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Was wir uns von schwedischen Vätern abgucken können

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Ein leises Krähen im Hintergrund. "Oh, Entschuldigung, ich muss kurz nach meinem Kleinen schauen”, erklärt Johan Bävman, als ich mit ihm telefoniere. Der 34-jährige Schwede ist zweifacher Vater - und gerade in Elternzeit.

Damit gehört er zu einer wachsenden Zahl von Vätern, die die vergleichsweise großzügige Elternzeit in Schweden in Anspruch nehmen.

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Elternzeit in Schweden

Seit diesem Jahr kann ein Elternteil in Schweden für ganze 480 Tage zuhause bleiben - und dabei weiterhin 80 Prozent des vorherigen Gehalts beziehen. Höchstens 4000 Euro. Von diesen 480 Tagen müssen allerdings 60 Tage vom Vater des Kindes genommen werden, sonst geht die Elternzeit verloren.

Väter können sich aussuchen, wie sie die Elternzeit mit ihren Partnern teilen wollen. Je gerechter sich die Elternteile die Elternzeit aufteilen, desto höher ist der Bonus, den sie bekommen.

Elterngeld in Deutschland

In Deutschland wird das Elterngeld aus dem Durchschnitts-Nettoeinkommen der letzten zwölf Monate berechnet und beträgt mindestens 300 und höchstens 1800 Euro.

Eltern haben maximal 14 Monate Anspruch auf Elterngeld. Zwölf Monate, wenn nur die Mutter zuhause bleibt und zusätzliche zwei Monate, wenn sich Väter zwei sogenannte Vätermonate nehmen.

Seit dem Jahr 2007 zahlt der Staat Elterngeld, das hat hierzulande auch dazu geführt, dass immer mehr Väter das staatliche Elterngeld in Anspruch nehmen. Aber nur für kurze Zeit. Laut dem Statistischen Bundesamt stieg der Anteil der Väter, die Elterngeld beziehen, auf 34 Prozent. Allerdings bezogen davon knapp 80 Prozent das Geld nur für zwei Monate. Die Mütterbeteiligung lag bei 96 Prozent.

Schweden: Gelobtes Land?

Angesprochen auf die vergleichsweise großzügige Regelung in Schweden wird Johan sehr leidenschaftlich. "Die Gleichberechtigung von Eltern ist der wichtigste Aspekt der Gleichberechtigung", sagt der junge Vater, "aber ich denke nicht, dass es Aufgabe der Regierung sein sollte, das zu regeln. Wir müssen unsere Werte ändern. Wir müssen alle etwas dafür tun - aber es braucht Zeit, das Denken der Menschen zu ändern."

Johan liegt das Thema nicht nur aus eigener Erfahrung am Herzen, er hat sich auch beruflich intensiv mit jungen Vätern auseinandergesetzt. Johan ist Fotograf und hat für ein Buch-Projekt junge Väter fotografiert und interviewt.

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"Ich wollte zeigen, wie es aussieht für junge Väter. Aber ich wollte keine Superdads fotografieren. Und es war schwierig, Männer zu finden, die sich ganz normal und nicht als Superhelden inszenieren wollten. Denn Männer, die bei ihren Kindern bleiben, sind keine Superhelden. Sie sind einfach Väter."

Selbstverständliche Gleichberechtigung

War die Entscheidung, zuhause zu bleiben, für ihn selbst denn ganz normal? "Ja, ich bin so aufgewachsen. Aber ich merke auch, dass es das Beste für meine Partnerschaft ist. Meine Frau und ich wissen genau, was der andere durchmacht, wenn er sich um die Kinder kümmert. Und mir war klar, ich wollte eine enge Beziehung zu meinen Kindern aufbauen. Anders ginge das gar nicht."

In Schweden hat die gesetzliche Regelung deutlich dazu beigetragen, dass mehr Väter in Elternzeit gehen. Schweden hat in der EU die höchste Rate an in Vollzeit-arbeitenden Frauen und auch mit Kind arbeiten noch vergleichsweise viele Frauen in Schweden weiter.

75 Prozent der Elternzeit wird von Frauen genommen. Als die Elternzeit Mitte der 1970er Jahre eingeführt wurde, lag die Zahl noch bei 99,5 Prozent.

Johan glaubt, dass es trotz der Gleichberechtigung in Schweden immer noch vielen Männern schwerfällt, ihre Vorstellung von Männlichkeit mit dem Vater-sein in Verbindung zu bringen. "Sie wissen nicht genau, wie sie die Rolle füllen sollen, aber Frauen nehmen ihnen die Rolle auch oft nicht ab, das ist dann ein Problem für beide."

Positive Entwicklungen

Soziologische Untersuchungen über die Elternzeit in Schweden haben allerdings schon gezeigt, dass sich die Rollenbilder positiv verändern: "Sich um Kinder zu kümmern, wird immer mehr auch Teil einer modernen Männlichkeit unter schwedischen Vätern. Und es wird auch von Kollegen und Freunden unterstützt", heißt es in einer gemeinsamen Studie der Universität Mälardalen und Umea.

Johan erhofft sich auch eine engere Bindung zu seinen Kindern. Aber lässt sich denn zeigen, dass die Elternzeit dabei hilft? Eine Untersuchung der Universität Stockholm konnte zeigen, dass Väter, die Elternzeit genommen haben, sowohl im Anschluss weniger arbeiteten, als auch besseren Kontakt zu ihren Kindern pflegten, selbst wenn die Beziehung zur Mutter zerbrach.

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Keine Superdads

"Kinder großziehen ist furchtbar anstrengend. Es ist hart, aber es ist auch sehr erfüllend. Ich wollte genau das mit meinen Bildern zeigen: Die Müdigkeit, die Frustration, die Gefühle. Nicht irgendwelche super maskulinen Männer, die da einen Wettbewerb draus machen”, erläutert Johan. Aber es sei eben noch nicht völlig selbstverständlich, Väter so zu sehen. "Du würdest mich ja nicht interviewen wollen, wenn ich Mütter fotografiert hätte", sagt Johan. "Absolut nicht", sage ich und wir müssen beide lachen.

"Menschen möchten auch die Schwäche sehen, möchten einen Bezug zu anderen Menschen bekommen. Ich denke, dass zeige ich in meinen Bildern."

Frühe Bindung

Johans Wunsch nach einer engen Bindung zu seinen Kindern lässt sich mit der Elternzeit für Väter durchaus verwirklichen. Denn gerade in der frühen Kindheit, einer Phase, die traditionell von den Müttern begleitet wird, bilden sich die emotionalen Fundamente, das Grundvertrauen zu den Bezugspersonen.

Je mehr sich beide Eltern in dieser Zeit um die Kinder kümmern, desto stabiler ist das spätere Beziehungssystem zu dem Kind. Da sind sich Psychologen mittlerweile einig.

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Das schwedische System zeigt, dass Elternzeit kein "Wickelvolontariat" ist, wie es der CSU-Politiker Peter Ramsauer einst spöttisch nannte. Ganz im Gegenteil. Elternzeit hilft dabei, traditionelle Geschlechterrollen aufzubrechen, Arbeit neu zu denken, alternative Beziehungsmodelle zu stärken und die Bindung der Väter zu ihren Kindern zu stärken.

Das ist kein Volontariat, dass ist eine Lebensaufgabe.

Rollenbilder sind fest verankert

Alte Muster lassen sich eben nur zäh und mühsam aufbrechen - denn die Rollenbilder sind fest verankert. In einer Umfrage des Forsa-Instituts gaben 40 Prozent der befragten Väter an, Nachteile für die Karriere zu fürchten.

Ein wichtiger Aspekt, denn 75 Prozent der befragten Männer gab auch an, sich größtenteils noch für die finanzielle Versorgung zuständig zu fühlen.

Und auch, wenn sich Johan wünscht, dass der Staat weniger Vorgaben machen muss - die Veränderungen in Schweden zeigen deutlich, dass Gleichberechtigung, gerade in Bezug auf das Elterngeld, ein wichtiger Aspekt der Veränderung von Rollenverständnissen ist.

Sollen wir uns das nicht von den Schweden abgucken, frage ich Johan. "Doch schon, dass können wir ganz gut", meint Johan. Da kräht sein Sohn schon wieder los. Ich bedanke mich für das Gespräch und lasse Johan wieder ganz Vater sein.

Falls ihr Interesse an Johans Arbeit habt, könnt ihr sein Buch über Väter hier erwerben.

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(glm)