Huffpost Germany

Journalist Michael Gleich über konstruktiven Journalismus: "Viele Medien zeigen nur die halbe Wahrheit"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GLEICH
Michael Gleich über konstruktiven Journalismus: „Ich berichte aus purem Egoismus" | gleich
Drucken

Irgendwann in seiner Karriere merkte der Journalist Michael Gleich, dass etwas nicht stimmte. Dass sich die Medienwelt in eine falsche Richtung entwickelte, wie er fand, in eine einseitige Fokussierung auf Kriege, Krisen und Katastrophen. Er schrieb damals für viele bekannte Magazine und Wochenzeitungen.

Ihm wurde klar, "dass zu viele Journalisten ein falsches Bild der Welt zeichnen", sagt er. Sie konzentrierten sich nur auf das, was nicht funktioniert. Lösungen der Probleme dagegen spielten kaum eine Rolle.

Gleich machte Schluss. Wechselte die Auftraggeber, initiierte eigene Medienprojekte - und ging auf Reisen.

Seitdem stellt er vor allem die Dinge in den Mittelpunkt seiner Arbeit, die funktionieren. Er glaubt, dass die Welt dadurch ein Stück besser werden kann.

Und weil sich in Deutschland lange niemand für diesen konstruktiven Journalismus interessierte, unterrichtete er zunächst Reporter in ehemaligen Kriegsgebieten.

HuffPost: Herr Gleich, Sie unterrichten Reporter in Krisengebieten in konstruktivem Journalismus. Haben die Menschen dort keine anderen Probleme?

Gleich: Klar, keine Frage. Die Länder haben zunächst viele humanitäre Probleme zu lösen. Doch wenn mit dem Waffenstillstand der Friedensprozess beginnt, ein Prozess, der Gesellschaften tiefgreifend verändert, dann spielen auch die Medien eine wichtige Rolle. Sie können Demokratisierung unterstützen.

Wie trainieren Sie die Journalisten?

Zunächst müssen sie lernen, unabhängig zu recherchieren. In Konfliktregionen sind viele Journalisten parteiisch, entweder für die Regierung oder für Rebellen. Den wirklichen Unterschied machen Journalisten aber erst dann, wenn sie lernen, konstruktiv zu berichten.

Was ist der Unterschied zwischen investigativem und konstruktivem Journalismus?

Traditionell würden sich Journalisten darauf konzentrieren, was in den zerbombten Ländern schief läuft. An welchen Stellen immer noch korrupte Politiker aus dem alten Regime sitzen ...

... zweifellos wichtige Fragen.

Absolut. Aber Journalisten machen überall auf der Welt oft den Fehler, dass sie zu sehr auf die herrschende Klasse blicken, auf Politiker und Generäle. Was sie zu oft übersehen, ist die Kraft der Zivilgesellschaft, wo Menschen Dinge längst positiv verändern, während die Mächtigen nur politische Spielchen treiben. Das habe ich in Sri Lanka beobachtet, in Kolumbien und auf den Philippinen.

Wo stehen wir in Deutschland?

Auch deutsche Medien schauen zu sehr auf Prominente und Politiker, auf die vermeintlich Mächtigen: Egal, wie flach ihre Aussagen sind, sie werden berichtet. Projekte und Organisationen, die Veränderungen anstoßen, bleiben meist unbeachtet.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Medienwissenschaftler beobachten eine Entfremdung zwischen Medien und Bevölkerung in Deutschland, hängt das damit zusammen?

Davon bin ich überzeugt. Die Menschen verstehen immer mehr, dass das Bild, das Journalisten von der Welt zeichnen, so nicht stimmt. Sie stören sich an der Einseitigkeit.

Wollen Sie damit sagen, dass die Lügenpresse-Vorwürfe damit zusammenhängen?

Der Begriff Lügenpresse kommt aus rechtsgerichteten Kreisen und verunglimpft auch seriöse Medien. Aber wir können zumindest festhalten, dass Journalisten bei vielen Menschen Glaubwürdigkeit verloren haben. Ich bin davon überzeugt, dass es auch daran liegt, dass sie die Welt nicht so abbilden, wie sie ist. Gleichzeitig übersehen wir bei dieser einseitigen, auf Probleme fokussierten Berichterstattung, dass Berichte über gute Ideen auch neue gute Ideen hervorrufen können.

Das müssen Sie erklären.

Ich kenne da zahlreiche Beispiele. Mich hat besonders meine Begegnung mit einem Pastor und einem Imam in Nigeria beeindruckt. Beide waren als junge Männer Führer von bewaffneten Milizen - und haben sich gegenseitig erbittert bekämpft, Freunde des Gegners gefoltert und ermordet. Später haben sich die beiden versöhnt und eine Organisation gegründet, die erfolgreich zwischen muslimischen und christlichen Gruppen vermittelt.

michael gleich

Das ist eine schöne Geschichte. Aber inwiefern hat sie die Welt verbessert?

Weil die beiden Friedensstifter nicht nur die Konflikte in ihrer Region massiv reduziert haben, sondern auch durch verschiedene Berichte zu einem Vorbild für andere Länder geworden sind. Wichtig ist, dass solche positiven Beispiele immer weiterverbreitet werden.

Gibt es solche Beispiele auch aus Deutschland?

Ja. Mich beeindrucken zum Beispiel die sogenannten Ökodörfer überall im Land. Viele soziale Innovationen der vergangenen Jahre kommen aus diesen Gemeinschaften. Neue Ansätze für die Wirtschaft wie das Regionalgeld, autarke Versorgung mit grünen Energien und wirkungsvolle Methoden, um Konflikte zu lösen. Aber auch viele Ashoka-Fellows sind Beispiele für Menschen, die Probleme lösen (Anm. d. Red.: Ashoka ist eine Organisation, die Sozialunternehmer fördert).

Aber gerade Ashoka-Fellows sind oft in den Medien. Es gibt diese Berichte also schon.

Klar. Projekte wie Discovering Hands waren immer wieder mal Thema in der Presse ...

... eine Organisation, die blinde Frauen und ihren besonderen Tastsinn für Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchungen einsetzt.

Viele andere bleiben aber eher unter dem Radar, weil sie komplizierter sind und aufwändigere Recherche erfordern. Mich hat etwa das Projekt Streetfootball World beeindruckt, bei dem Jugendlichen soziales Handeln mit Hilfe von Fußball lernen. Das Projekt gibt es sowohl in Ostdeutschland, wo mit rechtsradikalen Jugendlichen gearbeitet wird, als auch in Kolumbien, wo es zu friedlicherem Zusammenleben in Armenvierteln beiträgt. Für mich sind solche Ideen genauso wertvolle Erfindungen wie der Wasserstoffmotor, der unsere Mobilität revolutionieren könnte, oder die Anti-Baby-Pille, die das Liebesleben von Menschen unbeschwerter gemacht hat.

Was ist Ihre eigene Motivation für konstruktiven Journalismus?

Letztlich berichte ich aus purem Egoismus über positive Projekte und erfolgreiche Problemlöser.

Was soll das denn bedeuten?

Ganz einfach: Diese Geschichten stärken meinen Optimismus, begeistern mich immer wieder neu. Friedensstifter etwa, die trotz aller Morddrohungen ihre Arbeit fortsetzen, oder der Pfarrer und der Imam. Die Energie dieser Menschen strahlt auf mich ab. Aber nicht nur auf mich.

Sondern?

Auch auf das Medienpublikum. Wenn wir ständig erzählen, dass die Welt den Bach runtergeht, dann fühlen sich die Menschen ohnmächtig. Wenn wir dagegen konstruktiv berichten, dann stärken wir das Gefühl der Selbstwirksamkeit.

Wie wirkt sich das aus?

Menschen erfahren dann aus den Medien, dass es etwas bringt, sich zu engagieren und selbst für Verbesserungen zu sorgen. Für eine Demokratie ist es wichtig, dass viele Menschen merken, dass Teilhabe möglich ist. Das kann die Welt verändern.

Generationen von Journalistenschülern haben gelernt, Journalismus müsse vor allem kritisch sein.

Das ist ja auch völlig richtig. Kritisches Denken gilt auch für konstruktiven Journalismus. Denn wenn wir über Lösungen berichten, müssen wir genau hinschauen: Ist der Vorschlag wirklich eine Lösung? Welche Auswirkungen hat eine innovative Idee? Welche Risiken gibt es? Aber das ist ein ganz anderer Ansatz als ihn viele vermeintlich kritische Journalisten verfolgen.

michael gleich

Warum?

Kritisch zu sein bedeutet für viele einfach, einen Verriss zu schreiben. Damit machen sie es sich zu leicht.

Wir sprechen immer über konstruktiven Journalismus. Sind alle anderen Journalisten also nicht konstruktiv?

Es geht nicht um einzelne Journalisten. Sondern um eine Neigung zum Negativen in der Medienlandschaft, die sogar wissenschaftlich belegt ist. Und diese Tendenz ist destruktiv. Sie gaukelt uns vor, dass alles immer schlimmer wird. Und dass wir nichts dagegen machen können.

Die Welt ist ja auch nicht nur rosig.

Stimmt. Aber sie ist auch längst nicht so schlecht, wie wir sie darstellen. Leider ist das Schlechtreden offenbar ein Teil unserer kulturellen Prägung. Die Welt ein Jammertal, der Mensch ein Sünder: Solche Bilder stecken in uns. Und diese Glaubenssätze spiegelt sich im Journalismus wider.

Wie ist die Welt denn in Wirklichkeit?

Zunächst einmal ein Ort, der in vielen Bereichen in den vergangenen Jahrzehnten lebenswerter geworden ist. Doch wer die Menschen damit konfrontiert, erntet Widerstand.

Lassen Sie uns raten: Das erleben Sie ständig?

Ja. Wenn Sie sich auf ein Podium setzen und sagen, die Welt sei noch nie so nah am Abgrund gewesen wie heute, ernten Sie Applaus. Sagen Sie dagegen, dass wir noch nie in einer Zeit mit so wenig Gewalt gelebt haben wie heute, ernten Sie ungläubiges Staunen - oder Abwehr.

Wie erklären Sie sich das?

Weil es nicht unserem Bild entspricht, das wir von der Welt haben. Und dieses Bild ist immer dann von den Medien geprägt, wenn es über unseren direkten Lebenskreis hinausgeht.

Zum Beispiel?

Das Kriminologische Institut Niedersachsen etwa hat die Bundesbürger repräsentativ befragt: Wie haben sich in Ihrer Wahrnehmung nach Straftaten innerhalb von zehn Jahren entwickelt? Die Menschen vermuteten, Autodiebstahl, Mord und sexuell motivierte Tötung hätten drastisch zugenommen. Die Schätzungen gingen hoch bis auf einen Anstieg von 260 Prozent. In Wirklichkeit hatten all diese Delikte im gleichen Zeitraum stark abgenommen, Mord sogar um 40 Prozent.

Was schließen Sie daraus?

Nicht die Delikte haben zugenommen, sondern die Zahl der Medienberichte darüber. Sie erzeugen bei den Lesern eine völlige Verzerrung der Realität. Darüber müssen wir sprechen. Und nichts anderes tue ich. Und ich glaube, dass die Aufgabe des Journalismus in Zukunft sein wird, das ganze Bild der Wahrheit zu zeichnen. Problem UND Lösungen. Sonst wird sich die Krise zwischen Lesern und Journalisten weiter verschärfen.

Globaler Friedensgipfel: Im September versammeln sich in Berlin 30 führende Friedensstifterinnen und Friedensmacher aus aller Welt in Berlin. Beim Global Peacebuilder Summit beraten sie darüber, wie ihre Arbeit in Krisengebieten noch wirksamer werden kann. Die Organisation Culture Counts Foundation, die Michael Gleich ins Leben gerufen hat, organisiert diesen ersten Gipfel für die Zivilgesellschaft mit Unterstützung des Auswärtigen Amts.

Michael Gleich ist Journalist, Buchautor und Moderator. Nach Stationen bei WDR, "Natur" und "Geo" initiiert er mit Kollegen vor allem lösungsorientierte Multimediaprojekte. Etwa Peace Counts. Mehr von ihm findet ihr hier.

Auch auf HuffPost:

Psychologin erklärt, warum wir gute Nachrichten brauchen

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Eine ebenso simple wie geniale Idee steckt hinter dem Projekt World Bicycle Relief. Diese nämlich lautet: "Fahrrad = Mobilität = Bildung". So einfach kann Hilfe tatsächlich sein.

World Bicycle Relief stellt Menschen in Entwicklungsländern Fahrräder zur Verfügung, damit sie ihr Leben aus eigener Kraft verändern können. Denn in ländlichen Regionen Afrikas bedeutet ein Fahrrad ein großes Maß an Lebensqualität: Es verkürzt die Transportwege und erleichtert seinem Besitzer den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Mit über 200.000 Fahrrädern, die in Afrika montiert werden, und 1000 ausgebildeten Mechanikern hilft WorldBicycleRelief vor Ort dabei, Armut zu bekämpfen und fördert Bildung und die wirtschaftliche Entwicklung in Gegenden, die sonst von der Infrastruktur abgeschnitten wären.

Unterstütze sie jetzt bei dieser Arbeit und spende auf betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(lk)