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Mario Gomez: Das ist sein neues Leben in Wolfsburg

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Im Frühsommer lächelte Mario Gomez noch in der Istanbuler Sonne - nun geht es für ihn nach Wolfsburg

Ein wenig ist es, als finde Mario Gomez (31) so langsam in sein altes Leben zurück. Zum Lebensgefühl seiner erfolgreichsten Tage: Im Sommer hatte der lange verschmähte deutsche Sturmstar endlich das Comeback in der Nationalelf geschafft. Und nun kehrt Gomez nach drei Jahren im Ausland auch noch nach Deutschland zurück. Klar, dass der 31-Jährige darüber auch erleichtert ist. Er sei "sehr glücklich, in die Bundesliga zurückkehren zu können", versicherte er am Mittwoch. An seiner letzten Wirkungsstätte in Istanbul hatte er auch wegen Sicherheitssorgen nicht bleiben wollen, wie er im Juli erklärte.

Aber allein wegen des Sprungs zurück nach Deutschland, muss sich Gomez nun noch lange nicht am Ziel all seiner Träume sehen. Denn einen offensichtlichen Schönheitsfehler hat seine Heimkehr. Es ist: Gomez' neuer Arbeitsort: Wolfsburg. Jene niedersächsische Industrie-Großstadt, die 1938 als "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" gegründet wurde. Die böse Zungen als hässlichste Stadt Deutschlands bezeichnen. Oder als VW-Werk mit angeschlossener Schlafstadt.

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"Ich liebe dich - aber ich kann nicht in Wolfsburg leben."

Ob Gomez das juckt? Es ist fast davon auszugehen. Seit 2009 hat der Star in München, Florenz und Istanbul gekickt und gelebt. Und überall betont, dass die Städte wichtige Argumente für seine Vereinswechsel waren: "Diese Stadt ist fantastisch", schwärmte Gomez damals bei "Spox" über Florenz. "Es ist so eine große Stadt mit so vielen Menschen, Autos und Häusern. Die Aussicht rund um den Bosporus könnte einer der schönsten Ausblicke der Welt sein. Die Leute sind sehr freundlich und sie alle lieben Fußball", beschrieb er einst die Faszination Istanbuls für "UEFA.com".

Überhaupt hatte Mario Gomez immer wieder betont, er habe vor Jahresfrist kaum gezögert, nach Istanbul zu gehen. "Was, so ein Angebot hast du? Geh sofort da hin, das werden die besten Jahre deines Lebens", hätten ihm befreundete Profis versichert, erzählte er der "FAZ". Dass es ähnlich beherzte Fürsprecher für das Wolfsburger Angebot gab, scheint fraglich. An Autos und auch Häusern mangelt es in der 120.000-Einwohner-Stadt zwar nicht. An den "schönsten Ausblicken der Welt" dafür schon eher. Und selbst für den Füllungsgrad des Stadions soll die Schichtverteilung bei VW entscheidender sein als unbedingte Fußballliebe, munkelt man.

Bezeichnend für die Attraktivität Wolfsburgs ist eine Episode aus dem Jahr 1997. Der VfL Wolfsburg wollte den litauischen Stürmer Valdas Ivanauskas verpflichten. Fast schien das Geschäft schon in trockenen Tüchern, da sagte Ivanauskas doch noch ab - schuld war, so will es die Legende, seine Ehefrau. "Valdas, ich liebe dich, aber ich kann nicht in Wolfsburg leben", soll sie gesagt haben. Der treue Ehemann unterschrieb stattdessen in Salzburg. Vielleicht echtes Glück, dass Gomez seiner Liebsten Carina Wanzung (37) gerade erst im Juli das Ehegelübde abgenommen hat. Übrigens in München.

"Gute Argumente als Wohnort"?

Eines muss Wanzung immerhin nicht fürchten: Eine Pflicht zum Wohnsitz in Wolfsburg. Geschichten über eine derartige Klausel in den Verträgen der Wolfsburger Fußball-Stars sind wohl ins Reich der urbanen - oder provinziellen - Legenden zu verweisen. Nationalspieler Arne Friedrich etwa behielt vor ein paar Jahren seinen Hauptwohnsitz in Berlin. Freilich gibt es auch mutige Kollegen: Spieler wie Luiz Gustavo oder Patrick Ochs wohnten oder wohnen in Gegenden und Vororten mit klangvollen Namen wie Hehling, Kerksiek und Velpke. Kapitän Diego Benaglio behauptete gegenüber dem "Focus" gar, Wolfsburg biete "viele gute Argumente als Wohnort".

Selbst die Homepage der Stadt scheint das aber nicht mit Nachdruck bestätigen zu wollen. Als Sehenswürdigkeiten sind dort hauptsächlich Werks- und Veranstaltungshallen zu finden. Auch zwei Bowlingbahnen schaffen es in die Topliste. Immerhin gibt es das Theater- und das Kulturhaus aus der Feder der Stararchitekten Hans Scharoun und Alvar Aalto. Und wenn Gomez ganz viel Glück hat, darf er nach einem Titelgewinn selbst herausfinden, dass das Wolfsburger Rathaus nicht mal einen fest installierten Balkon hat.

Hans Sarpei war auch dort

Vielleicht wird es der Star aber auch so machen, wie die meisten großen Namen vor ihm. "Es war klar, dass der VfL für mich damals eine gute Perspektive, aber auch ein Sprungbrett sein sollte", erklärte Gomez' Nationalmannschaftskollege Julian Draxler (22) vor ein paar Wochen seine Abschiedsgelüste. Er ist immerhin noch da. Andere, wie André Schürrle, Hasan Salihamidzic, Diego, Thomas Hitzlsperger oder einst Stefan Effenberg blieben nur wenige Monate. Für sie stimmte es dann doch: Das schönste an Wolfsburg ist der ICE aus der Stadt heraus. Wenn er denn hält. 2011 zum Beispiel rauschte ein Zug dreimal am Bahnhof vorbei...

Natürlich gibt es aber auch positive Beispiele. Hans Sarpei (40) etwa, hat einst mithilfe Wolfsburgs seine Berufung als Spaßmacher gefunden. "Ja, du sollst nach Wolfsburg", spottete er vor Jahren auf Twitter über die unbedarfte Frage seines Kollegen Alexander Baumjohann, ob es denn beim Heimatverein in Schalke etwas Neues gebe. "Damit macht man keinen Spaß. Das ist nicht lustig", fand Baumjohann - der beim VfL auch noch seinen Ex-Trainer Felix Magath fürchtete. Die Fußball-Fans sahen das ganz anders. Über Wolfsburg kann eben (fast) jeder lachen. Sarpei darf bis heute weiter Witze reißen. Er spielte dort von 2001 bis 2007. Wie lange Mario Gomez in der VW-Stadt verweilt, bleibt abzuwarten. Sein Vertrag läuft bis 2019.