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Harvard-Forscher: "Die Welt war noch nie so friedlich wie heute" - trotz Syrienkrieg und Terror

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STEVEN PINKER
Steven Pinker: "Die Welt wird immer friedlicher." | Bloomberg via Getty Images
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  • Zahlen des Forschers Steven Pinker zeigen: Die Welt wird immer friedlicher
  • Politiker müssten sich allerdings noch stärker und geschlossen für den Frieden einsetzen

Terror, Krieg und Amokläufe: Die Reihe der schlechten Nachrichten ist schier endlos. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Betrachtet man einen längeren Zeitraum, entsteht ein ganz anderes Bild. Das Ergebnis: Die Welt hat noch nie so friedlich wie heute - trotz Syrienkrieg und Terror.

Das belegt die Forschung des Harvard-Psychologen Steven Pinker. Der Wissenschaftler ist spezialisiert auf das soziale Zusammenleben und Gewalt.

In seinem Buch “Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit”, das bereits 2011 erschien, dokumentiert Pinker einen steten Rückgang der Gewalt unter Menschen in den vergangenen Jahrhunderten.

Und an diesem Trend hat sich auch in den vergangenen Jahren nichts geändert, wie Pinker in einem aktuellen Interview mit der US-Nachrichtenseite “Vox.com” bestätigt.

Schlagzeilen verändern unsere Sicht der Dinge

Wer unsere Sicht auf die Welt wirklich verstehen möchte, muss zuerst die Auswahl von Nachrichten verstehen, sagt Pinker. Denn diese beeinflussen unser Weltbild maßgeblich.

Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann schrieb schon 1996: “Alles was wir Wissen, (...) wissen wir durch die Massenmedien.” Zu dieser These kommt noch das journalistische Credo “only good news are bad news” hinzu – nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Konsumieren wir ausschließlich schlechte Nachrichten, werden wir in die Irre geführt, erklärt Pinker. “Denn Nachrichten informieren uns nur über Ereignisse, die passiert sind und nicht über Dinge, die nicht passiert sind.”

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Über einen Polizist, der einen Gewalttäter erschießt, wird tagelang berichtet. Über Hunderttausende Polizisten, die dies nicht taten, wiederum nicht, sagt er. Kurzum: “Solange gewaltsame Ereignisse nicht auf Null fallen, wird es immer Schlagzeilen darüber geben.”

Blickt man allerdings nicht nur auf die Schlagzeilen, sondern auf die Zahlen, kann sich der Blickwinkel massiv verändern.

Die meisten Menschen sterben nicht im Krieg

Zwar stieg die Zahl der Toten in den vergangenen Jahren durch die Kriege in Syrien und dem und im Jemen leicht an.

Und sie wird wohl auch in diesem Jahr leicht steigen. Allerdings ist die Statistik nicht zu vergleichen mit den vergangenen Jahrzehnten, geschweige denn der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

Während des Korea-Kriegs in den 1950er-Jahren kamen auf 100.000 Menschen im Schnitt 22 Kriegstote. Im Vietnam-Krieg waren es neun, zur Zeit des Irak-Kriegs in den 1980er-Jahren waren es fünf. Der jüngste Spitzenwert aus dem Jahr 2015 ist nur ein Bruchteil davon: 1,4 Kriegstote pro 100.000 Menschen.

Allerdings sind die Zahlen der Kriegstoten nur bedingt aussagekräftig. Denn die meisten Menschen sterben nicht im Krieg, sondern durch Morde.

Und auch die Opfer durch den globalen Terrorismus des sogenannten “Islamischen Staats” (IS) sind im Vergleich zu den Jahrzehnten davor gering.

Pinker: “Der Preis des Terrorismus war in den 1970er-Jahren deutlich höher als 2014. Während der Blütezeit der Roten Brigaden in Italien, der RAF in Deutschland und der Irisch-Republikanischen Armee, war die Mordrate durch den Terror wesentlich höher.”

Potenzielle Amokläufer motivieren sich durch die Medien

Dennoch warnt der Forscher vor einer Entwicklung, die die Motivation von Amokläufern und Terroristen rund um den Globus erhöht: “Die einzige Art und Weise garantiert berühmt zu werden, ist eine Menge unschuldiger Menschen zu töten”, sagt Pinker.

Und weiter: “Solange Medien endlos Werbung für die Mörder machen, schaffen sie eine Nische für diese Menschen, die aus einem politischen Motiv oder für ihr eigenes Ego töten.”

Der Psychologe appelliert deshalb, die Medien sollten mehr Sorgfalt bei der Darstellung von Gewalttätern walten lassen, um nicht zum Werbe- und Sprachrohr für Gewalttäter zu werden.

Denn Studien belegen, dass Amokläufer im Voraus ihrer Tat Nachrichten über andere Attentäter sammelten und konsumierten. Dies tat etwa auch der Amokläufer von München, der 17-jährige Ali David S.

Er setzte sich intensiv mit dem Attentäter Anders Breivik auseinander, der 2006 in Norwegen 77 Menschen tötete. Dieses Rampenlicht, die große Bühne in den Geschichtsbüchern und auf den Titelseiten sind oftmals der Ansporn für brutale Gewalttaten.

Pinker wünscht sich deshalb weniger Berichterstattung über Terroristen und Amokläufer. Und Nachrichten, die abbilden, wie die Welt wirklich ist - im Positiven, wie im Negativen.

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(ben)