen" oder "Danke" geerntet, nachdem sie mir eine Tür aufgehalten haben. Meist hatte ich noch nicht mal die Zeit, etwas zu sagen oder ich hatte mich schon bedankt - offensichtlich aber zu leise für ihre Ohren.

Fremde bloßzustellen scheint immer beliebter zu werden

Ich nenne solche Menschen "Anstands-Pedanten" und ich bin immer wieder überrascht, dass sie nicht merken, dass ihr Rüffel viel unhöflicher ist, als jeder Etiketten-Verstoß, den sie versuchen anzuprangern. Die Frau, die in diesem Fall zum Opfer des Anstands-Pedanten wurde, sah so klein aus und klang so höflich, dass ich an ihrer Stelle wütend wurde – aber die ganze Begegnung machte ich auch neugierig.

Der Trend, Leute wegen Nichtigkeiten bloßzustellen, scheint sich immer weiter zu verbreiten – auch wenn man davon ausgeht, dass er in den sozialen Netzwerken nur deutlicher zu Tage tritt.

Im vergangenen Jahr habe ich gelesen, dass ein Veteran aus Texas einen widerlichen Brief an seinem Auto fand, als er auf einem Behindertenparkplatz parkte. Darin hieß es, dass er nicht behindert genug aussehe, um hier zu parken. Der Mann antwortete mit einem Brief an seiner Windschutzscheibe, in dem er schrieb: "Auch wenn ich für Sie nicht behindert aussehe, kann ich Ihnen versichern, dass der Schmerz, den ich wegen meinen Kriegsverletzungen in meinem Unterkörper spüre, schlimmer ist, als jeder Schmerz, den sie jemals in ihrem Leben gespürt haben."

Dann gab es die Geschichte einer Frau, die von einem Fremden wegen ihres Schwitzens bloßgestellt wurde – nur weil sie sich nach dem Sport einen Kaffee holen wollte. Außerdem war da die Frau, die wegen ihres zu engen Kleides getadelt wurde, das sie bei einer Hochzeit trug.

Warum haben wir das Bedürfnis, andere zu tadeln?

All diese Stories führten dazu, dass in letzter Zeit vermehrt Artikel veröffentlicht wurden, die Reaktionen auf solche Vorfälle zeigen sollten. Wenn man nach Artikeln sucht, die "das war die perfekte Reaktion" im Titel tragen, dann findet man bei Google über 196.000 Ergebnisse.

Warum also fühlen sich Menschen dazu gezwungen, Fremde für ihr Verhalten anzublaffen? Wenn wir jemanden bloßstellen, dann haben wir in der Regel zwei Vermutungen:

a) Die Person, die wir beschimpfen, nimmt nie Rücksicht auf die Gesellschaft.

b) eEs ist unsere Aufgabe, ihr beizubringen, wie man sich richtig verhält, damit sie es nicht noch einmal tut. Wenn wir das tun, dann geben wir anderen Menschen nicht die Chance, ihre Beweggründe zu erklären. Wie heißt es so schön? Im Zweifel für den Angeklagten.

Die junge Frau, die den Laden verließ, hatte vielleicht etwas Anderes im Kopf oder sie hatte eine Behinderung oder sie bekam wirklich einfach nicht die Chance, Danke zu sagen.

Außerdem halte ich mehrmals am Tag anderen Leuten die Tür auf und erwarte nicht, dass jemand meine Güte bemerkt. Ich bin einfach froh, dass ich dazu in der Lage war. Es ist einfach schade, dass der junge Mann einen möglichen netten Moment in eine Situation verwandelt hat, in der sich drei Leute angegriffen gefühlt haben.

Eltern von kleinen Kindern scheinen die beliebtesten Opfer der Anstands-Pedanten zu sein - besonders, wenn ihre Kinder sich nicht gut benehmen oder verzogen scheinen. Es gab vor wenigen Jahren sogar eine Webseite, die „Too Big for Stroller“ hieß. Auf der Seite wurden Bilder von Kindern gezeigt, die zu groß für einen Kinderwagen seien. Über ihre Köpfe war mit Photoshop das Wort „Lauf!“ gelegt. (Laut Inhaber der Seite war das lustig gemeint, aber er gab zu, dass ihn der Anblick gestört hatte.)

Wir haben die falschen Prioritäten

Diese ganzen Geschichten zeigen völlig verschobene Prioritäten. Es ist unsere Pflicht, jede Art von Gefahr für Kinder aufzuzeigen. Wenn wir uns auf solche Kleinigkeiten konzentrieren, lenkt das nur von dieser Verantwortung ab.

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Vergangenes Jahr, um den 11. September herum, wurde im Internet das alte Essay einer Frau verbreitet, die bei den Terroranschlägen 2001 ihren Ehemann verloren hatte und kurz danach von New York nach New Jersey gezogen war. Laut ihrem Text hatten ihre Nachbarn von oben immer an ihre Decke geklopft, wenn ihr Baby weinte, weil es zahnte.

Schließlich schrieb sie den Nachbarn und ihrem Vermieter, dass sie nicht nur Anwältin, sondern auch eine 9/11-Witwe sei und sie die Polizei rufen würde, wenn sie sie noch einmal belästigen würden. In Ihrem Essay heißt es: „Ich wünschte nur, jede Mutter, die damit kämpft, ihr Kind allein großzuziehen, hätte so ein Ass im Ärmel. Ist unsere Gesellschaft inzwischen wirklich so verurteilend, dass jeder von uns eine tragische Anekdote braucht, nur damit Fremde mit ihrer Meinung zurückhalten?

Es gibt sicher viele gute Gründe, warum diese Geschichten gerade so beliebt sind. In harten wirtschaftlichen Zeiten sind die Leute gereizt und vielleicht müssen sie einfach irgendwo Dampf ablassen. Auch wenn es unserer Wirtschaft inzwischen besser geht, kenne ich viele Leute, die immer noch kämpfen. Vielleicht war der Mann, der letzte Woche die junge Frau so anfuhr, einfach in Sorge, dass er zu spät zur Arbeit kommt oder vielleicht war er auch einfach mit seinen Gedanken woanders.

Es würde uns gut tun, wenn wir uns öfter daran erinnern würden, dass es viele Leute gibt, die Bürden tragen müssen, die schwerer sind, als wir uns sie jemals vorstellen könnten.

Wer nichts Nettes zu sagen hat, sollte schweigen

Als ich den Vorfall letzte Woche beobachtete, konnte ich es leider nicht einfach sein lassen. "Wir versuchen alle, so perfekt wie sie zu sein", brüllte ich den Mann an. Dachte ich auch, dass er eine Lektion fürs Leben bräuchte?

Noch vor einer Generation predigten unsere Eltern eine völlig andere Anstandsregel: Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, dann sag besser gar nichts. Vielleicht ist es an der Zeit, diese spezielle Höflichkeit wieder einzuführen. Wenn du also das nächste Mal das Bedürfnis hast, einen Fremden zurecht zu weisen, dann lächle stattdessen einfach oder versuche zu helfen. Das könnte seinen Tag nämlich gleich viel besser machen, meinst du nicht?

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Jutta Kranz aus dem Englischen übersetzt.

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(vr)